Mehr als ein Anhängsel Hermann Hesses

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 Dipl.-Biologin Eva Eberwein bei ihrem Vortrag in der Denkinger Mediathek, im Hintergrund ein Bild des Hermann-Hesse-Hauses in G
Dipl.-Biologin Eva Eberwein bei ihrem Vortrag in der Denkinger Mediathek, im Hintergrund ein Bild des Hermann-Hesse-Hauses in Gaienhofen, das das Ehepaar Eberwein vor dem Abriss rettete und restaurierte. (Foto: Herlinde Groß)
Herlinde Groß

Zum Weltfrauentag am 8. März hat Dipl.-Biologin Eva Eberwein unter dem Motto „Mia Hesse – ein vergessenes Leben neben Hermann Hesse“ das Leben der Ehefrau des Schriftstellers, geb. Bernoulli, beleuchtet. Der kurzweilige Vortrag in der Denkinger Mediathek schilderte anschaulich die Lebensabschnitte der bewundernswerten Maria (Mia) Hesse. Dabei wurden Zitate aus ihren lange unbeachteten Briefen eingeflochten und so eine Beziehung transparent gemacht, die von der ersten Verliebtheit über die Ernüchterung bis hin zur Ablösung und schließlich in ihre Krankheit führte.

Immer wieder spielte Pianistin Seunghyun Ku zu den Lebensabschnitten wie Ausbildung und Atelierzeit, Hermann und Mia Hesse, Aufbruch aufs Land, Arbeit-Erlöschen-Depression passende Musikstücke von Frederic Chopin, dem Lieblings-Komponisten von Mia Hesse.

„Es ist das Schicksal von Frauen berühmter Männer, dass ihr Leben nur im Hinblick auf ihren Partner gesehen wird und sie schlimmstenfalls als Anhängsel wahrgenommen werden. Dabei handelt es sich bei diesen Frauen oft um ausgeprägte Persönlichkeiten, die man in ihrer Individualität erfassen muss – nicht nur, um ihnen als Einzelperson gerecht zu werden, sondern auch um zu verstehen, was sie für ihren Partner bedeuteten und welche Lebenschancen oder auch Konflikte sich für beide daraus ergaben.“ Dies schreibt die Autorin Eva Eberwein und Besitzerin des Hesse-Hauses mit Garten in Gaienhofen in einem ihrer Bücher über die Hesse-Familie. Es trifft voll auf Mia Hesse zu. Eva Eberwein leitet die Arbeitsgruppe Mia Hesse in Gaienhofen und erarbeitete sich ein umfangreiches Wissen über sie.

Es gehöre schon zu den Besonderheiten der Hesse-Rezeption, dass diese erste Frau an seiner Seite in der öffentlichen Betrachtung bis 2004 kaum eine Rolle gespielt habe. „Ein Grund dafür mag sein, dass Hesses Briefe an seine erste Frau bei einem Brand in ihrem späteren Haus vernichtet wurden. Ein umfangreicher Briefkontakt von Mia an Hermann hat sich freilich im Nachlass des Dichters erhalten und gibt Auskunft darüber, was diese Frau gedacht und gefühlt hat – und in ihrer Ehe wohl auch erlitten haben muss“, erläuterte Eberwein.

Mia wurde 1868 in die wohllöbliche Familie Bernoulli in Basel hineingeboren. Während es für junge Frauen aus der Oberschicht damals vorgesehen war, dass sie gut verheiratet waren und sich eventuell sozial engagierten, schlugen die beiden Schwestern Mathilde und Mia einen ungewöhnlichen Weg ein und entschieden sich für eine photographische Ausbildung. 1902 eröffneten die zwei jungen Damen in Basel ein eigenes Atelier für Porträtphotographen. Somit galten sie als die ersten Berufsphotographinnen der Schweiz. Zudem war Mia eine begabte Musikerin.

Im Alter von 26 Jahren lernte Hermann Hesse 1903 in Basel die neun Jahre ältere Maria Bernoulli kennen. Mia entwickelte rasch ein warmes, fürsorgliches, ja geradezu mütterliches Interesse für den spröden Junggesellen, wie ihre Briefe aus jener Zeit dokumentieren. Kurz vor der Heirat 1904 schrieb Hesse an einen Freund über Mia, diese sei eine Frau, die ihm an Bildung, Lebenserfahrung und Intelligenz mindestens ebenbürtig und in jeder Hinsicht eine selbstständige, tüchtige Persönlichkeit sei.

Nach der Hochzeit zog das Paar nach Gaienhofen an den Bodensee, um ein einfaches ländliches Leben zu führen. 1907 wurde das jetzige Hermann-Hesse-Haus gebaut, das bis 1912 der Wohnsitz der Familie war. In dieser Zeit kamen die Söhne Bruno, Heiner und Martin zur Welt. Hermann Hesse forderte für sich großen Freiraum, um schreiben zu können, und flüchtete durch Reisen und Arbeit aus der Bürgerlichkeit – während sich Mia, die schon immer ein nach innen gewandter Mensch war, sich zunehmend als einstige erfolgreiche Fotografin in sich selbst zurückzog.

Sie versorgte ihre Kinder und den großen Garten, während ihr Ehemann nach Indien reiste. Ihr wurde nach und nach bewusst, wie sehr sie vereinsamte, erläuterte Eberwein. Es entziehe sich der Beurteilung Außenstehender, was zuerst da war – die Fluchttendenzen des Ehemanns oder die Depressionen Mias. Auch der Umzug nach Bern 1912 konnte die Ehe nicht mehr retten, sodass 1918 der Entschluss zu einer räumlichen Trennung in Hesse reifte, obwohl ihm seine Frau stets den Rücken frei hielt. Auch später betrachtete er sie nach wie vor als starke Person. Nachdem sie die psychische Krise überwunden hatte, stand sie bald wieder „ihre Frau“ und zog nach Ascona, wo sie im Alter von 95 Jahren starb. Bis zum Schluss war sie vielseitig interessiert und widmete sich ihrem geliebten Klavierspiel.

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