Gefleckte Taubnessel ist für Hummeln unwiderstehlich

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Gefleckte Taubnessel: Bei der Blüte oben links sieht man die dunklen Staubfäden in der Oberlippe hervorblitzen.
Gefleckte Taubnessel: Bei der Blüte oben links sieht man die dunklen Staubfäden in der Oberlippe hervorblitzen. (Foto: Judith Engst)

Haben Sie das in Ihrer Kindheit auch gemacht – bei am Wegesrand wachsenden Taubnesseln die Blütenröhren herausgezogen und am unteren Ende gesaugt? Probieren Sie es doch wieder einmal – der Lohn ist häufig ein Nektartropfen, der süß und lieblich auf der Zunge zergeht.

Von den Taubnesseln gibt es eine ganze Reihe: Die gelb blühende Goldtaubnessel (Lamium galeobdolon), die Weiße Taubnessel (Lamium album) und die Purpur-Taubnessel (Lamium purpureum) sowie die Gefleckte Taubnessel (Lamium maculatum), die beide (purpur)rote Blüten haben. Auf dem Bild zu diesem Artikel sehen Sie eine Gefleckte Taubnessel. Ihre Blüten sind etwas größer und breiter als bei der Purpur-Taubnessel. Außerdem hat sie eine nach oben gekrümmte Blütenröhre – bei der Purpur-Taubnessel ist diese kerzengerade.

Die Taubnessel ist ein Musterbeispiel dafür, dass manche Pflanzen sehr wählerisch sind bei der Frage, wer sie bestäuben darf. Sie hat einen speziellen Mechanismus eingerichtet, der kleinere Insekten ausschließt, weil diese mit den eingesammelten Pollen zu unspezifisch viele verschiedene Blumenarten ansteuern.

Die Taubnesselblüte ist zweigeteilt in Unter- und Oberlippe. Der Blütenbau ist namensgebend für die Familie der Lippenblütler, zu denen die Taubnessel gehört. Ober- und Unterlippe sind unten zusammengewachsen zu einer Röhre, in der der Nektar versteckt ist, der die Bestäuber anlockt. Die Unterlippe bildet gewissermaßen einen idealen Hubschrauberlandeplatz für Hummeln, die bevorzugten Bestäubungsinsekten der Taubnesseln: Die großen Brummer können darauf bequem landen; auch die Fleckung und der Duft der Pflanze zieht sie magisch an.

Wenn das Insekt in die Blütenröhre kriecht, wird durch sein Gewicht die Oberlippe etwas nach hinten gebogen, und die darin verborgenen vier Staubfäden senken sich auf den Hinterleib des Bestäubers. So bleiben genügend Pollen in dessen pelzigem Kleid hängen. Die bräunlich-violetten Pollen kann man übrigens gut sehen, wenn man eine Blüte herauszieht und von unten betrachtet – zwei der Staubfäden sind kürzer, zwei sind länger, zusammen bilden die Pollen ein Viereck. Die Beschränkung auf Hummeln erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass nach Abflug nicht einfach irgendeine Pflanze aufgesucht wird, sondern idealerweise die passende – nämlich abermals eine Gefleckte Taubnessel.

Neben der Bestäubung hat jede Pflanze in ihrem Leben aber noch ein zweites Problem zu lösen: Sie muss auch für die Verbreitung ihrer Samen sorgen. Alle Taubnesseln, auch die Gefleckte, bilden hierzu vier Früchte pro Blüte, so genannte Klausen.

Diese Früchte haben ein spezielles, sehr nahrhaftes und ölhaltiges Anhängsel, das Botaniker Elaiosom nennen. Es schmeckt besonders den Ameisen. Weil es sich dabei um soziale Tiere handelt, die eine gefundene Nahrungsquelle gerne mit den anderen Tieren aus ihrem Staat teilen, verschleppen sie die Klausenfrüchte in ihren Ameisenhaufen. Gefressen wird dann wirklich nur das Anhängsel, der Samen bleibt intakt und keimt bei nächster Gelegenheit. In der Pflanzenwelt ist das gar nicht so ungewöhnlich – aber es zeigt einmal mehr, wie eng die Beziehung zwischen Pflanze und Tier ist.

Vielleicht nehmen Sie diesen Bericht ja mal zum Anlass, um sich die Blüte der Taubnessel und die Bestäubung durch Hummeln ganz genau anzusehen. Es lohnt sich!

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