Schwäbische Zeitung

Der Oberhohenberg bei Schörzingen und Deilingen ist ein besonders geschichtsträchtiger Ort. In unserer Reihe „SZ öffnet Türen“ sind unsere Leser eingeladen, bei einer Führung durch den Vorsitzenden des Schörzinger Albvereins, Andy Mayer, sich wandernd durch die Anlage führen zu lassen. Treffpunkt ist am Sonntag, 25. August, um 13 Uhr bei der Hütte des Albvereins am Fuß des Bergs. Zum historischen, europäischen Hintergrund hat sich Regina Braungart mit dem Rottenburger Laienhistoriker und Kenner Peter Wagner unterhalten. Das Interview wurde dann aus Praktikabilitätsgründen schriftlich geführt.

Der Oberhohenberg als Heimat der Urmutter der Habsburger – fast in Spuckweite der Ausgangspunkt eines zweiten mächtigen europäischen Herrscherhauses, der Preußen – ist das nicht etwas ganz besonderes?

Die Hohenherger Grafen trennten sich als Familienzweig im Jahre 1170 von den Zollern. Sie erhielten als Sitz die Burg Oberhohenberg und eine kleine Landschaft mit den Städten Schömberg und Haigerloch sowie mehrere Dörfer. Die Burg Oberhohenberg ist die höchst gelegene Burg in unserer Landschaft auf 1050 Metern Höhe. Es gab große Probleme mit der Versorgung im Winter. Die Zollern und die Hohenberger waren damals in ganz Mitteleuropa als sehr verwaltungsfähiger Adel bekannt und anerkannt. Sie verkehrten damals in allen Adelshäusern von England bis Sizilien.

Welche Bedeutung hatten die beiden Häuser in der europäischen Geschichte? Und was aus dieser Geschichte ist heute noch in Europa (im Gegensatz zu einer Vorstellung von lauter Nationalstaaten) spürbar?

Zusammen mit der Familie der Hohenberger entstand in der Zeit von 1273 bis 1500 durch die Habsburger das weltweit größte Kaiserreich von Amerika über Spanien, Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn, Kroatien usw., ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Die Zollern fingen etwas kleiner an mit mehreren kleinen Landesregierungen in den Räumen Nürnberg, Ansbach, Bayreuth und Brandenburg. Ab 1701 bauten sie die Region Brandenburg jedoch zum Königreich Preußen aus. Nach dem Krieg 1871 wurden die Zollern als mächtigstes deutsches Adelsgeschlecht bis 1918 Deutsche Kaiser.

Gertrud von Oberhohenberg, eine Grafentochter, wurde als Anna an der Seite Rudolfs I. deutsche Königin. Damals mussten die Könige, später Kaiser ja noch durch die Fürsten gewählt werden. Man hatte den Rudolf unterschätzt, oder?

Das Interregnum, die kaiserlose Zeit, begann 1254 und endete 1273 mit der Königskrönung von Anna und Rudolf von Habsburg. Zuständig für die Wahl der Königsfamilie waren die sieben Kurfürsten, die sich während des Interregnums illegal mit Königsgut bereichert hatten. Deshalb suchten sie als König einen bei Verwaltungsaufgaben offensichtlich nicht sehr geschulten Ritter aus. Damit begingen sie allerdings einen großen Fehler. Denn der neue König Rudolf hatte aus der kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Basler Bischof gelernt, dass die Basis für ein finanziell und wehrtechnisch funktionierendes Kaiserreich in Zukunft die freien Reichsstädte waren. Viele Städte folgten dem Ruf von König Rudolf und nahmen diesen Status an. Damit schaltete er die Macht der sieben Kurfürsten aus.

Seine aus Deilinger/Schörzinger Wurzeln stammende Frau soll nicht nur schön, sondern auch klug und gebildet gewesen sein, anders als ihre Brüder. Wie kann man sich das erklären?

