Baustelle lässt Umsatz einbrechen

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Redaktionsleiterin

Das Bild, das sich von der Neugestaltung der Frittlinger Ortsmitte abzuzeichnen beginnt, ist hübsch. Doch der Preis ist etwa für die anliegende Bäckerei sehr hoch. „Wir haben sämtliche Rücklagen aufgebraucht“, sagt Manuela Bacher. Im September sind die Umsätze um 57 Prozent zurück gegangen und in den anderen Monaten war es auch nicht besser. Der Grund: Die Baustelle hat seit Juli Klimmzüge wegen der bis ans Haus reichenden Baugrube beim Bestücken des Verkaufswagens verlangt, und im Verkaufswagen ließ sich über den Sommer nicht ansatzweise das absetzen, was die Bäckerei sonst verkauft.

Auch am Hotel-Restaurant Kreuz hängt ein Zettel: Wegen Baustelle vorübergehend geschlossen. Gäste können den Eingang nicht erreichen.

Am 26. November soll die Weiherstraße wieder für den Verkehr geöffnet werden, sagt Bürgermeister Dominic Butz. Im Januar 2019 geht es dann mit dem Teilstück Hauptstraße weiter. Dann betrifft die Baustelle unter anderem die Metzgerei-Filiale Digeser, deren Hauptgeschäft in Irslingen ist. Hier könnte es nicht so schlimm kommen wie für die Backinsel, sagt Chefin Karin Digeser. Denn es gäbe für die Kunden vielleicht die Möglichkeit, über eine Treppe von unten zur Metzgerei zu gelangen, statt von der Hauptstraße. „Ich kann jetzt noch nichts sagen, wir werden es sehen, wenn es so weit ist“, sagt sie. Klar ist jedenfalls: Ein Verkaufswagen sei wegen der Temperaturen im Winter keine Alternative.

Der Wagen war für die Bäckerfamilie Bacher auch kein Zuckerschlecken, wenn auch die einzige Möglichkeit. Anfangs hat die Gemeinde diesen zur Verfügung gestellt, weil der Bau früher losging, dann haben Bachers den von ihnen reservierten in Betrieb genommen. Er steht neben dem Rathaus in der Ortsmitte auf der Schotterfläche, doch bis vor einer Woche war er zugeparkt – aber nicht von Kunden, so erzählt es die Bäckereichefin. Jetzt habe die Gemeinde reagiert und die Parkplätze ausgewiesen.

Umsatzbringer „Snacks“ sind quasi weggebrochen

Im Sommer habe die brütende Hitze nur Halbtags-Öffnungszeiten erlaubt, jetzt sei es besser. Ganze Sektoren seien aber weggebrochen, so Bacher, so setze sie in normalen Zeiten über 200 belegte Brötchen – „Snacks“ – um. Vor allem der Durchgangsverkehr halte gern, um sich mit einem Vesper zu versorgen. Jetzt waren es noch 30. Das Sortiment ist naturgemäß kleiner im Wagen, und im Sommer konnten auch Kuchen nicht angeboten werden – es war zu heiß.

Das größte Problem, die einbrechenden Umsätze abzufangen, sei gewesen, dass die Pacht – vierstellig, aber nicht am unteren Rand – einfach weiter bezahlt werden musste. Der Pachtvertrag läuft noch zwei Jahre. Weil die Mitarbeiter trotz konzentriert genommenen Urlaubs und der Terminierung einer Knie OP extra in die Zeit der Baustelle unbedingt gehalten werden sollten, wurden die eingebrochenen Umsätze durch die Rücklagen ersetzt. Und durch Lohnverzicht der Chefs. Nur: „Wenn jetzt was passiert, eine Maschine kaputt geht oder ähnliches, dann haben wir nichts“, so Bacher. Insgesamt arbeiten Bäckermeister Albin Bacher und sein Kollege Rolf Hauschel als Bäcker in der Firma mit sechs Mitarbeiterinnen. Momentan seien viele Kunden aus dem Durchgangsverkehr nicht mehr da, die die kleine Bäckerei wegen der Qualität ihrer handwerklichen Produkte schätzten, sogar Brot in großen Mengen mit nach Hause in Stuttgart oder Freiburg nähmen zum Einfrieren.

Was die Bäckereichefin besonders betroffen hat, ist, dass seitens der Gemeinde nie nachgefragt wurde: Wie geht es euch mit der Baustelle.

Bürgermeister Dominic Butz sagt, dass der Gemeinde eben auch die Hände gebunden seien. Denn es liege nicht nur an dem geplanten Einbahnring zur Verkehrsberuhigung, sondern die Straßen hätten so und so wegen maroder Kanäle und Leitungen aufgerissen werden müssen. Man sei ständig mit den Anliegern im Gespräch, so Butz. Dem Gemeinderat habe die Bäckerfamilie aber erst kürzlich die massiven Umsatzeinbrüche geschildert. Den Umsatz beeinflussen könne die Gemeinde nicht. Aber: Nichtöffentlich habe der Gemeinderat jetzt beschlossen, die durch die Baustelle entstandenen Mehrkosten zu tragen. Dazu gehört wahrscheinlich auch die Konventionalstrafe, die die Bäckerei wegen nicht Abnahme vertraglich vereinbarter Waren zahlen muss. Butz ist überzeugt, dass die Situation nach Abschluss der Baustelle „Um Klassen besser sein wird“, und die Gemeinde werde die Geschäftsleute unterstützen, wo sie kann, wenn diese kreative Aktionen planen, um die Durststrecke wieder aufzufangen. Aber fest stehe: Die Gemeinde baue nicht für sich, sondern für die Bürger, und die Baufirma sei super und vier Wochen schneller als geplant.

Voll des Lobes über die Baufirma ist auch Manuela Bacher. Die hätte geholfen, wo sie konnte. Und Elisabeth Keitel, eine der Kundinnen der Backinsel, die zufällig vorbei kommt, spricht der Bäckereichefin Mut zu: „Ich hoffe, dass die Bäckerei im Dorf erhalten bleibt. Es ist eine Wahnsinnsleistung, wie Ihr das gemanagt habt.“

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