Freundschaft hält seit 50 Jahren

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 Wehingens Bürgermeister Josef Bär und sein französischer Kollege Michel Sorin bei der 25-Jahrfeier in Wehingen.
Wehingens Bürgermeister Josef Bär und sein französischer Kollege Michel Sorin bei der 25-Jahrfeier in Wehingen. (Foto: Foto/Repro: Richard Moosbrucker)
Richard Moosbrucker

Der 15. Mai 1969 hat für die Gemeinde Wehingen einen besonderen Stellenwert. An diesem denkwürdigen Tag besiegelten Anton Hugger als Bürgermeister der Gemeinde Wehingen und sein französischer Amtskollege, Bernard Le Godais, Bürgermeister von St. Berthevin, die Partnerschaft zwischen beiden Gemeinden. In diesem Jahr darf man auf dem Heuberg und in der Mayenne auf eine 50-jährige, noch gut funktionierende Partnerschaft zurückblicken.

Als erste Kommune im Kreis Tuttlingen ging Wehingen damit eine Liaison ein, die bis auf den heutigen Tag Bestand hat, und die beispielgebend war für Städte und Gemeinden im Landkreis Tuttlingen. Anton Hugger brachte die Idee in den damaligen Wehinger Gemeinderat mit der Bitte, sich zu überlegen, ob man nicht einer Empfehlung des Württembergischen Gemeindetags bzw. der kommunalpolitischen Vereinigung der CDU folgen sollte, Kontakt mit einer vergleichbaren französischen Gemeinde aufzunehmen.

In einem Gemeinderatsprotokoll vom 19. Februar 1965 ist zu lesen, dass die Gemeinderäte Karl Steiner und Hans Rössler zunächst einmal in schwäbisch-sparsamer Manier wissen wollten: „Was koschtet des?“ Nachdem Anton Hugger bestätigt hatte, dass keine laufenden Kosten anfallen und lediglich bei Besuchen eventuell Fahrtkosten zu entrichten seien, kam der Partnerschaftsstein ins Rollen und der Gemeinderat gab grünes Licht.

Wie aber sollte man den richtigen Partner finden? Hier erwies es sich als Glücksfall, dass Hermann Jauch als ehemaliger Beamter des Bezirksnotariats Wehingen über Geschäftsbeziehungen eine Brücke zu Bernard Le Godais bauen konnte, um die Möglichkeiten einer Partnerschaft auszuloten. Offensichtlich sprang hier der Funke gleich über. Le Godais reiste mit seiner Ehefrau im Oktober 1968 erstmals nach Wehingen, um sich mit seinem Amtskollegen Hugger zu treffen. Hugger selbst und Gemeinderat Franz Schmidt erwiderten im selben Jahr den Besuch in St. Berthevin. Der Wehinger Gemeinderat segnete am 28. Oktober 1968 den freundschaftlichen Schulterschluss mit St. Berthevin ab, so dass der Weg für eine dauerhafte Freundschaft zwischen beiden Gemeinden geebnet werden konnte. Am 15.Mai 1969 wurde diese Partnerschaft in Wehingen besiegelt.

Am 26. Juni 1969 reiste eine Wehinger Delegation unter Führung von Bürgermeister Anton Hugger nach St. Berthevin, um die Partnerschaft auch dort unter Dach und Fach zu bringen. Damit hatten beide Gemeinden einen politischen Akt vollzogen, der auf der Basis der gegenseitigen Freundschaft Menschen aus beiden Nationen auf den unterschiedlichsten Ebenen zusammenbringen sollte. Immerhin liegen 900 Kilometer zwischen den beiden befreundeten Gemeinden.

Dies jedoch hinderte sie nicht daran, zahlreiche Kontakte zwischen den beiden Kommunen zu entwickeln. Es entstand eine Schulpartnerschaft der Realschule mit dem College Dubois. Hier spielte Realschullehrer Erich Mayer eine tragende Rolle. Ihm ist es zu verdanken, dass sich zwischen beiden Schulen eine echte Partnerschaft mit vielen gegenseitigen Austauschen entwickeln konnte. Auch das damalige Progymnasium mit seinem Schulleiter, Dr. Weiss, regte Schüleraustausche an, führte sie durch, konnte sie aber, weil es keine passende Partnerschule gab, nicht zu einer echten Partnerschaft ausbauen.

Die Fußballer des TV Wehingen verbündeten sich mit den französischen Freunden und tauschten sich regelmäßig mit ihnen aus. Es entstanden Kontakte mit der Feuerwehr, den Tischtennisclubs, den Turnern, und auch der Musikverein sowie der Fanfarenzug richteten mit ihren Besuchen in St. Berthevin kulturelle Freundschaftsbotschaften an die Franzosen. Selbst die Rentner zeigten sich den neuen Freundschaftsbanden sehr aufgeschlossen. Jugendpartnerschaften wurden ins Leben gerufen, und man konnte sehen, dass sich die Partnerschaft zusehends festigte.

1974 wurde ein Partnerschaftskomitee gegründet, mit dessen Hilfe Austausche organisiert und gefördert werden sollten. Erster Vorsitzender war Hans Rössler, der 22 Jahre dieses Amt ausübte und später von Friedrich Zirn abgelöst wurde. Von der Konrad Adenauer-Stiftung bekamen beide Gemeinden die Ehrenmedaille und einen ansehnlichen Geldbetrag für ihre Bemühungen, um die deutsch-französische Völkerverständigung. Mit der Verleihung der Ehrenfahne des Europarates bekam zunächst 1976 St. Berthevin, 1983 Wehingen eine Bestätigung ihrer völkerverbindenden Arbeit.

1994 konnten beide Gemeinden das 25-jährige Jubiläum feiern. Zwischenzeitlich hat es in beiden Rathäusern auch einen Führungswechsel gegeben. In Wehingen setzte Bürgermeister Josef Bär – 1981 zum Nachfolger von Anton Hugger gewählt - die Freundschaftsbeziehungen konsequent fort. Auch sein Kollege Michel Sorin ließ keinen Zweifel an der Partnerschaft aufkommen. Altbürgermeister Bernard Le Godais aber ergriff mit einer unglaublichen Energie die Initiative und organisierte Partnerschaften mit italienischen, spanischen, englischen, ja selbst rumänischen Kommunen, das vereinte Europa nicht aus den Augen verlierend.

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