Von Kirche aufs Rockkonzert

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 Die Band Heavy Metal Neo Classic tritt bei „Gosheim Rockt“ 2019 auf.
Die Band Heavy Metal Neo Classic tritt bei „Gosheim Rockt“ 2019 auf. (Foto: Ronja Straub)
Ronja Straub

Die Band Heavy Metal Neo Classic tritt am Samstag, 11. Mai, bei „Gosheim Rockt“ auf. Bisher hatten sie immer nur Auftritte in einer Kirche.

„Es ist kein Vorurteil, dass Heavy Metal schlechte Ohren macht“, sagt Sebastian Müßigman und steckt sich Ohropax in die Ohren. Dann macht er den Verstärker an seine Bass-Gitarre, tritt in den Kreis zu seinen vier Bandkollegen und die ersten Töne von „Turbo Lover“ von Judas Priest schallen durch den Proberaum.

Sebastian Müßigman aus Dornheim, Thomas Schaefer aus Gosheim, Holger Simon aus Denkingen, Frank Würthner aus VS-Schwenningen und Peter Hirsch aus Rottweil sind gemeinsam Heavy Metal Neo Classic. Sie sind alle Mitte oder Ende 40 und machen seit rund 30 Jahren Musik, spielen in Bands und gehen auf Heavy-Metal-Konzerte.

„Während der Probe schalte ich komplett ab, ich blende alles aus und zähle nur die Musik“, sagt Holger Simon. Dieses Gefühl wird er wahrscheinlich auch am Samstagabend bei „Gosheim Rockt“ wieder spüren. Dort tritt die Band in diesem Jahr zum ersten Mal auf.

Damit alles glatt läuft, probt die Band einmal wöchentlich und vor dem Auftritt sogar zwei Mal. Der Proberaum ist im Keller eines Gebäudekomplexes in Rottweil, ein Raum ohne Fenster, mit schwarzen Vorhängen an den Wänden und einem roten Teppichboden.

Heavy Metal ist ein Lebensgefühl

„Heavy Metal ist für mich ein Lebensgefühl“, sagt Sänger Peter Hirsch. „Da kann ich dem Alltag entfliehen.“ Auch wenn seine Bandkollegen das als Floskel abstempeln, ist es wahrscheinlich genau das, was sie fühlen. „Das Gefühl, mit anderen Musik zu machen, ist unbeschreiblich“, fügt Holger Simon hinzu.

Zusammengefunden hat sich die Band, die eigentlich eine Projektgruppe ist, 2016 für den Auftritt in einer Kirche in Villingen-Schwenningen. Dort fand eine Vesperkirche mit kulturellem Programm statt. In der Kirche ist die Band seitdem drei Mal aufgetreten. Ein ungewöhnlicher Ort, um Heavy Metal zu spielen. „Die Atmosphäre in der Kirche ist immer besonders, Gänsehaut-Feeling“, sagt Frank Würthner, auf dessen Initiative sich Heavy Metal Neo Classic gegründet hat. „Aber es ist auch mal cool, nicht in der Kirche zu spielen“, sagt Sebastian Müßigman.

Klassiker der Achtziger und Neunziger

Die Lieder, die die Band spielt, sind, egal ob Kirche oder Rockkonzert, immer „Neo Classic - Klassiker unserer Generation“, erklärt Würthner. Das seien dann Klassiker der Achtziger und Neunziger. „Wir machen gut verträglichen Metal“, sagt Würthner. „Die breite Masse soll die Lieder kennen.“ Die „Setlist“ reiche von rockigen Liedern über Balladen bis hin zu Blues.

„Heavy Metal Neo Classic“ probt für „Gosheim Rockt“
Heavy Metal für „Gosheim Rockt“: Am Samstag tritt die Band „Heavy Metal Neo Classic“ bei dem beliebten Rockabend auf.

Iron Maiden nehme einen besonders großen Platz ein. Den Song „2 Minutes to Midnight’ mögen alle. „Ich würde auch den ganzen Abend nur Maiden spielen“, lacht Thomas Schaefer.

Wenn die Band Lieder spielt, gehe es darum, dem Original so nahe wie möglich zu kommen. „Wir sind eigentlich auch keine Coverband, sondern eher eine Tribute-Band“, sagt Würthner.

Früher war der Metal noch ein anderer

Eine „Message“ will die Projektgruppe nicht transportieren – zumindest nicht mit den Liedtexten. „Wir wollen eher, dass die Leute eine gute Zeit haben“, sagt Schaefer. „Wir covern nur Sachen, die uns auch selbst gefallen und die uns an früher erinnern.“

Früher, als der Metal noch ein anderer war: „Heute ist das alles sehr modern, hoch technisch und anspruchsvoll“, sagt Sebastian Müßigman. Im Jahr 1993 hätte er noch für 15 Euro drei Tage auf einem Festival 15 Bands angehört. „Heute ist alles kommerzieller geworden.“

Handgemachte Musik

Wenn er nicht Heavy Metal-Musik macht, spielt Sebastian Müßigman in einem Blechblasorchster und ist Posaunenchorleiter. „Wenn 20 Leute vor mir sitzen und auf meinen Einsatz warten, muss ich funktionieren“, sagt er. „Ohne Heavy Metal zum Ausgleich könnte ich das nicht.“

Heavy Metal Neo Classic macht handgemachte Musik. „Es ist eine anspruchsvolle Form der Musik auf hohem Niveau“, sagt Simon. „Ich kenne keinen, der das Gitarrensolo von ’Quazy Town’ so gut spielt wie unser Bassist“, fügt Würthner hinzu. Auf der Bühne würde man die Musik nochmal anders hören, viele Töne, die die Zuschauer gar nicht mitbekommen.

Das scheinen die Rocker tatsächlich zu spüren: Bei der Probe rocken sie zusammen ab und verkörpern dabei einen Heavy Metal, der für die Allgemeinheit verträglich ist. Als die Gitarrensaite von Würthner den letzten Ton abgibt und dann verstummt, sagt er: „Vorbilder? Habe ich nicht mehr. Außer Christina Aguilera - die finde ich geil.“

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