Ungeöffnet, ungelesen, unbeantwortet

Lesedauer: 10 Min
 Auf dem Kriegerdenkmal in Mühlheim sind auch die Namen von Joseph und Franz Heni eingraviert.
Auf dem Kriegerdenkmal in Mühlheim sind auch die Namen von Joseph und Franz Heni eingraviert. (Foto: Waibel)
Die gefallenen Brüder

Joseph Heni, geboren am 15. August 1914, Feldwebel und Träger des Eisernen Kreuzes 2. Klasse, fiel am 7. September 1941 südlich von Smolensk in Russland. Franz Heni, geboren am 6. Oktober 1920, Hauptmann und Kompaniechef einer Panzer-Abteilung, Träger des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klasse, fiel am 20. Mai 1944 in Esperia Monticelli-Pico in Italien.

Am Kriegerdenkmal in Mühlheim sind die Gefallenenzahlen aufgeführt. Dort sind die Namen von 94 Toten und 23 Vermissten aufgeführt, die aus Mühlheim während des Zweiten Weltkriegs gefallen sind. (zad)

Mehr als 65 Jahre waren sie ungeöffnet und ungelesen geblieben. Nun hat die Mühlheimerin Brigitte Enke gemeinsam mit Stadtarchivar Ludwig Henzler, der die alte Sütterlin-Schrift noch beherrscht, die Briefe ihrer Großmutter geöffnet, die diese während des Zweiten Weltkrieges ihren beiden Söhnen Franz und Joseph an die Front schickte und die unbeantwortet wieder zurückkamen.

Brigitte Enke ist angespannt. Gemeinsam mit dem befreundeten Stadtarchivar Ludwig Henzler sitzt sie im Wohnzimmer des elterlichen Hauses in der Hauptstraße 10 der historischen Mühlheimer Oberstadt. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Stapel alter Briefe. Ihre Mutter Josephine Heni hat sie ihr, ihrer Tochter, vermacht. Es sind fast ein Dutzend Briefe von Brigitte Enkes Großmutter, die sie den beiden Söhnen Ende des Krieges an die Front geschickt hat und die ungelesen wieder zurückkamen. Dazwischen befinden sich auch Briefe der Söhne, die aus dem Krieg in die Heimat schreiben.

Die Tinte der Buchstaben ist fast verblasst. Selbst Stadtarchivar Henzler hat beim entziffern der Briefzeilen einige Mühe und liest langsam, was Franz und Joseph von der Front ins heimatliche Mühlheim schreiben. „Ich habe zwar einen Sütterlinkurs belegt, aber die Handschriften meiner Onkel und die meiner Mutter habe ich dennoch nicht lesen können“, sagt Enke.

So schreibt Joseph im August 1939, nachdem er über andere Kameraden aus Mühlheim berichtet hat: „Euch arg ängstigen müßt ihr nicht. Ich glaube noch, das alles abgeblasen wird und ich bis in ein zwei Wochen wieder daheim bin.“ Im Mai 1940 wettert er ungeduldig, weil er immer noch nicht im Kampfeinsatz war: „In Belgien. Wir kommen zu allem noch zu spät. Das sind dann die aktiven Soldaten, die dann nach Kriegsende sich irgendwo in die hintersten Ecken ganz kleinlaut verkriechen müssen. Es ist gerade zum Verrückt werden. Alle Mühlheimer sind jetzt sicher irgendwo eingesetzt, nur ausgesprochen ich, ich stinke immer noch in der Etappe herum.“

Ebenso ungeduldig, endlich mitmischen zu dürfen, ist auch aus den Briefen von Franz nicht zu überhören: „Es dreht sich darum jetzt, wer nach Frankreich kommt. Ich weiß nicht, wie meine Chancen stehen, wenn wir jetzt wirklich und richtig eingesetzt werden. Ich will gar nicht hin, ich pfeiffe drauf, in Frankreich zu sitzen, während man auf dem Balkan wieder Weltgeschichte macht.“ Weiter klagt Franz im Mai 1943 in seinen Briefen über seine Tatenlosigkeit, zu der er in Italien verdammt ist. „Alles wird von der überlegenden Langeweile und Ereignislosigkeit verschluckt. Ich esse täglich ein paar Pfund Trauben und sonstiges Obst in einem kleinen Kaffee in Cassino, wovon wir nicht weit liegen Hier gibt es auch einen wunderbaren Mokka“, schreibt Franz.

Im September 1941 fällt Joseph an der Front

Zwischen den Briefen erzählt Brigitte Enke Anekdoten über ihre beiden Onkel, die sie nie kennengelernt hat, aber die dennoch zu ihrer Lebensgeschichte gehören, als lebten sie oder als seien die Erinnerungen an Franz und Joseph ihren eigenen Erinnerungen entsprungen. „Meine Mutter hat die Briefe aufgehoben, aber nie geöffnet. Und ich habe bis jetzt nicht gewagt, sie zu öffnen“, sagt Enke.

