Schmierseife stoppt letzte Bahnfahrt

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Die Heubergbahn schnaufte einst mit Dampf durch die Landschaft. Unser Foto stammt aus einem Vortrag der Kreissparkasse zur Heube (Foto: Repro Gisela Spreng / Kreissparkasse)
Schwäbische Zeitung
Gisela Spreng

Vor fast 48 Jahren, am 23. September 1966, fuhr der letzte Personenzug auf der Strecke der Heubergbahn von Spaichingen zur Endstation Reichenbach. Danach wurde der Bahnbetrieb eingestellt. Dass die Fahrt des mit Prominenz aus dem ganzen Land besetzten „Bähnles“ kurz vor Gosheim fast zu Ende gewesen wäre, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei war das geheimnisumwitterte „Schmierseifen-Attentat“ damals wochenlang Ortsgespräch. Sogar die Polizei kam in die Schule und befragte die Kinder.

23. September 1966: Auf dem Bahnsteig des Spaichinger Bahnhofs spielt die Stadtkapelle unter der Leitung von Musikdirektor Reinhold Hagen, als der letzte fahrplanmäßige Personenzug abfährt. Eine Menge Honoratioren aus dem Landkreis sitzen mit ersten Gesichtern im Zug. Die Fahrt auf den Heuberg gleicht einer Trauerfeier. Die Bahn, die den Heubergern das Tor zur weiten Welt geöffnet hatte und weiter öffnen sollte, sei unrentabel geworden mit nur noch 23 Fahrgästen pro Zug und einem Güterverkehr von kaum 70 Tonnen pro Tag, sagt man den Leuten auf dem Heuberg. Gleiserneuerungen für 1,4 Millionen Mark stünden an, und Brücken und Stützmauern müssten für 230 000 Mark saniert werden.

Die Heuberger sind gewaltig erbost, dass man ihnen ihr „Bähnle“ wieder wegnehmen will. Sie demonstrieren: Als die Bahn aus dem Autunnel kommt und nach Gosheim hochfährt, muss ein Anlieger, der seinen Unmut in einem Sitzstreik auf den Gleisen kund tut, von der Bahnpolizei entfernt werden. Etwa 300 Gosheimer protestieren auf und bei der Brücke. Einer schwenkt einen Trauerflor an einer Mistgabel.

Plötzlich drehen die Räder der Lok, die hier unter Volldampf arbeiten muss, durch. Buh-Rufe begleiten den Lokführer, als er aussteigt und Sand auf die Gleise streut. Nur mühsam kann die Heubergbahn ihre Fahrt Richtung Wehingen fortsetzen.

Was ist geschehen? Die Polizei stellt fest, dass die Gleise zwischen Autunnel und Gosheim eingeschmiert worden sind. Ob mit Schmierseife (Schmiersoapfa) oder mit Wagenschmiere (Karresaalb), darüber sind sich die alten Gosheimer auch heute noch uneins. Wer der Attentäter war, ist damals ein viel gehütetes Geheimnis gewesen. Die Polizei fragt auch die Schüler aus, erfährt aber nichts. Man munkelt, es seien drei Täter gewesen.

30 Jahre später bei einer Heubergbahn-Jubiläumsveranstaltung lüftet einer der geladenen Zeitzeugen das sorgsam gehütete Geheimnis. Flaschnermeister Paul Hermle outet sich als „Schmierseifen-Attentäter“. Der 70-Jährige erzählt dem verdutzten Publikum in der Gosheimer „Sonne“ von seiner heldenhaften Protestaktion, die er zusammen mit zwei Flaschner-Gesellen ausgeheckt und durchgeführt hatte. Einer der Mittäter soll der längst verstorbene Heiner Hauser gewesen sein. Beim zweiten sind sich die angeblichen Mitwisser nicht einig. Der dritte Mann ist noch unbekannt.

Am „Küchenstammtisch“ beim „Häusle-Bruno“ soll die Idee ausgetüftelt worden sein. „Dort, in der sogenannten Milchbar, ist viel geschwätzt worden“, erinnern sich die Ur-Gosheimer. „Die Schmierseife hat einer von Paul Hermles Leuten auf Anordnung seines Chefs in der Seifenfabrik geholt.“

Übrigens wollten die Gastwirte in Reichenbach partout ihre Lokale nicht für die Abschlussfeier zur Verfügung stellen, weiß man. Sie taten es dann doch – aber unter Protest. Und ein Mitschnitt von „Abendschau im Dritten“ belegt, dass Landrat Hans Köpf bei dieser „Trauerfeier“ den eindringlichen Ruf an die Landesregierung losließ, als Ersatz für die Heubergbahn unverzüglich den Ausbau der Landesstraßen auf den Heuberg, vor allem wegen des Schwerlastverkehrs, voranzutreiben.

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