Disziplin und Ruhe: Erwin Ulmer gibt den Dorfschulmeister mit Rohrstock an der Schultafel.
Disziplin und Ruhe: Erwin Ulmer gibt den Dorfschulmeister mit Rohrstock an der Schultafel. (Foto: Freilichtmuseum Neuhausen)

Seit 2013 gibt Erwin Ulmer, pensionierter Lehrer und Buchautor, den Dorfschulmeister im Freilichtmuseum Neuhausen. Am Sonntag, 28. April, findet um 10.30 Uhr in der Dorfschule des Museums für alle eine Schulstunde im Stile anno 1910 mit Ulmer statt. Redakteur David Zapp hat mit Ulmer über seine Rolle, Züchtigungspraktiken vor 100 Jahren und über die Nostalgie an alte Schulzimmer gesprochen.

Herr Ulmer, wie sind Sie an das Amt des Dorfschulmeisters im Freilichtmuseum gekommen?

Mit dem damaligen Mitarbeiter des Museums, Karl-Heinz Reizner, war ich schon länger befreundet. Wir haben auch zusammen ein Buch über Tuttlingen geschrieben. Er hat 2013 zu mir gesagt, dass das Fernsehen zum Jubiläum des Freilichtmuseums kommt. Und da bräuchte man noch einen Schulmeister. Ob ich mir das vorstellen könnte. Exhibitionist wie ich bin (lacht), habe ich das gemacht. Das war schon eine Herausforderung mit 40 Kindern in der Klasse, 50 Erwachsene drumherum und die Fernsehkameras dazwischen. Der Mann vom SWR hatte sich einen Satz zurecht gelegt und hat den sieben Mal wiederholt. Und ich habe einfach drauflos gespielt und unterrichtet. Aber es ist dann schon ganz nett geworden. Dann war das Fernsehen noch ein zweites Mal da, und ab meiner Pension habe ich mich dann bereit erklärt, den Dorfschulmeister zu machen.

Woher haben Sie die Uniform mit Frack und Zylinder?

Das ist auch eine interessante Geschichte. Den Zylinder hatte ich noch von meinem Großvater. Nur war der mir zu klein, der ist mir ständig auf den Boden gefallen. Eine Bekannte von mir hatte die Witwe des ehemaligen Landrats Hans Köpf betreut und bei ihr im Kleiderschrank den Frack gesehen. Und da haben sie direkt an mich gedacht. Der Mann der Bekannten war Schneider und hat mir den Frack zurecht geschneidert, weil der Köpf etwas schmaler war als ich.

In welcher Zeit spielt Ihr Dorfschulmeister, und was war das für eine Zeit? Sie mussten sich ja auf die Rolle vorbereiten...

Um 1900 herum. Aber die Uniform des Schulmeisters mit Frack und Zylinder war ja die Ausgehuniform für den Sonntag. Der Lehrer ist nicht mit dieser Uniform in der Schule gewesen. Ich habe mich schon erkundigt, wie das damals war. Zuerst war ich im Archiv der Pädagogischen Hochschule in Weingarten. Und was mir auch sehr viel gebracht hat, war das Schulmuseum in Friedrichshafen. Die haben eine große Dokumentation.

Was war der Dorfschulmeister um 1900, welches Ansehen genoss er?

Das war unterschiedlich. Der Dorfschullehrer hatte sich sein Ansehen selbst erarbeite müssen, wie ein Bürgermeister auch. Aber um 1900 hatte der Dorfschulmeister es besser als noch um 1850. 1900 wurde er vom Staat bezahlt und war nicht mehr von der Kirche abhängig. Natürlich war das gut, aber der Staat hatte dann mehr Zugriff auf den Lehrer wegen seines Verhaltens und seiner politischen Einstellung. Da musste er sehr linientreu sein. Deshalb hängt auch im Schulzimmer im Museum ein Bild von der Kaiserkrönung.

Wie war die Schulzeit für Schüler zu dieser Zeit?

Die Schule in Dorf und Stadt unterschieden sich natürlich. Wir sind im Museum eine dörfliche Schule, und deshalb gestalten wir das auch dementsprechend. Die Zeit war geprägt von Schule und der Arbeit auf dem Feld. Das musste irgendwie in Einklang kommen. Deshalb stammt die Ferienregelung von heute von den Zwängen der Landwirtschaft ab: In den Osterferien war die Einsaat, in den Pfingstferien war die erste Heuernte, in den großen Ferien war die zweite Heuernte und die Getreideernte und die Herbstferien haben bei uns noch Kartoffelferien wegen der Kartoffelernte genannt. Aber die Kinder mussten auch unter der Woche helfen. Und so hat der Unterricht morgens um fünf in der Frühe begonnen, damit die Schüler um zehn oder elf aufs Feld konnten. Weil im Winter nichts zu tun war, gab es ganztägigen Unterricht.

Damals, zu Ihrer Schulzeit auch noch, wehte ein anderer Wind in den Schulzimmern. Da waren Ohrfeigen oder andere Züchtigungen ganz normal. Wie sah das um 1910 aus?

Wir hatten noch das volle Programm. Die körperlichen Züchtigungen waren die Tatzen mit dem Stock: es gab die einfachen Tatzen auf die Fingerkuppen und die schweren Tatzen auf die Fingerrücken, das hat mehr weh getan. An den Haaren wurde um 1900 gezogen, das war beliebt. Und die weniger Begabten wurden gedemütigt, wenn sie sich dumm anstellten. Die Dümmsten mussten auf einem Holzesel im Schulzimmer sitzen und auf dem Esel reiten. Eine Eselskappe haben sie auch noch aufbekommen. Das Gemeinste war aber das Holzscheitknien. Die Kinder mussten auf dem spitzen Teil des Holzscheits bis zu einer Stunde knien. Das war Folter. Aber die Disziplin war außerordentlich gut, was aber auch ohne diese Foltermethoden gegangen wäre.

Wie war der Schulunterricht im Vergleich zu heute?

Ganz anders wie heute mit Gruppenarbeiten, Individualunterricht und Einzelbetreuung. Das ging ja gar nicht auf dem Dorf. Denn da gab es meistens nur eine Klasse für alle Schüler aller Altersklassen. Bei 40 Kindern war eine individuelle Betreuung nicht möglich. Die Disziplin war gut. Schönschreiben war ganz wichtig. Die Kinder haben geschrieben wie eine eins. Wer nicht schön geschrieben hatte, dem wurde das Geschriebene an der Tafel wieder ausgewischt. Papierbögen gab es nur für die Größeren.

Wer ist denn von Ihrer Darstellung des Dorfschulmeisters am meisten fasziniert – die Kinder, die Eltern oder die Großeltern?

Die Jüngeren sind natrürlich fasziniert. Aber die Erinnerungen an die eigene Schulzeit prägen dann das Erlebnis der Älteren. Da kriege ich jedes Mal eine Menge Geschichten erzählt. „Genau wie bei uns!“, heißt es dann immer. Wenn ich den Unterricht halte, müssen zu Beginn alle aufstehen, auch die 80-Jährigen. Und wehe, wenn einer nicht pariert, der kriegt gleich von mir eine Tatze. Und manche Senioren drehen sich um und strecken mir den Hintern hin, damit ich hinten eins draufhauen kann (lacht). Da haben die Älteren immer einen Riesenspaß dabei. Die positiven Erinnerungen an die Schule überwiegen aber bei den älteren Herrschaften. Den prügelnden Lehrer gab es so nicht landauf landab. Die gab es zwar, aber das waren einzelne.

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