Söldnerheere, Hunger und Seuchen

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Das „Schwedengrab“ wurde 2007 als Gedenkstätte für 300 im Dreißigjährigen Krieg getötete schwedische Soldaten neu mit Skulpturen
Das „Schwedengrab“ wurde 2007 als Gedenkstätte für 300 im Dreißigjährigen Krieg getötete schwedische Soldaten neu mit Skulpturen des Mühlheimer Bildhauers Hans-Jürgen Kossack gestaltet: Ein aufgebahrter Soldat und ein Ross-Schädel aus Stein erinnern an die Schrecken des Krieges. (Foto: Fotos: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Im Dreißigjährigen Krieg stürzten Söldnerheere, Hunger und Seuchen auch die Bevölkerung unserer Gegend in unvorstellbare Not. Der damalige Bürgermeister Bartholomäus Kindler protokollierte vor 400 Jahren die Ereignisse in Mühlheim in der bis heute erhaltenen Stadtchronik. Mühlheims Stadtarchivar Ludwig Henzler hat für uns wichtige Zeitzeugnisse aus dieser Chronik zusammengestellt.

1629 war der Krieg im Donau-städtchen angekommen: Mühlheim war „fast das ganze Jahr mit kaiserlichen Truppen stark belegt“, schreibt Bürgermeister und Hufschmied Bartholomäus Kindler in der Stadtchronik. Ludwig Henzler erklärt: „Gut befestigt und fast uneinnehmbar auf einem Hügel mit Aussicht aufs Donautal, bot sich die Stadt als Quartier für Soldaten geradezu an.“ Waren die einen Truppen abgezogen, rückten ab 1629 auch schon die nächsten an. Die Einwohner mussten Soldaten und Pferde verpflegen, obwohl sie selber hungerten. Auch die Stadt konnte die jedes Mal fälligen Kriegsabgaben an die Besatzung, die „Kontributionen“, längst nicht mehr aufbringen. Verkaufsurkunden im Archiv belegen, dass deshalb mehrfach Besitz veräußert wurde.

Die Schweden sind in Mühlheim

Im Juni 1632 erreichten erstmals die Schweden Mühlheim. Selbst wenn nicht alle 1000 Reiter innerhalb der Stadtmauern Platz fanden, ist Henzler sicher: „Da wurde es im Städtle richtig eng.“ Kindler schreibt zu dieser Invasion: „Die ganze Einwohnerschaft entfloh. Die Freiherr von Enzbergsche Familie nahm die Flucht nach Rottweil. Der alte Bürgermeister Huber wurde erstochen.“

Gleich zwei schwedische Regimenter hatten sich 1633 einquartiert. Sie wurden am 21. Februar in Mühlheim von 4000 Kaiserlichen Reitern überfallen. Kindler beschreibt das Blutbad drastisch: „Alle Straßen und Gassen in Mühlheim waren bald mit Verwundeten und Toten angefüllt, worauf 300 schwedische Leichen beim unteren Schlossgarten verscharrt wurden. Der Blutstrom floss durchs untere Tor hinaus längs der Ortssteig hinab bis zur Donau und färbte ihr rechtes Ufer rot.“

Weitere 200 flüchtende Schweden wurden vor Nendingen getötet, ebenso deren französische Verbündete in Fridingen. Das „Schwedengrab“, eine Gedenkstätte an der Donau, erinnert noch heute an das Geschehen.

Für das Jahr 1633 dokumentiert der Chronist weitere Kampfhandlungen direkt bei Mühlheim: Ab 8. August hatten sich 500 Franzosen in Mühlheim eingerichtet. Nichtsahnend, dass am 17. August 1633, nur wenige Hundert Meter entfernt im bewaldeten Tiefental, 5000 Kaiserliche Reiter den sich aus Tuttlingen nähernden Gegner in einen Hinterhalt lockten. „Ich wundere mich immer wieder, wie sich eine solch große Truppe im engen, kurzen Tiefental überhaupt verstecken konnte“, sagt Henzler. In der folgenden Schlacht zwischen Nendingen und Stetten siegten die Kaiserlichen. Sie nahmen danach auch Mühlheim ein.

Während der folgenden, nun wieder französisch-schwedischen Besatzung, hielten sich die Mühlheimer laut Kindler meist in den Wäldern und Felsenhöhlen auf: „in der Felsenhalde, im Hindelestal, in Buchhalden und im Lippachtal“. Sie seien aber auch dort aufgegriffen, misshandelt oder gar getötet worden. Wer konnte, sei geflohen, am besten in die Schweiz.

Plünderung, Mäuseplage und Co.

Plünderungen, eine Mäuseplage und ein „vernichtendes Gewitter“ am 10. August 1636 machten die Not noch schlimmer.

„In der ganzen Herrschaft Mühlheim war kein lebendes Tier mehr zu finden“, schreibt Kindler. „Viele Leute lebten nur noch von Wurzeln wie die Schweine. Der nötigste Bedarf an Brot wurde aus dem Mehle gemahlener Eicheln gedeckt.“

Nun hatte die Pest leichtes Spiel. Allein dem Chronisten starben acht Kinder, zwei davon an einem Tag. 120 Tote sind 1635 im Sterberegister eingetragen. „So viele Tote in einem Jahr hat es bis heute im Ort nie mehr gegeben“, sagt Henzler.

Gesicherte Aussagen über die genauen Einwohnerzahlen sind nur schwer möglich. Kindler berichtet von 96 Bürgern im Jahr 1628 und von 10 verbliebenen Bürgern 1633. „Bürger“ bedeutet hier allerdings nicht „Einwohner“ sondern die mit Bürgerrecht ausgestatteten Familienvorstände.

Mit der Schlacht von Tuttlingen 1643 enden die Aufzeichnungen in der Stadtchronik vorläufig. „Bis zum Kriegsende 1648 kam es zu keinen Kampfhandlungen mehr“, weiß Henzler aber aus Elmar Blessings Stadtgeschichte. „Schon ab 1649, mit dem Beginn der Welschenberg-Wallfahrt, hat sich die Stadt zusehends erholt.“

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