Die Briefe an den jüngsten Sohn Franz kamen ungeöffnet einen Monat nach dessen Tod zurück. Zu diesem Zeitpunkt ahnte die Mutter bereits vom Tod ihres Sohnes an der Front. Doch die schreckliche Gewissheit hatte sie noch nicht. Die offizielle Nachricht vom Tod des Sohnes kam erst später. „So lange hat meine Großmutter Briefe geschrieben – immer weiter, jeden Tag, um sich an den letzten unmöglichen Krümel Hoffnung zu klammern“, sagt Enke.

Und obwohl die Großmutter ihren Söhnen lediglich den neuesten Tratsch aus dem Städtchen schrieb, umgibt die Zeilen in lang geschwungenen Sütterlinlettern die traurige Ahnung, dass die Söhne bereits tot sind. Der Brief der Mutter vom 30. Mai 1944 an den Sohn Franz kam ebenfalls ungeöffnet zurück. Da war der Sohn schon gefallen. Die Zeilen darin beschreiben, wie sich die rastlose Mutter an die Hoffnung klammert, dass ihr Sohn doch noch heil aus dem Krieg zurückkehrt, obwohl schon so lange kein Lebenszeichen mehr von ihm gekommen ist.

„Mein Lieber Franz! Vater und Zickele sind nach Aggenhausen, das ist bei Mahlstetten, in die Maiandacht gefahren mit den Rädern. Hinauf werden sie recht heiß gehabt haben, heim zu läuft das Rad ja von selber. (…) Wie wird’s Dir gehen? Jetzt stehst du doch im richtigen Sinn für unsere Heimat. Oft denke ich, wenn ich abends ins Bett gehe, wie viele Männer haben schon solange kein Bett mehr gehabt, daß wir so in Ruhe leben können und wenn der Verzicht auf alle Bequemlichkeit das einzige wäre, die ständige Todesgefahr ist doch etwas so Schweres und was für eine Hitze wird jetzt in einem Panzer sein. Vielleicht kommst du jetzt doch bald in Urlaub, manchmal mein ich, ich erwarte es gar nicht. (…) Die Paula Huber soll auch morgen Hochzeit haben und die Maria Huber in der allernächsten Zeit. Eine Tochter aus der mittleren Mühle, die so alt wie Zickele ist, ist das Kind in einen Kübel mit heißem Wasser gefallen. Am Samstag hat man es begraben.“

Die Mutter ahnt, dass auch der zweite Sohn tot sein muss. Sie schreibt am 9. Juni 1944: „Wenn ich so den ganzen Tag allein bin und so viel nachdenke an all die vielen schönen Stunden, die du bei mir in der Küche gesessen bist und du damals zu mir in die Waschküche gekommen bist. Ich habe es immer als großes Glück angesehen. Wenn du doch noch einmal heimkämst, ich müsste dem Herrgott für jede Minute unendlich dankbar sein.“

Brigitte Enke muss schlucken. Tränen befeuchten ihre Augen. Zwischen den Zeilen der Großmutter schwingt die ganze Liebe einer Mutter mit, die nun auch um das Leben ihres zweiten Sohnes bangt und fürchtet. Ihre Großmutter hat einfach weiter gemacht, dem Sohn, ihrem Onkel, Neuigkeiten aus Mühlheim zu schreiben. Um sich selbst zu beruhigen, die Angst mit dem Schreiben zu unterdrücken. Nicht ausdrücklich, sondern in wehmütigen Andeutungen. Ihre Großmutter kannte den Inhalt der Briefe. Ihre Mutter konnte sie nicht öffnen, zu groß war die Trauer um die beiden älteren Brüder. „Meine Mutter hat nie von den Briefen erzählt. Als die Todesnachricht vom Joseph kam, da sei meine Mutter in ein schwarzes Loch gefallen. Und als der Mann, der Todesnachrichten überbrachte im Ort gesehen wurde, hat meine Mutter gesagt, der wird ja wohl nicht an unserer Tür haltmachen“, erinnert sich Enke.

„Das war uns als kleine Buben schon bekannt, dass da zwei Brüder im Krieg gefallen sind“, erinnert sich Ludwig Henzler. Er übersetzt die Briefe weiter für Brigitte Enke, die nun weiß, was ihre Großmutter bangend um ihre Söhne vor nahezu 65 Jahren an die Front schrieb. Eine Kriegsgeschichte wie viele Tausende. Aber für Brigitte Enke schließt sich nun der Kreis ihrer Geschichte – mit den übersetzten Briefen ihrer Großmutter.

 

Die gefallenen Brüder

Joseph Heni, geboren am 15. August 1914, Feldwebel und Träger des Eisernen Kreuzes 2. Klasse, fiel am 7. September 1941 südlich von Smolensk in Russland. Franz Heni, geboren am 6. Oktober 1920, Hauptmann und Kompaniechef einer Panzer-Abteilung, Träger des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klasse, fiel am 20. Mai 1944 in Esperia Monticelli-Pico in Italien.

Am Kriegerdenkmal in Mühlheim sind die Gefallenenzahlen aufgeführt. Dort sind die Namen von 94 Toten und 23 Vermissten aufgeführt, die aus Mühlheim während des Zweiten Weltkriegs gefallen sind. (zad)

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen