Mit neuem alten Besitzer geht es weiter

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Schwäbische Zeitung

Seit Donnerstag ist der Vertrag unterschrieben: Ab September ist mit dem Kauf der „Hermle Uhrenmanufaktur“ durch Rolf Hermle, dem früheren Mit-Geschäftsführer der 2005 insolventen Firma Franz Hermle und Sohn, die Insolvenz der Nachfolgefirma, „Hermle Uhrenmanufaktur“, vorbei. Von den 35 Mitarbeitern behalten 34 ihren Arbeitsplatz.

Von unserer Redakteurin  Regina Braungart

Neuer Geschäftsführer der gegenüber Reichenbach selbstständigen Gesellschaft mit dem vorläufigen Namen „HUM(für Hermle Uhrenmanufaktur)-Uhrenmanufaktur GmbH und Co. KG“ wird der Wehinger Hansjörg Kaupp sein. Zwischenzeitlich hatte nach dem Ausscheiden des seitherigen Geschäfstführers kurz nach der zweiten Insolvenz im Mai 2009 Andreas Berchtold aus Radolfzell die Geschäftsführung als „Interimsmanager“ übernommen. Die Umsatzzahlen hatten sich ständig rückläufig entwickelt, berichtet Insolvenzverwalter Dr. Thorsten Schleich von „Schleich und Kollegen“, die zu „Schrade international“ gehören. 2008 habe die Uhrenmanufaktur noch einen Umsatz von 11,5 Millionen Euro gehabt, 2009 ist dieser auf 6,3 Millionen eingebrochen. Bis jetzt betrage der Umsatz für 2010 schon 4,4 Millionen Euro und die Auftragslage sei gut, so Schleich. Unabhängig davon habe die Uhrenmanufaktur schon 2008 erhebliche Verluste verzeichnet. 40 der 72 Mitarbeiter sei gekündigt worden, einigen allerdings wohl schon vor der zweiten Pleite, denn im Mai 2009 war von 59 Betroffenen die Rede.

Das Problem war, die nach dem Ausscheiden des Geschäftsführers und des Vertriebsleiters kopflos gewordene Firma zu restrukturieren, berichtet Berchtold. Wichtig sei zuerst vor allem gewesen, die Liefergenauigkeit sicher zu stellen, man habe damit alte Kunden wieder in Zufriedenheit zurückholen können. Ein weiterer Coup war, den früheren Vertriebsleiter Eschle mit seinen Kontakten vor allem nach Russland und Asien aus dem Ruhestand zurück zu holen.

Außerdem hat man sich bei Hermle von der Ausrichtung auf Hochpreismodelle wieder verabschiedet und geht auch weg von Quarzwerken und baut mechanische Uhrwerke ein: „Wir haben die Hälfte der Modelle reduziert“, sagt Berchtold, einen neuen Designer beauftragt, einen schicken Katalog erstellt und damit auf der Baseler Messe im März offenbar gepunktet hat. Dieser „Turnaround“ wurde nochmal von den Gläubigern mitfinanziert.

Das Haus habe viele Stammkunden, die auch die neuen Modelle ins Sortiment übernahmen. Derzeit habe Hermle einen Exportanteil von 80 Prozent. Im Gegensatz zur ersten Insolvenz, als noch viele Außenstände auch bei Kunden im Ausland eingefordert werden mussten – liefert Hermle inzwischen aber gegen Vorkasse, was von den Kunden inzwischen akzeptiert werde, so Schleich. Betriebswirtschaftlich habe man sich durch die Konzentration auf mechanische Werke, der Kernkompetenz der Hermle-Mitarbeiter, die dann in jeweils anders designte Gehäuse eingebaut werden, auch davon verabschiedet, viele unterschiedliche Teile im Lager vorhalten zu müssen.

In Reichenbach werden Uhrwerke hergestellt, in Gosheim ist die Entwicklung, Montage und Vertrieb der Uhren, aber auch von Uhrwerken angesiedelt. Der Einkauf für beide Werke werde – so die einzige organisatorische Änderung -nach Reichenbach verlegt. Schwierig war in den Verkaufsverhandlungen auch immer die Frage des Gebäudes gewesen. Anfangs waren auch chinesische Kaufinteressenten im Rennen, die aber nur an der Marke interessiert waren. Der Kieninger-Investor Schaible hatte auch jüngst noch mitgeboten und relativ kurzfristig noch ein Angebot vorgelegt, das den Beschäftigten Tarifbindung garantierte. Das ist jetzt nicht der Fall. Ein Betriebsrat bleibt aber bestehen.

Letztlich habe, so war zu hören, auch Rolf Hermle das deutlich bessere Kaufangebot abgegeben. Über die Höhe des Kaufpreises bewahren die Beteiligten Stillschweigen. Es ist von einem kleineren Millionenbetrag die Rede. Nach dem Betriebsübergang an Rolf Hermle sind die Beschäftigten nicht mehr tarifgebunden, die Vereinbarungen des Sanierungstarifvertrags werden übernommen. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter flexibel arbeiten, von 32 bis 40 Stunden, dabei aber nur jede zweite Stunde bezahlt wird. Urlaubs- und Weihnachtsgeld gibt es ebenfalls nicht.

„Die Entscheidung war schwierig“, sagt Georg Faigle der für die IG Metall in den Verhandlungen einbezogen war. Letztlich sei im Interesse der Beschäftigten das Hermle-Angebot als das sicherere erscheinen.

Dass die Firma nicht geschlossen wurde und die Verhandlungen erfolgreich verlaufen seien, das sei auch der konstruktiven Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft zu verdanken, so Schleich. Dessen und Berchtolds Arbeit wird zum 1. September, nach einer detailierten Übergabe zu Ende sein.

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