Mont Blanc ist doch sichtbar

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Mont-Blanc-Panorama – vom Lembergturm aus fotografiert und blau eingefärbt von Hans Hermle, Gosheim. Er hat den Mont-Blanc geken (Foto: Hans Hermle)
Schwäbische Zeitung
Gisela Spreng

Man kann ihn also doch sehen – den Mont Blanc vom Lemberg aus – vorausgesetzt man erwischt optimales Fernsicht-Wetter. Der Beweis ist erbracht. Nach zwei Artikeln in unserer Zeitung zum Thema Mont-Blanc-Sicht (vom 21. Februar: Jörg Nitz: „Man kann ihn sehen“ und vom 2. April: Christoph Dorn: „Mont-Blanc-Sicht ist eine Fata Morgana“) haben sich etliche aufmerksame Leser zu Wort gemeldet. Sie alle haben sich die Mühe gemacht, der Sache auf den Grund zugehen, nachzurechnen, Skizzen anzufertigen, Fotobeweise zu erbringen.

Der Wehinger Realschullehrer Norbert Hermle hat mit dem Bogenmaß die Erdkrümmung berechnet und mit dem Pythagoras die theoretische Sichtlinie vom Betrachter auf dem Lembergturm zum Mont Blanc. Seine Ergebnisse sind fast identisch mit denen von Franz Dreher aus Denkingen: Man kann fast 2400 Meter von dem mit 4810 Metern höchsten europäischen Berg sehen, falls kein Sichthindernis auf der Strecke ist – und es ist keines davor. Beide Lehrer belegen ihre Erkenntnisse mit exakten Skizzen.

Wilfried Schad aus Tuttlingen hat ebenfalls den Pythagoras bemüht und kommt wie Hermle und Dreher auf eine rechnerische Gesamtsichtweite von 362 Metern. Am Ende dieser Sichtstrecke würde also erst die Spitze des Mont Blanc am theoretischen Horizont versinken. Da der „weiße Berg“ aber lediglich 295 Kilometer weit weg ist, ragt er noch deutlich heraus.

Schad schreibt: „Von der Plattform des Lembergturms (1045 m) errechne ich eine Sichtweite bis zum theoretischen Horizont (Meereshöhe) von 115 Kilometern. Von der Spitze des Mont Blanc (4807 m) errechne ich eine Sichtweite bis zum theoretischen Horizont von 247 Kilometern. Man kann meine Werte in einer Tabelle unter dem Stichwort „Sichtweite“ auf Wikipedia grob überprüfen. Bei 295 Kilometern Entfernung müsste ein Berg gerademal so hoch wie der Säntis sein, dass man noch den Sendemasten sehen könnte (in Wirklichkeit wäre der natürlich zu dünn, um noch erkannt zu werden). Da der Mont Blanc aber wesentlich höher ist, kann man seine oberen 2200 Meter sehen.“

Dr. rer.nat. Andreas Beck aus Beuron wiederum macht sich Gedanken zu eventuellen Quellwolken, die Christoph Dorn auf dem Panorama-Foto von Jörg Nitz zu sehen glaubt. „Es ist möglich, dass Herr Nitz Quellwolken beobachtet hat, die manchmal die darunter liegende Topografie erstaunlich genau abbilden.“ Eins sei allerdings auf Nitz‘ Foto bestimmt nicht zu sehen – eine Fata Morgana. „Denn das ist keine Lichtbrechung, sondern eine Spiegelung – und dann müssten die beobachteten Bergformationen kopfstehen.“

Auch der Berliner Dr. Heinz Höra, der den Artikel im Internet gelesen hat, kommt zu den Schluss, dass der Mont Blanc doch vom Lembergturm aus zu sehen ist: Am besten sei es, um das Rätsel zu lösen, den Sichtkreisradius sowohl des Mont Blanc als auch des Lembergturms zu betrachten. „Da die Summe der beiden Sichtkreisradien größer ist als die Entfernung beider Berge von 295 Kilometer, kann man - erst mal theoretisch - feststellen, dass der eine vom anderen aus sichtbar sein müsste. Nun müsste man die anderen, praktisch gegebenen Faktoren untersuchen, die die Sichtbarkeit beeinflussen und u. U. sogar verhindern können, als da sind: geographische Gegebenheiten (hohe dazwischenliegende Bergketten) und die durch die Refraktion beeinflusste Lichtausbreitung. Als moderner Mensch sollte man dafür aber am besten Hilfen, die es im Internet gibt, benutzen.“ Ergebnis: Die gezeigte Ansicht sei keine Fata Morgana gewesen.

Den endgültigen Beweis liefert der Gosheimer Hans Hermle. Als leidenschaftlicher Fotograf hat er bereits im Jahr 2008 mit einem 300-er Tele-Objektiv den Mont Blanc an einem klaren Morgen vom Lembergturm aus fotografiert – und praktisch das gleiche Panoramabild erhalten wie Jörg Nitz kurz vor Sonnenuntergang. Das Foto zeigt wie bei Nitz in der Bildmitte das Stockhorn (2190 m; 186 km) als markanten „dicken“ Berg. Links davon ist die Eiskappe des Mont Blanc (4810 m; 295 km) zu sehen. Rechts vom Stockhorn erkennt man das Oldenhorn (3122 m; 233 km) und Les Diablerets (3210 m; 237 km). Damit steht fest: Vom Lembergturm aus ist der Mont Blanc zu sehen.

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