Pfarrarchiv hütet wahren Schatz

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 Der Wehinger Heimatforscher Robert Walz mit der ersten Systematik zum örtlichen Pfarrarchiv, die Hermann Glaser erarbeitet hat.
Der Wehinger Heimatforscher Robert Walz mit der ersten Systematik zum örtlichen Pfarrarchiv, die Hermann Glaser erarbeitet hat. (Foto: Michael Hochheuser)

Das Wehinger Pfarrarchiv im Pfarrer-Hornung-Heim birgt Schätze, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. So hat sie ein echtes Alleinstellungsmerkmal: einen Bestand von 210 Büchern der ehemaligen Bibliothek der Schullehrer-Lesegesellschaft des Bezirksschulinspektorats Spaichingen. Erstmals sind in diesem Jahr sämtliche Bücher des Archivs gesichtet und chronologisch archivalisch geordnet worden.

Dies geschah im Rahmen eines Projekts der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erläutert der Wehinger Heimatforscher Robert Walz, der das Pfarrarchiv betreut. Der Ruheständler Hermann Glaser, früherer Finanzexperte und historisch bewandert, übernahm die Aufgabe für die hiesige Region. Entstanden ist eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Bibliothekarisches ’Streugut’ – historische Bücher in Kirchengemeinden des Dekanats Tuttlingen-Spaichingen“, die sich den Büchern im Pfarrarchiv Wehingen und der Bibliothek der Schullehrer-Lesegesellschaft des Bezirksschulinspektorats Spaichingen widmet. Letztere Werke, 210 an der Zahl, „lassen einen guten Einblick in die Entwicklung des Volksschulwesens im Königreich Württemberg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu“, so Hermann Glaser. Im Vergleich zu bisher im Projekt erfassten Pfarrbibliotheken stellten sie ein „absolutes Unikat“ dar.

Die Lesegesellschaften sollten der fachlichen und pädagogischen Fortbildung der Lehrer und Pfarrer dienen. Der im Wehinger Archiv erhaltene handschriftliche Katalog der Gesellschaft brachte „neben den noch vorhandenen Büchern wesentliche Erkenntnisse zur Struktur und zum Aufbau dieser Gesellschaften“, resümiert Glaser. „Der Bestand enthält viele wertvolle Werke aus der Zeit der Aufklärung und des Humanismus“, sieht Walz einen „wahren Schatz, als der sich der Bestand erwiesen hat“. Das älteste Werk stammt aus dem Jahr 1597. Glaser habe „wertvolle Hilfe geleistet“ – noch nie seien die Inhalte des Archivs in dieser Form gesichtet worden.

Es enthält unter anderem zahlreiche Werke des evangelischen Theologen und Philosophen Johann Gottfried Herder und des Schul- und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzi. Den Vorbericht des Katalogs der Lesegesellschaft hatte 1818 Bezirksschulinspektor Joseph Wucherer verfasst, der von 1818 bis 1826 als Pfarrer in Schörzingen wirkte. „Er hat viele Bücher auf eigene Kosten angeschafft“, berichtet Walz. „Der Bestand vermittelt wunderbar die Schulgeschichte im Königreich Württemberg.“ Themen der insgesamt 210 Werke sind unter anderem die Geschichte des siebenjährigen Kriegs in Deutschland, deutsche Sprachkunde, Naturgeschichte oder „Denkübungen für Elementarschulen“, wie ein Buch betitelt ist.

Bis zur Zeit der Reformation hatte die Kirche die Schulaufsicht, erläutert der Wehinger Geschichtsexperte. Eine Zäsur in Württemberg mitsamt Neuordnung sei 1806 erfolgt. Das erste Schulgesetz sei 1836 erlassen worden. „Davor hat das der König geregelt – den Monarchen lag es am Herzen, das Volk sittsam zu erziehen. Durch die Aufsicht der Kirche war dies gewährleistet.“

Glasers Arbeit enthält eine Reihe weiterer lesenswerter Kapitel. Etwa zu den im Archiv vorhandenen Lagerbüchern mit Beschreibungen aller kirchlichen Güter oder zu liturgischen Büchern, in denen kirchliche Rituale beschrieben wurden. Sogenannte „Befehlsbücher“ geben Anweisungen der Bischöfe wieder, „wie das Leben im Jahresablauf stattzufinden hat, etwa die Einhaltung der Fastenzeiten“, erläutert Walz. Die Übersicht beinhaltet zahlreiche Abbildungen, Biografien der einzelnen Autoren sowie einen umfassenden Teil mit Anlagen. Auch auf die Wehinger Orts- und Pfarreigeschichte geht Glaser ein.

Wer sich in die Lektüre vertieft, kann auch manches Interessantes zu Themen wie Exorzismus erfahren – das Wehinger Pfarrarchiv gibt nämlich aus Auskunft über einstige Verhaltensregeln für Geistliche bei Teufelsaustreibungen und der Befreiung von Besessenen, berichtet Walz: „Wie sie sich den Besessenen nähern und dass sie die Nacht mit ihnen durchbeten und viel Weihwasser einsetzen sollten.“

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