„Bitte einen würdigen Gesichtsausdruck bewahren“

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 Die Schlussszene „Du bist meine Welt“, (von links) Minister Eduard Graf Taaffe (Judith Lang-Rutha), Marie Gräfin Larisch (Mela
Die Schlussszene „Du bist meine Welt“, (von links) Minister Eduard Graf Taaffe (Judith Lang-Rutha), Marie Gräfin Larisch (Melanie Rosen), Mary Baroness Vetsera (Luise Wazka), Kaiser Franz Josef (Michael Hurst), Kronprinz Rudolf (Annette Reichmann), Cäcilla Gräfin von Auersperg (Sandra Frank) und Kronprinzessin Stephanie (Lisa Kroll). (Foto: Alois Groß)
Herlinde Groß

Was eine Musiklehrerin mit ihren Schülern alles auf die Wege bringt, zeigt die Musicaloperette „Liebe überwindet alles“, die am 4. November um 18 Uhr in der Stadthalle Tuttlingen uraufgeführt wird. Die Trossinger Opernsängerin Regina Berner hat zum 20-jährigen Bestehen des von ihr gegründeten „Festival der Stimmen Tuttlingen“ dieses Musikstück arrangiert und geschrieben. Hierin werden die Zuschauer in die Welt der österreichischen Kaiserfamilie mit der tragischen Geschichte von Kronprinz Rudolf, Sohn der Kaiserin Sissi, und seiner große Liebe zu Mary Baroness Vetsera geführt. Nun fand die erste Gesamtprobe mit allem Drum und Dran im evangelischen Gemeindehaus Aldingen statt.

Zuvor hat die Arrangeurin die Größe der Tuttlinger Bühne im Saal abgesteckt. Ohne großes Lampenfieber und mit viel Gelächter probieren die jungen Vokalisten zuerst ihre historische Garderobe an. Sie kommen aus der ganzen Region.

Nach dem Ruf der Regisseurin, „Sitzt alles und ist alles parat?“, erklingt die Musik von Frank Wildhorn, „Prolog“. Bereits bei ihrem ersten Auftritt zeigt Kronprinzessin Stephanie (Lisa Kroll) ihren herrschsüchtigen Charakter, was ihr sehr gut gelingt, während sich ihr Gemahl Kronprinz Rudolf (Annette Reichmann) ganz bescheiden benimmt. Regina Berner ist mit diesem Auftritt sehr zufrieden, während sie alle Gesänge am Flügel begleitet und das Geschehen auf der Bühne voll im Griff hat.

Im Einzelunterricht erlernen die jungen Stimmen ihren musikalischen Part. Der Chor der Adeligen lässt bereits aufhorchen, während das gemeine Volk jammert. Die erste Rüge der Leiterin muss der Zeremonienmeister beim Ansagen des Kaisers hinnehmen. „Bitte Füße zusammen und einen würdigen Gesichtsausdruck während der ganzen Handlung bewahren.“

Die Erklärung der richtigen Position und Handhaltung beim Tanzen des Kaiserwalzers nehmen die Tanzpaare der Formation Golden Fifties Tuttlingen ruhig entgegen. Das Treppensteigen ohne Treppe zur Bühne muss allerdings zweimal geprobt werden. Nach der Szene mit dem Tod der Selbstmörderin erklingt ergreifend die musikalische Erkenntnis von Kronprinz Rudolf über die Geschehnisse im Lande und die Hoffnungslosigkeit der Menschen. „Das war sehr gut“, lautet das Lob. Anerkennung von Berner erhält ebenfalls das wunderschöne mit der Tenorstimme des Kaisers Franz Josef (Michael Hurst) vorgetragene „Ein Kaiser darf keine Liebe kennen“ nach der Melodie von Rudolf Kattnig, Text und Arrangement von Regina Berner. „So gut hast du noch nie gesungen“, wird auch Mary (Luise Wazka) für ihren Vortrag in „Marys Motiv“ gelobt.

Immer wieder müssen die Sängerinnen und Sänger, die oft als Schauspieler agieren, Richtigstellungen und Anweisungen der Regisseurin entgegennehmen und manchen Part ein oder sogar zweimal wiederholen. Einiges zum Korrigieren gibt es beim Ball zum kaiserlichen Jubiläumsfest mit dem Walzer Nr. 2 von Dimitri Schostakowitsch, bis alles nach den Vorstellungen von Berner klappt.

Besonderen Wert beim Durcharbeiten der zwei Szenenaufzüge legt sie beim Singen auf Mut zu einer „schlanken Singweise“, langsames Sprechen mit guter Aussprache und zum Publikum gewendet, da alles ohne Mikrofon abläuft. „Der Besucher muss hören und verstehen, was auf der Bühne vor sich geht“, lautet ein Argument. Ein Weiteres ist das richtige Aussprechen von bestimmten Lauten und hoheitsvolles Gehen der Majestäten.

Mehrere Darsteller treten in Doppelrollen auf. Diese Umstellung der gespielten Charaktere erfordert Einfühlungsvermögen bei Wort und Gesang, sagt Berner. Die Eislaufszene entpuppt sich als wunderschönes Spiel mit Mary und Rudolf zusammen mit den Eislaufkindern auf Inlinern. Beim zu Herzen gehenden Solo von Kronprinzessin Stephanie, worin sie betont, dass sie die Frau des Kronprinzen bleiben wird, ist es mucksmäuschenstill.

Über die ergreifende Schlussszene „Du bist meine Welt“ könnte die letzte Strophe des Lieds „Horch was kommt von Draußen rein“ gelegt werden: „Die sich lieben, kriegen sich, und wenn‘s erst im Himmel ist.“

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