Als die Orgelpfeifen verschwinden mussten

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Stadtarchivar Ludwig Henzler erläuterte auf der von wucherndem Grün befreiten Brücke historische Vermessungspläne
Stadtarchivar Ludwig Henzler erläuterte auf der von wucherndem Grün befreiten Brücke historische Vermessungspläne (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Fast vergessen inmitten von hohem Bewuchs, hat die alte Brücke unterhalb der Sebastianskapelle jahrelang im Dornröschenschlaf gelegen. Dabei musste einst jeder, der von Osten innerhalb der Mühlheimer Stadtmauern gelangen wollte, hier den „Grottengraben“ überqueren. Das änderte sich erst, als 1856 die heutige Fahrstraße, die „Steig“ angelegt wurde. Zum bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ hat der Heimatverein Mühlheim die Entwicklung der Zugänge zur Stadt von Osten her skizziert.

Stadtarchivar Ludwig Henzler erläuterte auf der von wucherndem Grün befreiten Brücke historische Vermessungspläne, auf denen sich noch keine Spur der heutigen Fahrstraße findet. Der schmale asphaltierte Weg vom Schwedengrab in Richtung Welschenberg entstand ohnehin erst in den 1960er Jahren.

Auf dem Höhepunkt der Welschenberg-Wallfahrt Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Pilger aus der Stadt noch über die Brücke hinauf zur Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ geströmt – bis zu 20 000 Pilger zählte man dort pro Jahr in Spitzenzeiten. Aber auch Langholz aus dem Forst der Freiherren von Enzberg östlich der Stadt musste auf dem gleichen Weg mit Pferdefuhrwerken abtransportiert werden.

Erinnerungen an früher

Einige ältere Teilnehmer erzählten, noch in ihrer Jugend hätten Fuhrwerke Holz oder Heu direkt vom Ostertal über die alte Brücke ins Städtle befördert. „In der Kurve mussten wir immer den Heuwagen mit den Forken abstützen, damit er nicht umgekippt ist“, erinnerte sich ein Mühlheimer.

Gespeist wird der „Grottengraben“ („Grotte“ bedeutet „Kröte“) von vier Quellen im Kessel, nahe der Gemarkung Fridingen. „Bis heute läuft der Graben“, erklärte Henzler, besonders während der Schneeschmelze. Im Mittelalter dürfte der Bach jedoch deutlich mehr Wasser geführt haben. Immerhin nahm er das Abwasser der Stadt auf, das sich den Weg den Hang hinab bahnte – wie auch die Erzeugnisse der Abtritte, die sich an den auf die Stadtmauer gebauten Häusern aneinanderreihten: die sprichwörtlich gewordenen Mühlheimer „Orgelpfeifen“.

Diese „Orgelpfeifen“ wurden zum delikaten Problem, als die Stadt direkt unterhalb zwischen 1854 und 1856 die neue Straße mit dem heutigen „Kehrranken“ von der Donau herauf bauen ließ. Henzler las einen Gemeinderatsbeschluss vor, in dem Holzsammelkästen angeordnet wurden, „die von den Bewohnern stets zur gehörigen Zeit ausgeschöpft und geleert werden und zu keiner Zeit überfüllt werden dürfen“. Das Nichtbeachten dieser Vorschrift wurde unter Strafe gestellt.

Anderer Umgang mit Abwasser

Einige anwesende Bewohner dieser Häuser erinnerten sich noch lebhaft an das nicht eben angenehme Leeren des schwer zugänglichen Güllelochs in ihrer Kindheit. Erst mit dem Bau der Kläranlage in den 1960er Jahren hielt ein grundlegend anderer Umgang mit Abwasser jeder Art Einzug.

Henzler unterstrich die Kühnheit des Entwurfs zum Bau der „Steig“ mitsamt dem „Kehrranken“ von der Donau aus, quer durch steiles Gelände. Die Kosten von 7100 Gulden sind als Rechnungen im Stadtarchiv dokumentiert, davon erhielt die Stadt 2000 Gulden als staatlichen Zuschuss.

Mit direktem Blick auf die auf der Stadtmauer sitzende und geradezu mit ihr verschmolzene Häuserreihe vom Ostertal aus konnten die Zuhörer aber auch Ängste der Bewohner nachvollziehen: Würde die neue Stützmauer ihre Häuser schädigen, und würde sie dauerhaft halten? Dreimal seien Mauerstücke herausgebrochen in all den Jahren, erklärte Henzler, zuletzt 1970. Doch die Mauer hat bis heute gehalten.

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