Oettinger wettert in Gosheim gegen Bannon und Dekadenz

Lesedauer: 11 Min
Oettinger überrascht in Gosheim
Beim gut besuchten Neujahrsempfang des CDU-Kreisverbands in Gosheim hat der Gastredner, EU-Kommissar Günther Oettinger die Gäste mit seiner Rede überrascht. Er plädierte für eine europäische Armee.
Redaktionsleiterin

Eine überraschend inspirierte, vielschichtige und unterhaltsame Rede hat EU-Kommissar Günther Oettinger beim Neujahrsempfang der Kreis-CDU in Gosheim am Sonntagabend gehalten. Und bekam dafür langen und ehrlichen Beifall von den rund 300 Gästen in der Jurahalle. Vertreter der wichtigsten Wirtschaftsverbände, der Kirchen, Landrat Bär, Bürgermeister, Kreisräte, Gemeinderäte und natürlich der neue Bürgermeister Gosheims, André Kielack, sowie der Ortsverbandsvorsitzende Karl-Werner Bode waren da.

Überhaupt war die Stimmung sehr gut im Saal, es scheint, als ob die Mitgliederbefragung und Einbeziehung in die Vorsitzendenwahl die Spannung innerhalb der Partei gelöst hat. Alle vier Redner – Kreisvorsitzende Maria-Lena Weiss, der Bundestagsabgeordnete Volker Kauder und Landesjustizminister Guido Wolf – betonten die Bedeutung Europas im Hinblick auf die bevorstehende Europawahl. Kauder mit Schwerpunkt Religionsfreiheit, Wolf mit Schwerpunkt Rechtsstaatlichkeit.

Europa als Friedensauftrag

Günther Oettinger ging noch einen Schritt weiter. Der Kampf um Europa sei auch ein Kampf der Systeme weltweit. Ein Europa, das unser Verständnis von Rechtsstaatlichkeit, Parlamentarismus, soziale Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, eine liberale Gesellschaft mit einem Menschenbild, das tolerant gegenüber anderen Menschen ist und diese Toleranz auch einfordert – gegen ein Europa, das die nicht eingeschlossenen Länder ansonsten dem Zugriff Putins oder der Türkei überlassen würde.

Oettinger legte über die lokale, regionale, Landes- und Bundessicht ein zweites und drittes Raster – das der globalen geografischen und das der historischen Dimension. Deutschland habe ein Prozent der Weltbevölkerung, Baden-Württemberg und Bayern haben gemeinsam die Bevölkerungszahl von Shanghai.

„Daran werden unsere Kinder und Enkel uns messen, ob Europa ein friedliebender Kontinent ist.“

Günther Oettinger

Oettinger ging auf die Friedensperspektive Europas ein: Der Balkankrieg ist noch nicht so lange vorbei - mit deren hunderttausenden Flüchtlingen der Aufstieg der Republikaner kam - und Frieden sei nur dann gewährleistet, wenn die verbliebenen Länder die Perspektive zur Aufnahme hätten: „Diese Länder kennen unsere Hausordnung und wollen sie auch einhalten.“ Bei aller wirtschaftlichen Bedeutung Europas als größter Marktplatz der Welt für Deutschland und speziell für Baden-Württemberg: „Daran werden unsere Kinder und Enkel uns messen, ob Europa ein friedliebender Kontinent ist.“

Dass es sich historisch gesehen lohnt, in Dimensionen von zig Jahren zu denken, führte Oettinger mit vielen Beispielen vor Augen: Die Montanunion, die zuließ, dass Deutschland so kurz nach dem Krieg wieder aufsteigen konnte: „Es war ein Geschenk der anderen, normal hätten sie uns 20 Jahre schmoren lassen sollen mit unserer Kriegsschuld.“ Oder, noch nicht so lange her, als man zwischen Kehl und Straßburg gleich zweimal gefilzt wurde (heute fährt alle acht Minuten die Stadtbahn) und von einem Italienurlaub bestenfalls Strohrum aus Österreich, schlechtestenfalls nutzlose Reste aller möglicher Währungen heim brachte („Sie hatten zehn Geldbeutel zuhause, der große Gewinner war damals die Geldbeutelindustrie“). Oder Görlitz, eine zwischen Deutschland und Polen geteilte Stadt, die heute durch Europa zusammenwächst.

Alte Bevölkerung ist auf Einwanderung angewiesen

Kleine Spitzen auf die CSU („Wenn der Wahlkampf noch länger gedauert hätte, dann hätte es auch noch Kontrollen zwischen Neu-Ulm und Baden-Württemberg gegeben“) oder auf die AfD, die die D-Mark wieder einführen wollen, „vielleicht auch noch Heller und Batzen“, sorgten für Heiterkeit.

Doch schnell war Oettinger wieder beim Thema: Gerade wegen Trump habe der Euro die Chance, zur zweiten Leitwährung weltweit zu werden. Auch deshalb gelte es, zur Europawahl zu gehen.

Mit einem Hinweis auf den „Export“ aus Deutschland der 1830er - nämlich Auswanderer - schlug Oettinger den Bogen zu unserem heutigen Problem: Deutschland habe neben Japan weltweit die älteste Bevölkerung und sei auf Zuwanderung angewiesen, gerade auf ausgebildete Kräfte aus anderen europäischen Ländern.

Und zum Schluss lenkte er den Blick noch weiter über den Horizont: „Das Mittelmeer ist der Bodensee Europas“, sagte Oettinger im Hinblick auf die Kleinheit der geografischen Dimensionen. Afrika als Partner zu sehen und zu stützen, sei nicht nur das Anliegen von Humanisten, „auch der Egoist sollte Partner für Europa sein“. Ein Beispiel: Ägyptens Bevölkerung wachse an einem Tag um 7000 Menschen. Die Frage sei: „Exportieren wir Stabilität oder importieren wir Instabilität?“

Oettinger überzeugt in Gosheim

Er habe die CDU immer als ausbalanciert und klug wahrgenommen. Man dürfe die Politik nicht den anderen überlassen, so Oettinger. Steve Bannon, den er mit keinem freundlichen Wort bedachte, der Spindoctor Trumps (einer, der einer Sache einen anderen „Dreh“ gibt, bis hin zur bewussten Lüge und Manipulation, Anm. der Red.), sei derzeit in Europa unterwegs und berate Le Pen, die FPÖ, die AfD, die Schwedendemokraten und andere Populisten.

Immer wieder mit Zwischenapplaus unterbrochen, gewann Oettinger die Herzen dann vollends, als er über die Beschäftigungen („Was macht dein Golfhandycap?“) auch in seinem Stuttgarter und Tübinger Freundeskreis schimpfte: „Zur Trennlinie zur Dekadenz sind nur ein paar Schritte.“

Sein Aufruf: „Seien Sie in Gosheim daheim, aber mit Weitblick für Europa und unser Land.“

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen