Zeitzeugin erinnert sich an die Heuernte

Lesedauer: 5 Min
Der 1990 verstorbene Gosheimer Maler Willibald Kappler hat die „Heuernte in Gosheim“ auf einem seiner zahlreichen Heuberg-Bilder in Öl festgehalten. (Foto: Gisela Spreng)
Schwäbische Zeitung
Gisela Spreng

Die Gosheimerin Josefine Weber ist eine hervorragende Zeitzeugin. Die rüstige Dame vom Jahrgang 1920 hat ihre Jugenderinnerungen in ihrem Kopf wie in einem Computer abgespeichert. Es muss nur jemand kommen und die Nachrichten abrufen. Wenn sie „gausemerisch schwätze“ darf und nicht gezwungen wird, hochdeutsch zu reden, läuft ihr Mundwerk wie geschmiert. Sie hat Spaß daran, den Jüngeren mitzuteilen, wie’s damals war. Für die Serie „Heuberger Bräuche“ erzählt „Josefiii“ von der „Haibet“, der Heuernte auf dem Heuberg.

Schon morgens um vier Uhr ging es los

„Um vier Uhr morgens, wenn’s noch dunkel war, sind wir „zom Maie“ (zum Mähen) aufgebrochen und „d‘ Stoag nuff“ (die Heubergsteige hoch). Bis zu einer Stunde haben wir gebraucht, bis wir bei unseren Wiesen auf dem Heuberg (daher der Name) waren. Wir Mädchen sind den Männern gar nicht nachgekommen, so schnell gingen die voraus. Man hat sich gegenseitig „gherig g’holfe“ (die Nachbarschaftshilfe war wichtig). Ein Mann hat gemäht. Wenn das Gras „stärrig“ (steif) war oder kein Tau darauf lag, ging’s besonders schwer. Ich musste schon mähen lernen, bevor ich aus der Schule kam. An ebenen, kleinen Wiesenstücken habe ich manchmal geübt.

Während der Mann mit dem „Säges“ (Sense) die nächste Wiese in Angriff nahm, haben die Frauen und wir Kinder zu dritt oder viert „zesched“ (mit der Gabel das geschnittene Gras geschüttelt und aufgelockert) und kleine „Schochen“ (Haufen) gemacht. Auf anderen Wiesen ging’s dann weiter. Gegen Mittag ist einer der Männer ins Dorf hinunter und hat den Kuhwagen geholt. Wir mussten auf den Wiesen, wo schon „Schochen“ vom Vortag waren, diese „omschlae“ (umdrehen). Zwischendurch machten wir Mittagspause. Da gab’s dann gerauchten Speck, Brot und Most, am Freitag „greane“ (grünen) Käse, selbst gemacht aus eigener Butter.

Bis der Wagen da war, mussten wir das Heu vom Vortag „zemme dau“ (zusammen tun). Dann ging’s gemeinsam ans Aufladen. „D’Stoag nab“ (die Steige hinunter) musste man zum Bremsen den Radschuh anlegen, weil es so steil war. Manchmal haben wir auch umgeworfen, wenn schlecht geladen war. Wer oben im Heu mitfahren durfte, musste zu Hause beim Abladen helfen. Die anderen Helfer blieben noch länger auf dem Heuberg, haben auf den morgens gemähten Wiesen Schochen gemacht und sind erst abends zurückgekehrt.

Daheim musste mein Vater für den nächsten Tag wieder die Sense dengeln. Dazu hatten wir hinter unserem Haus einen „Dangelstock“ auf einem großen Stein, der in den Boden eingelassen war. Den „Worb“ (Holzstil) der Sense hat der Dengler abgeschraubt und mit einem Hammer auf dem Dangelstock die Schneide der Sense auf einer Breite von etwa fünf Millimetern so geschickt gehämmert (gedengelt), bis sie silbrig geglänzt hat. Dann war sie wieder scharf. Dengeln war eine Kunst, die nicht jeder gleich gut konnte. Ein paar Nachbarn, die keinen eigenen Dangelstock besaßen, sind regelmäßig zu uns zum Dengeln gekommen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen