Die Habseligkeiten der Flüchtlinge

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Kiki Streitberger zeigt ihre Fotografien mit Gegenständen von Flüchtlingen noch bis 3. Januar in der Galerie im Altbau in Aldin
Kiki Streitberger zeigt ihre Fotografien mit Gegenständen von Flüchtlingen noch bis 3. Januar in der Galerie im Altbau in Aldin (Foto: Regina Braungart)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiterin

Eine Puppe und Sonnenmilch, ein Zara-Pullover, ein Lötkolben und Fotos, immer wieder Fotos. Das sind die Gegenstände, die Flüchtlinge überwiegend aus Syrien auf ihrer gefährlichen Reise übers Mittelmeer mitgebracht haben. Kiki (Kirsten) Streitberger, aus Aldingen stammende, in London lebende Fotografin, hat sie auf großen, eher künstlerisch-dokumentarischen Fotos festgehalten und daraus einerseits eine Ausstellung, andererseits ein Buch gemacht.

Es ist die Abschlussarbeit ihres zweiten Studiums. Die Masterarbeit, die ihr Lehrer langweilig fand, und die schließlich den Preis der berühmten Getty-Bildagentur gewonnen hat. Jetzt hat sie einen Getty-Mentor.

Diese Geschichte scheint typisch für Kiki Streitberger zu sein. Eigensinnig, wenn sie von etwas überzeugt ist, impulsiv und vor allem nicht stromlinienförmig. Die vielen, vielen Menschen, noch einer und noch einer im Bild, das stumpfe den europäischen Betrachter ab, hatte sie sich gedacht. Hingegen Gegenstände sagten ebenfalls viel über den Besitzer aus, verbinde sogar, findet sie. „Ranya hat den gleichen Pulli wie ich“, sei ihr sofort aufgefallen, will sagen, viele Gegenstände hätten wir genauso oder in der europäischen Variante mitgenommen, wenn wir nur mit „leichtem Gepäck“ weggehen hätten müssen. Für Kiki Streitberger ist das überlegte Präsentieren der Gegenstände „Identifikation durch die Hintertür“.

Ein wenig Provokation darf auch sein bei diesem Projekt. Der Titel „Travelling light“ heißt keineswegs mit vorweihnachtlichem Beiklang „reisendes Licht“, sondern eben „Reisen mit leichtem Gepäck“ Also die hippe Variante mal schnell irgendwo hinzufliegen. Im Zusammenhang mit einer gefährlichen, oft mehrtägigen Bootsfahrt in einem Seelenverkäufer oder eine Nussschale, ist diese Bezeichnung grotesk.

Überhaupt erwischt Streitberger den Betrachter immer wieder, kurz bevor ein Vor-Urteilszahnrädchen einrasten kann. Da ist das bodenlange arabische Gewand, und just daneben ein gestreiftes modernes Herrenhemd. Da sind die in unseren Augen dreifach veränderten Fotos mit lieblichem Kitschhintergrund und, direkt daneben, die Stretchjeans. Und dann sind die Gegenstände wie Zeugnisse, sie tauchen überall auf, banale Erinnerungsgegenstände, die wegen des Schenkenden, etwa dem Opa, ganz wichtig sind, die fast nach einem universellen menschlichen Raster mitgenommen sind.

Bei jedem Bild ist ein kleines Interview, in dem die Besitzer der Gegenstände über diese Dinge und ihre Bedeutung befragt sind. Vom fünfjährigen Kindergartenkind bis zum 50-jährigen Geschäftsmann. Es sind Handwerker, Ladenbesitzer, Lehrerinnen, Apotheker dabei. Das Projekt lasse die Grenzen zwischen „Wir und Die“ verschwinden, sagt Streitberger: „Wir sind uns ähnlich.“ Die Interviewten hat sie in Aldingen, Rottweil, Villingen-Schwenningen getroffen.

Diese Arbeit scheint eine kleine Zäsur. Streitberger war als Aupair nach der Schule in England, blieb dort, studierte Schauspiel und Fotografie an der Plymouth University, ging auf die Schauspielschule, was als Erfahrung prima, als Beruf nichts für sie sei. Seit 2006 ist sie also freischaffende Fotografin, lebte 2009/10 in Israel aus privaten Gründen und studierte dann an der Universität Westminster Documentary Photography and Photojournalism.

Ein wenig Provokation steckt auch in den Begleitbildern: Nicht von ihr stammende Fotos von armen Menschen auf dicht gedrängten Booten und dann Monate später am Hafen in Catania/Italien, wo heute noch Schiffs-Wracks stehen; Polizisten, Zäune, Verbote. Am bedrückendsten ist das Bild, das sich im Kopf selbst zusammen setzt, wenn man ins Innere eines Viehtransport-Bootes schaut.

Kiki Streitberger scheint mit diesem Projekt auch ein wenig ihrer eigenen Persönlichkeit widerzuspiegeln, facettenreich, gegen den Strich gebürstet, unkonventionell.

Kiki Streitberger: Travelling Light, Fotografien, bis 3. Januar, Galerie im Altbau, Uhlandstraße 32, Donnerstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr

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