Deshalb führt der „Sagt er“ sein närrisches Spiel nur vor Männern auf

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 Wenn der „Sagt er“ seinen Stab zückt, dann fühlen sich die meisten Leute geehrt, sagt Raphael Krämer. Beim Rügespiel blickt er
Wenn der „Sagt er“ seinen Stab zückt, dann fühlen sich die meisten Leute geehrt, sagt Raphael Krämer. Beim Rügespiel blickt er mit einem Augenzwinkern auf lustige Begebenheiten im Jahr zurück. (Foto: Linda Egger)
Schwäbische Zeitung

Der „Sagt er“ und sein Rügespiel

Am Morgen des Rosenmontag zieht der „Sagt er“, ein Vorsänger in Frack und Zylinder, durch den Ort und trägt in gereimter Versform Missgeschicke der Mühlheimer öffentlich vor. Der Ursprung der Tradition liegt im Jahr 1892, als der Uhrmacher Balthasar Leibinger die Melodie und die Strophenform erstmals von einem Besuch in Berlin mit nach Mühlheim brachte. Mittlerweile wirken bei dem Rügespiel mehr als 200 Beteiligte mit, zugelassen sind offiziell nur Männer. Alle tragen weiße Hemden und eine schwarze Zipfelmütze und pudern ihre Gesichter mit Mehl ein. Das Rügespiel beginnt um 9 Uhr morgens, es wird an insgesamt sechs Stellen im Ort vorgetragen. Nach jeder Verszeile des Vorsängers singt der Narrenchor „sagt er“, die Männer stemmen dazu die Hände in die Hüften und nicken mit dem Kopf. Nach jeder Strophe haken sie sich paarweise unter, tanzen im Kreis und singen: „tiralalala“.

Dass an der Fasnet so manches Ereignis aus dem vergangenen Jahr durch den Kakao gezogen wird, ist nicht neu – die Form, in der das in Mühlheim gemacht wird, allerdings durchaus ungewöhnlich. Denn Jahr für Jahr zieht am Rosenmontag der „Sagt er“ durch den Ort. Die Figur hat eine lange Tradition. Bereits zum dritten Mal wird Raphael Krämer dieses Narren-Amt am Montag übernehmen. Volontärin Linda Egger hat mit dem 55-Jährigen darüber gesprochen, wie er sich auf die Rolle vorbereitet und warum der „Sagt er“ sein Spiel nur vor Männern aufführt.

Herr Krämer, Sie haben jetzt schon zwei Mal als „Sagt er“ die Mühlheimer Bürger gerügt. Stellt sich allmählich eine Art Routine ein?

Beim ersten Mal war es schon mit Nervosität verbunden, zumal mein Vorgänger, Eckart Haas, hat das 42 Jahre gemacht – und das sind natürlich tiefe Fußstapfen. Man muss auch sagen, bei allem Klamauk, als „Sagt-er“ Vorsänger sollte man auch eine Respektperson sein und ein sauberes Bild abgeben. Dazu gehört auch, dass man stimmlich in der Lage ist, die Leute zu besingen. Mit jedem Jahr wird man ein bisschen gelöster. Aber von Routine kann man nicht sprechen, weil es ja auch jedes Jahr andere Verse sind.

Was bedeutet die Tradition des „Sagt er“ für Sie? Sie sind ja damit aufgewachsen…

Der „Sagt er“ ist ein Teil von meinem Leben. Ich bin ein original Mühlheimer und war von Kindesbeinen an immer dabei als „Sagt er“-Mann und habe das immer genossen, wenn ich mit meinem Vater an der Hand zu dieser Veranstaltung durfte. Wenn ich heute als Vorsänger jüngere Väter sehe, die mit ihren Söhnen kommen, dann kann ich mir das noch richtig vorstellen, wie das damals bei mir war. Deswegen ist es für mich natürlich auch eine Pflicht, aber vor allem eine riesen Ehre.

Woher beziehen Sie die Ideen für die Rügen? Halten Sie das ganze Jahr über Augen und Ohren offen und schreiben vielleicht schon manches nieder oder passiert das erst in der Fasnet?

Wir haben hier in Mühlheim ja die Stadtorgel, unsere Narrenzeitung. Dort werden die ganzen lustigen Begebenheiten, die in Mühlheim das ganze Jahr passieren, glossiert. Daraus werden dann die Highlights rausgepickt und für den „Sagt er“ umgeschrieben. Man hält das ganze Jahr über Augen und Ohren offen. Ich mache es so, wenn ich etwas höre, dann gebe ich das sofort in mein Handy ein mit ein paar Stichworten, denn sonst vergisst man es wieder.