Gräfin Gertrud von Hohenberg, die jetzige Königin Anna von Habsburg, war die Tochter der Pfalzgräfin Mechthild aus Tübingen. Da Mechthild in Rottenburg neben Tübingen aufwuchs, sorgte die Mutter unter Mithilfe ihrer Tübinger Pfalzgrafenfamilie für eine gute Schulbildung ihrer Tochter. Anna konnte im Gegensatz zu den männlichen Rittern Lesen und Schreiben. Sie soll sogar Lateinunterricht besucht haben. Von ihren Eltern Burkhard III. von Hohenberg und Mutter Mechthild bekam sie auch viel Wissen im Verwaltungsbereich mit. Schließlich hatten ihre Eltern die Grafschaft Hohenberg mit fast 20 Städten von Spaichingen bis Neubulach zur größten Ausdehnung gebracht.

Was weiß man überhaupt über Gertrud/Anna, und woher?

Über Königin Anna gibt es in Geschichtsbüchern und Archiven von Wien über Innsbruck, Zürich und Basel unzählige Berichte. In meiner Bibliothek finden sich über zehn Bücher, in denen ihre Geschichte erzählt wird.

Wenn Anna eine moderne Frau wäre, wem wäre sie wohl am ähnlichsten?

Wenn Königin Anna eine heutige moderne Frau wäre, würde ich sie mit Angela Merkel vergleichen.

Wegen dieser Ehe wurde auch der Bereich Spaichingen/Heuberg österreichisch und blieb es bis 1806. Aber schon im 30-jährigen Krieg standen sich die Preußen, also die einstigen Nachbarn und sogar Verwandten, feindlich gegenüber. Ist sowas normal gewesen?

Zwischen den Zollern und Hohenbergern gab es bereits bei der Vermögensaufteilung 1170 große Probleme. Wegen der Abgabe von Haigerloch an die Hohenberger gab es sogar kriegerische Auseinandersetzungen. Der Zollergraf Friedrich XII., genannt der Oettinger, belagerte die hohenbergische Weilerburg bei Rottenburg und zerstörte die Ehingerburg bei Bad Niedernau im Jahre 1407 völlig. In vielen Adelsfamilien landesweit wurden damals zum Beispiel Erbangelegenheiten nicht mit dem Notar, sondern mit dem Schwert geregelt.

Warum wird dieser Zufall, dass in so nahem Beieinander die Ursprünge zweier der mächtigsten Herrscherhäuser Europas beziehungsweise Deutschlands in der Provinz liegen, eigentlich so wenig betont, und ein Märchenschloss-König von bescheidener Bedeutung ist weltweit bekannt?

Das bayrische Märchenschloss kann man mit der Burg Hohenzollern wenigstens ein bisschen vergleichen. Und bei den Grafen von Zollern gibt es wie im einstigen Königshaus Bayern auch heute noch Familienangehörige. Bei den Hohenbergern lebt heute hingegen kein direkter Nachfahre mehr. Und alle ihre Burgen sind nur noch Ruinen. Die Hohenberger findet man heute nur noch in einigen Museen und in der Literatur. Auch die Schweiz als Ursprung der Habsburger hält sich geschichtlich bei diesem Thema sehr zurück. Die Schweizer haben sich nämlich bei der Gründung ihrer Eidgenossenschaft mit den Habsburgern in mehreren großen Schlachten auseinandergesetzt.

Merkt man heute noch, dass Spaichingen beziehungsweise unsere Gegend einmal zu Österreich gehört haben, und wenn ja, woran?

Ich bin ein sehr erfahrener Vorderösterreicher. Meine Heimatstadt Radolfzell war wie mein jetziger Wohnort Rottenburg und Spaichingen 425 Jahre österreichisch. Im Gegensatz zu Altwürttemberg sind die alten Vorderösterreich-Ortschaften mit Ausnahme von Oberndorf am Neckar bis heute sehr katholisch geprägt. Und durch meine häufige berufliche Tätigkeit im evangelischen Altwürttemberg kann ich eindeutig sagen, dass man die Altwürttemberger auch heute noch sehr deutlich von den Vorderösterreichern unterscheiden kann. Altwürttemberg war einst ein armes Land mit zumeist schlechten Böden und kaum Rohstoffen. Die Regierung war deshalb streng und man musste hart arbeiten, um zu überleben, In Vorderösterreich hingegen hatte man mehr Zeit und mehr Freiheit. Als Einwohner von Rottenburg merkt man den Unterschied zwischen diesen Ländern am deutlichsten an Fastnacht.

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