Familie Schellenbaum aus Irndorf gewinnt den Kulturlandschaftspreis

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Mann steht neben einem Ziegenbock
Achim Schellenbaum und „Herdenchef“ Anton. (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Im Frühjahr kauft ein Investor eine junge Ziege. Im Herbst kann er sie in Form von Fleisch oder Wurst in Irndorf abholen. „MeiMecki-Ziegen-Invest“ haben Bettina und Achim Schellenbaum ihr Direktvermarktungskonzept getauft. Dass die 85 Burenziegen unter ihrer Obhut beim Weiden in Irndorfer Naturschutzgebieten gleichzeitig Landschaftspflege betreiben, hat dem Projekt jetzt den Kulturlandschaftspreis 2019 eingebracht.

„Als ich klein war, wurden in Irndorf in jedem Haus Tiere zur Selbstversorgung gehalten“, erinnert sich Achim Schellenbaum. „Heute kann man bei niemandem im Dorf mehr Fleisch oder Milch kaufen.“ Deshalb zogen eines Tages drei Ziegen zur Selbstversorgung auf einem Familiengrundstück ein. Vor fünf Jahren suchte die Familie vergeblich in ganz Irndorf nach Weidefläche, um die Herde zu vergrößern. „Da blieben nur noch die unbewirtschafteten Flächen in den Naturschutzgebieten“, sagt Schellenbaum. Inzwischen läuft die Kooperation mit den Naturschutzbehörden zur Beweidung der Naturschutzgebiete im Simonstal und im Irndorfer Hardt im fünften Jahr. „Die Ziegen verhindern das Zuwuchern freier Flächen“, sagt der Nebenerwerbs-Ziegenzüchter. Damit sichern sie die Lebensgrundlage der dort lebenden Arten. „Unsere Naturschutzgebiete sind keine Wildnis, sondern lange schon von Menschen geprägt“, erklärt Schellenbaum. „Auch in Naturschutzgebieten muss das Überleben seltener Tiere und Pflanzen durch Beweidung oder Pflegemaßnahmen gesichert werden.“ Dafür erhält „MeiMecki“ am 9. Oktober den Kulturlandschaftspreis 2019.

Erstmals musste Achim Schellenbaum die Herde wegen ihrer Größe teilen. 50 Ziegen stehen auf der Gemarkung der Nachbargemeinde Schwenningen, 35 weiden gerade im Naturschutzgebiet Irndorfer Hardt. Nur die Glöckchen, die einige der Tiere tragen, sind zu hören, sonst ist es still an diesem Oktobermorgen. Gelassen empfangen die „Meckis“ Familie Schellenbaum und die Besucherin von der Presse.

Von Nahem erweisen sich die Burenziegen als große, kräftige Tiere mit stämmigen Körpern. Für die Ziegenrasse mit südafrikanischen Wurzeln haben sich Schellenbaums aber nicht nur wegen ihrer guten Fleischqualität entschieden. „Sie haben ein ruhiges, freundliches Wesen, und wir wollten auch bei Kindern keine Angst haben müssen“, sagt Schellenbaum. Selbst der imposante Herdenchef „Anton“, ein gekörter (vom Zuchtverband begutachteter) Bock mit 120 Kilogramm Lebendgewicht, genießt mit geschlossenen Augen die Streicheleinheiten der Schellenbaum-Jungs. Jonas und Marwin zeigen stolz einige der Ziegen, die ihnen gehören: Die schöne Helene ist auf einem Auge blind. Keiner brachte es übers Herz, sie zu schlachten. Und Jonas‘ Liebling Jassu erhält als kastrierter Bock sein Auskommen in der Herde.

Nur eine Stammherde von etwa 20 Ziegen und einige Jungtiere dürfen überwintern, die anderen werden geschlachtet. Doch die Jungs kennen das nicht anders. Ziegenfleisch essen sie trotzdem gern.

Mit Großvater, Eltern und den Söhnen Schellenbaum arbeiten drei Generationen im Team für „MeiMecki“. Zweimal am Tag schauen sie nach den Tieren. Manchmal müssen sie einen eingezogenen Dorn behandeln, manchmal ist es ein gebrochenes Bein. „Auch der Tod gehört in diesem Geschäft dazu – zum Beispiel bei Jungtieren, die zu schwach zum Überleben sind“, sagt Schellenbaum. Umgestürzte Bäume können Weidezäune beschädigen oder Raubtieren als bequeme „Brücke“ ins Gehege dienen. „Mit Luchsen oder Wölfen hatten wir bisher noch keine Probleme“, sagt Schellenbaum. Vorbeugend setzt er 106 Zentimeter hohe Elektronetze als mobile Weidezäune ein.

Um die von der Naturschutzverwaltung vorgeschriebene Fläche überhaupt beweiden zu können, mussten Schellenbaums ihren Ziegenbestand vergrößern. Zur Finanzierung entwickelten sie ihr „Investoren-Konzept“, das ihnen schon Kunden aus Berlin und aus der Schweiz beschert hat. Per „Ziegen-WhatsMeck-Gruppe“ oder per Info-Brief erfahren die Eigentümer Standort und alle Neuigkeiten rund um die Herde. Sie dürfen sich aber auch jederzeit persönlich bei einem Besuch auf der Weide vom Wohlergehen ihrer Ziege überzeugen. Im Herbst werden die Tiere in einer Bio-Metzgerei in Leibertingen geschlachtet und direkt weiterverarbeitet. Zeitnah holen alle Investoren je nach Wunsch ihr Fleisch oder ihre Wurst bei Familie Schellenbaum in Irndorf ab. Bei dieser Gelegenheit bieten auch andere regionale Erzeuger Irndorfer Honig, Bio-Rindfleisch aus Gutenstein und Ziegenkäse aus Harthausen an.

In diesem Jahr sei eine gute Herdengröße erreicht, verrät Schellenbaum. Doch Stillstand kennt er nicht. Neben der laufenden Bio-Zertifizierung des Betriebs zeichnet sich ein neues Projekt ab: schon jetzt leisten acht Heidschnucken – pardon „Alb-Schnucken“- den „Meckis“ Gesellschaft. Nächstes Jahr werden es dann wohl mehr sein.

Der Kulturlandschaftspreis wird seit 1995 durch den Schwäbischen Heimatbund und den Sparkassenverband Baden-Württemberg für Verdienste um die Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung von Kulturlandschaften vergeben. Ausgezeichnet wurden dieses Jahr insgesamt sechs Preisträger aus ganz Baden-Württemberg. Jeder Preisträger erhält ein Preisgeld von 1500 Euro. Am 9. Oktober werden die Auszeichnungen in einer Feierstunde in Rottenburg überreicht. Die Festansprache wird Landwirtschaftsminister Peter Hauk halten.

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