Fällt es Ihnen leicht, passende Themen zu finden?

Da können wir uns seit Jahren nicht beklagen. Da gibt es Stoff genug – wir haben uns kürzlich wieder halb totgelacht, wenn man so überlegt, was den Leuten teilweise passiert. Unfälle, bei denen jemand zu Schaden kommt, sind für uns aber nicht lustig und kommen auch nicht vor.

Entscheiden Sie ganz alleine, was letztlich beim Rügespiel zur Sprache kommt oder sind daran noch mehr Schreiber beteiligt?

Nein, da gibt es ein Gremium, das sich im Vorfeld trifft und gemeinsam entscheidet, welche Themen aufgegriffen werden. Bei den Versen ist es wirklich eine Kunst, eine ganze Geschichte in acht Zeilen zu packen. Wenn wir sie dann fertig haben, fangen wir an, zu singen und schauen, dass nichts holprig ist. Es gibt vorher auch immer noch eine Zensur. Dabei wird das Geschriebene dann vorgelesen und man überlegt: Kann man das so schreiben, ist auch nichts Beleidigendes dabei?

Bekommen Sie Rückmeldungen von den Leuten, über die sie singen? Fühlt sich nicht doch mal jemand auf den Schlips getreten?

Wir wollen ja niemandem was schlechtes nachreden. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Ich denke, es ist Fasnet – man hält also dem Narr den Spiegel vor, was er das ganze Jahr getan hat. Es wird immer Leute geben, die dann die Nase rümpfen. Aber ehrlich gesagt, für die meisten ist es eine Ehre, wenn man im „Sagt er“ auftaucht. Die Leute sind stolz darauf.

Warum gilt das Rügespiel als reine Männerveranstaltung? Ist das heutzutage noch zeitgemäß?

Das kann ich so nicht beurteilen, das war in Mühlheim auch noch nie eine Diskussion. Es ist einfach so, dass das Rügespiel über Balthasar Leibinger von Berlin nach Mühlheim kam und letztendlich beginnt der Vers ja mit „Hiermit stelle ich Ihnen vor Mühlheims größten Männerchor“. Aber das soll überhaupt nicht frauenfeindlich sein. Bei kleinen Kindern dürfen auch gerne mal die Mädels mit. Aber wenn jetzt mal eine Frau dabei sein wollte, ich wüsste nicht, wie das wäre. Das hat ehrlich gesagt auch noch nie jemand probiert.

Würde es der Tradition denn schaden, wenn man zur Veranstaltung klar und offen auch Frauen willkommen hieße?

Ich glaube nicht, dass die Tradition davon lebt, dass nur Männer dabei sind. Aber das müsste man einfach mal diskutieren. Ich selbst hätte damit bestimmt kein Problem, aber ich bin nur der Vorsänger, ich kann das nicht bestimmen. Aber es wäre schon ein Bruch der Tradition. Das müsste man sich genau überlegen.

Wie bereiten Sie sich auf Ihren Auftritt vor? Üben Sie die Ansprache vor dem Spiegel?

Nein, ich bin da relativ locker. Ich bekomme etwa zwei Tage vorher die fertigen, ausgedruckten Verse und lese das dann nochmal grob durch. Aber ansonsten ziehe ich am Montag um halb neun mein Häs an und fange an zu singen. Wenn ich was mit Freude mache, dann weiß ich auch, dass es klappt. Ich bin halt einfach ein Live-Künstler (lacht).

Der „Sagt er“ und sein Rügespiel

Am Morgen des Rosenmontag zieht der „Sagt er“, ein Vorsänger in Frack und Zylinder, durch den Ort und trägt in gereimter Versform Missgeschicke der Mühlheimer öffentlich vor. Der Ursprung der Tradition liegt im Jahr 1892, als der Uhrmacher Balthasar Leibinger die Melodie und die Strophenform erstmals von einem Besuch in Berlin mit nach Mühlheim brachte. Mittlerweile wirken bei dem Rügespiel mehr als 200 Beteiligte mit, zugelassen sind offiziell nur Männer. Alle tragen weiße Hemden und eine schwarze Zipfelmütze und pudern ihre Gesichter mit Mehl ein. Das Rügespiel beginnt um 9 Uhr morgens, es wird an insgesamt sechs Stellen im Ort vorgetragen. Nach jeder Verszeile des Vorsängers singt der Narrenchor „sagt er“, die Männer stemmen dazu die Hände in die Hüften und nicken mit dem Kopf. Nach jeder Strophe haken sie sich paarweise unter, tanzen im Kreis und singen: „tiralalala“.

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