Kapelle steht dort, wo der letzte Pestkranke starb

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Die Sebastians-Kapelle am Eingang in die Mühlheimer Oberstadt ist ein altes Zeugnis christlichen Glaubens. Sie wurde dort aufger
Die Sebastians-Kapelle am Eingang in die Mühlheimer Oberstadt ist ein altes Zeugnis christlichen Glaubens. Sie wurde dort aufgerichtet, wo der letzte Pestkranke starb. (Foto: Wilfried Waibel)
Wilfried Waibel

In Mühlheim und der Region gab es auch in den vorigen Jahrhunderten Epidemien, verbunden mit großer Not und Sorgen. In solch schweren Zeiten hat die Bevölkerung dem Herrgott für bessere Zeiten oft mit einem Bildstock oder einer Kapelle gedankt. Die Mühlheimer Sebastians-Kapelle unterhalb der Oberstadt ist ein besonderer Erinnerungsort an die Pest.

Gestiftet wurde die Kapelle von der Bürgerschaft. Die Kapelle, die 1610 an der Stelle errichtet wurde, an der der letzte Pestkranke starb, gehört mittlerweile zu den Orten in der Donaustadt, die von Einheimischen und Gästen immer wieder aufgesucht werden. Geweiht ist diese Kapelle den zwei Pestheiligen St. Sebastian und St. Rochus. Am 1. Juli 1848 haben der damalige Stadtschreiber Joseph Wiser und der Stadtpfarrer Leimgruber einen Bericht verfasst, der hier in Originalfassung aufgeschrieben ist. Der Mühlheimer Stadtarchivar Ludwig Henzler hat die Aufzeichnungen im Stadtarchivar entdeckt:

„Im östlichen Ende des Städtchens Mühlheim, und außerhalb dem 1814 daselbst weggebrochenen Stadtthors, steht südlich und dicht an der von dieser Stelle aus ins Donauthal hinabführenden Staige, einen durch frommen Glauben und heilige Gelöbniß von der Einwohnerschaft, als der Pesttodt unter diesen wüthete, im Jahre 1610 erbaut, und dem heiligen Märtyrer Sebastiani geweihte Kapelle. Als hierauf dieser entsetzliche Tod von der Gemeinde gewichen, so fassten diese den frommen Entschluss, jeden Freitag, vom Tag der Kreuzauffindung bis zum Tag der Kreuzerhöhung morgens früh 5 Uhr, in einem besonderen Kreuzgang von der Pfarrkirche aus, und bei welchem aus jeder Haushaltung sich wenigstens Eine erwachsene Person einfinden soll und dem Allmächtigen ewig zu danken, in diese Kapelle, und nach gehörter heiligen Messe von dort wieder in die Kirche zurück zu gehen. Beinahe zwei Jahrhunderte hindurch stieg in dieser Weise des Volkes Lob und Dank gen Himmel auf. Als aber die großen Politischen Veränderungen welche in Laufe der Zeit eintraten auch das Heilige nicht unberührt ließen. Da wurde dieser christliche Kreuzgang in einen Frühgottesdienst umgewandelt der seitdem und gegenwärtig noch jeden Freitag in der Stadtkirche abgehalten wird, an dem jedoch die ursprüngliche Teilnahme des Volkes leider nicht mehr zu finden ist, obwohl dasselbe auch jetzt den Ewigen um so manches zu bitten, und Ihm für so manches zu danken dringende Veranlassung hätte.

Der ernste fromme Sinn den diese Kapelle aufbaute und welche sich beinahe bis zum Eintritt des wirklich laufenden Jahrhunderts fortpflanzte, sorgte auch für die Erhaltung und das Gedeihen dieser Kapelle, und erweckte sogar eine eigene Bruderschaft bei derselben.

Doch während einigen Gegenwind des laufenden Jahrhunderts wurde diese Kapelle ungerechter Weise ziemlich vernachlässigt und nahe war sie daran, wie noch andereHeiligen Orten auf Mühlheimer Markung geschleift zu werden. Vorüber ist aber auch diese Zeit, und auf ihrem geweihten Altar opfert der Priester an ihrem jährlichen Patrozinium(20. Januar) das unblutige Opfer der Welterlösung und die heilige Messe, mit großer Theilnahme der Gemeinde.“

Pfarrer Leimgruber beschreibt dann ausführlich die Kapelle und fügt am Schluss noch folgenden Satz an: „In dem Türmchen auf welchem ein schönes Kreuz steht, sind zwei Glocken, 50 – 80 Pfd. schwer und in Villingen 1777 gegossen wurden und 43 Gulden 17 Kreuzer kosteten, aufgehängt.“

Mühlheimer Bürger und vor allem der örtliche Obst- und Gartenbauverein haben schon vor Jahren bei der Sebastians-Kapelle ein „Kräutergärtle“ angelegt und gepflegt, das heute oft bewundert wird.

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