„Greta Thunberg ist ein Glücksfall der Geschichte“

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 Klimafachmann Franz Baumann referierte im Refektorium des „Kapuziner“.
Klimafachmann Franz Baumann referierte im Refektorium des „Kapuziner“. (Foto: Marcel)

Franz Baumann, Fachmann für Erderhitzung und Klimafolgen sowie früherer UN-Sekretär unter anderem für Blauhelmeinsätze, hat im Rottweiler „Kapuziner“ einen Vortrag gehalten. Im bis auf den letzten Platz besetzten Refektorium machte er gerade den wenigen jungen Zuhörern klar: Auf die Politik könne man sich in Sachen Klimawandel nicht verlassen. Greta Thunberg bezeichnete er als „Glücksfall der Geschichte“.

Eingeladen zu dem Abend hatten unter anderem die Agenda 21 und das Mehrgenerationenhaus, aber auch die evangelische und katholische Kirche. Raymund Holzer von der Agenda begrüßte Baumann und die Gäste: Baumann wuchs in Schramberg auf, für seine ehemalige Schulkameradin Maria Sinner war der Abend so auch ein bisschen Klassentreffen.

Doch ging es dabei viel ernster zu: Baumann, auch Mitglied von Scientists for Future, prophezeite ein Wachstum der Weltbevölkerung bis 2050 auf das Doppelte. Mit entsprechenden Folgen für das Klima. Und er ging auf die Ursachen ein: In der vorindustriellen Zeit dienten Wind, Wasser und Holz als Energiequellen – nachhaltig also, man war mit Pferden statt Autos unterwegs. Baumann zeigte auf, in welchem Wohlstand man heute lebe und was das bedeute: „Kein Diktator konnte je ein so globales Problem erschaffen. Keiner konnte den Meeresspiegel steigen lassen. Wir heute können dies.“ Die Zeit dränge, so Baumann, der klar machte: Die Menschen im armen Süden der Welt hätten am wenigsten dazu beigetragen, aber sie litten am meisten darunter durch vermehrte Naturkatastrophen.

Schon 1988 hätten Wissenschaftler einen ersten Zwischenbericht mit Vorschlägen zum Schutz der Erdatmosphäre gemacht und auf den Treibhauseffekt hingewiesen, sagte Baumann. Doch nichts sei geschehen. Anhand von Diagrammen zeigte er anschaulich die möglichen Folgen auf und stellte klar: „Der Klimawandel und die Erderhitzung sind ein nationales, kein parteipolitisches Problem“. Die Politik habe die Lage noch nicht verstanden: „Das Thema wird mit Samthandschuhen angefasst, als ob man hofft, dass es irgendwann wieder weggeht. Es wird aber immer schlimmer.“

Der Fachmann stellte klar, dass unser Wirtschaftswachstum „zu groß, zu viel und zu billig“ sei. Eine Anpassung sei aber möglich, allerdings nicht auf freiwilliger Basis. Man müsse das als Notsituation anerkennen.

Bei der anschließenden Diskussion ging es auch um die Frage, inwieweit Kapitalismus zähmbar und dass ewiges Wachstum nicht möglich sei. Eine Zuhörerin betonte, dass man sich nicht auf die Politik verlassen dürfe, sondern selbst andere Wege gehen müsse – auch, wenn das schwer falle. Auf die Frage an einen der jüngsten Teilnehmer, wie denn seine Generation darüber denke, sagte ein immerhin schon 27-Jähriger, er könne nur anmerken, dass er sich bei den Älteren nicht dafür bedanken könne, welche Parteien in den letzten 20 Jahren an die Macht gewählt wurden.

Baumann machte klar, dass Politik nicht auf Einsicht, sondern nur auf Druck reagiere. Den Vorwurf, die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg moralisiere, ließ er nicht stehen. „Sie sagt: Hört auf die Wissenschaft.“ So sei sie ein Glücksfall für die Geschichte.

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