„Die Kirche tut sich nichts Gutes“

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Schwäbische Zeitung

Am Sonntag, 1. Dezember, finden die Kirchenwahlen der evangelischen Landeskirche statt. In Baden-Württemberg werden die Mitglieder der Landessynode direkt von den Gemeindemitgliedern für sechs Jahre gewählt. Die evangelische Pfarrerin Nicole Kaisner aus Mühlheim tritt wie auch Amrei Steinfort, Schuldekanin der Kirchenbezirke Balingen und Tuttlingen, für den Gesprächskreis „Evangelium und Kirche“ bei der Synodalwahl an. Redakteur David Zapp sprach mit Nicole Kaisner über ihre Motivation und Ideen für die Wahl.

Frau Kaisner, was ist denn Ihre Motivation, für die Synodalwahl zu kandidieren?

Mein Ansatz für die Kandidatur ist, dass ich Kirche mitgestalten möchte und besonders die Strukturen, wie sie in unseren Gemeinden gegeben sind, so verändert werden, dass sowohl die Pfarrer gut arbeiten können, als auch die Menschen gut versorgt sind. Die Kirchengemeinden werden immer größer, was auch daran liegt, dass unsere Kirchenmitglieder immer weniger werden. Und es kommen auch immer weniger Pfarrer nach. Ein Beispiel wäre, ob es nicht alternative Zugänge zum Pfarramt gibt. Oder auch, ob man nicht etwas am Studium der Pfarrer ändern kann, es beispielsweise zu straffen, damit der Beruf für junge Menschen wieder attraktiver wird. „Evangelium und Kirche“ ist die Gesprächsgruppe, für die ich kandidiere. Da liegt es mir sehr am Herzen, dass die Bildungsarbeit gut ausgeführt wird. Kinder sollten möglichst flächendeckend Religionsunterricht haben. Und unsere Ehrenamtlichen sollten Fortbildungsmöglichkeiten bekommen, um gut aufgestellt zu sein bei dem, was sie tun.

Zudem haben Sie gesagt, Sie möchten neben den traditionellen Angeboten auch neue Formen finden, um den Glauben zu leben. Was meinen Sie konkret damit?

Wenn man von den Gottesdiensten redet: dass man die traditionell geprägten Lieder, die unsere älteren Kirchenmitglieder kennen, mit denen sie vertraut sind und für sie auch eine Heimat sind, bestehen bleiben. Auf der anderen Seite sollen die Gottesdienste auch offener gestaltet und jüngere Menschen mehr angesprochen werden. Dazu gehören auch neue Lieder oder auch eine Gottesdienstordnung, die man freier gestalten kann, um die Möglichkeit zu haben, neue Dinge auszuprobieren, die Menschen mehr ansprechen als bisher.

Was würden Sie gerne auf den Weg bringen oder verändern? Wo hapert es bei der Arbeit an der Basis, bei den Gemeindemitgliedern und Kirchgängern?

Ich denke es wäre sinnvoll, die Menschen, die für die Kirche arbeiten angemessen zu bezahlen. Wir Pfarrer müssen in der Verwaltung zu viele Dinge erledigen, für die wir nicht ausgebildet sind. Oder auch in der Verwaltung der Kindergärten. Das müssen Menschen übernehmen, die dafür ausgebildet sind und schon eine Kompetenz mitbringen. Das würde uns Pfarrer entlasten. Wir haben dann mehr Zeit, um uns um andere Sachen zu kümmern – unser Kerngeschäft: z.B. Seelsorge, Jugendarbeit und Diakonie.

Der Glaube wird von Christen unterschiedlich gelebt. Da braucht es verschiedene Angebote, sagen Sie. Was schwebt Ihnen da vor?

Man müsste sich überlegen, was die Menschen überhaupt interessiert. Das ist schwierig, weil wir in der Gemeinde unterschiedliche Gruppen haben. Die einen mögen es traditionell und die anderen möchten etwas Neues. Uns ist es wichtig von „Evangelium und Kirche“, dass man niemanden abschreckt. Wenn wir nur alles neu machen und alles ändern, verschrecken wir nur die Menschen, die bei uns verwurzelt sind. Da ist der Brückenschlag zwischen den traditionellen Formen, die viele Menschen schätzen und gewohnt sind, und den neuen Aufbrüchen, eine große Herausforderung für uns. Wie immer das dann aussieht, es muss von Gemeinde zu Gemeinde gehandhabt werden. Man muss schauen, was ist vor Ort da. Wo gibt es die räumlichen Möglichkeiten, wenn man etwas Neues ausprobiert? Gibt es Kooperationspartner, Vereine oder in größeren Städten auch die Volkshochschule, mit denen man Kooperationen schafft?

Wie kommt die Kirchenpolitik von der Landessynode in die Gemeinden? Was bekommen Menschen davon mit – außer dass Pfarrer für immer mehr Gemeinden zuständig sind?

Ich glaube, dass sich unsere Landeskirche sehr bemüht, die Pfarrpläne zu machen. Wir haben immer weniger Gemeindemitglieder und weniger Pfarrer. Darauf muss man reagieren. Aber die Kirche tut sich nichts Gutes, damit in Zukunft immer mehr einzusparen. Vor allem, wenn dort gestrichen wird, wo Menschen aktiv Gemeindeleben mitgestalten. Die Herausforderung, vor der wir als Kirche stehen, ist es, nicht zu resignieren, angesichts der vielen Aufgaben und dem gleichzeitigen Rückgang unserer Kirchenmitglieder.

Amrei Steinfort und ich möchten alle wahlberechtigten Mitglieder unserer Landeskirche dazu ermuntern und bestärken, zur Wahl zu gehen und ihre Stimme abzugeben. Auch wenn es in vielen Kirchengemeinden nur eine Bestätigungswahl geben wird, wenn es um den Kirchengemeinderat geht. Unsere Kirchengemeinderäte investieren viel Zeit in ihr Amt, und sie tun dies ehrenamtlich. Da finde ich, dass sie es verdient haben, wenn wir sie durch unsere Stimme unterstützen. Wer nicht wählt, sollte nachher auch nicht meckern.

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