„Ersatzteil“ Strumpfhose bringt Drescher in Gang

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Tobias Kuolt (links) und Ralf Edelmann auf dem Mähdrescher, den die Männer dank einer Frauenstrumpfhose reparieren konnten.
Tobias Kuolt (links) und Ralf Edelmann auf dem Mähdrescher, den die Männer dank einer Frauenstrumpfhose reparieren konnten. (Foto: Fotos: richard Mossbrucker)
Richard Moosbrucker

Eine wunderschöne Sommergeschichte hat sich am Sonntag auf einem Gerstenfeld nahe Delkhofen abgespielt.

Die Deilinger Paul Kuolt und sein Sohn Tobias haben im vergangenen Jahr einen alten Mähdrescher erworben. Das Gerät war zuvor bei Franz Mauch in Dunningen über 50 Jahre lang im Einsatz. Für schlappe 1600 Euro kam das gute Stück dann in den Besitz der Kuolts. Das war letztes Jahr.

Bei Familie Edelmann in Dormettingen kam das alte Vehikel letztes Jahr zum ersten Mal zum Einsatz, erntete die Felder ab und die Hobbylandwirte hatten allen Grund, die „Sichelhenke“ mit einem Dreschfest zu feiern – so auch am Sonntag in Deilingen bei Familie Kuolt, die das Feld hatte einsähen lassen.

Tobias Kuolt untersuchte also die Maschine, befand sie für gut und es konnte losgehen. Auf dem Feld warteten die Festgäste jedoch lange Zeit vergebens auf diese mechanische Grille namens Mähdrescher. Was war los?

Es stellte sich heraus, dass sich der Keilriemen für den Antrieb des Hydraulikzylinders aufgelöst hatte und ein Ersatzteil konnte Kuolt am Sonntag nicht beschaffen. So machten sich die findigen Tüftler um Tobias Kuolt, Ralf Edelmann und sein Bruder Gerd Edelmann, sowie später auch Arno Milbrandt ans Werk, um nach Lösungen für den technischen Defekt zu suchen.

Während die Gäste schon am Rande des Feldes in der Sonne transpirierten, kamen die Tüftler bei ihren Versuchen, die Maschine wieder startklar zu machen noch mehr ins Schwitzen: Zahlreiche Versuche, den Riemen wieder zu flicken, scheiterten.

Zum Fest anlässlich der erfolgreichen Ernte kamen auch Gäste.
Zum Fest anlässlich der erfolgreichen Ernte kamen auch Gäste. (Foto: Richard Mossbrucker)

Der Versuch mit einer stramm gespannten Schnur scheiterte ebenso, wie manch andere Flickschusterei. Immer wenn die Last auf das Antriebsrad kam, riss die Schnur oder der Riemen wieder ab.

Schließlich erinnerten sich die Männer an frühere Zeiten, als Autofahrer mit einer Damenstrumpfhose die tollsten Erfolge erzielten. Doch keine der Frauen trug an diesem heißen Sommertag so ein Kleidungsstück unter dem Rock.

Also mussten die Frauen in ihren heimischen Kleiderschränken nach Strumpfhosen suchen und wurden auch schnell fündig. Sie brachten die Objekte der Begierde an den Reparatur-Standort in Delkhofen. Wie herrlich sich doch diese Strumpfhose wickeln, anspannen und verknoten ließ, stellten die Männer fest.

Mit diesem Erfolg kam das Lächeln in Tobias Kuolts Gesicht wieder zurück. Der Mechanismus funktionierte und das Mähwerk mit der Haspel und dem Messerbalken konnte bewegt werden.

Also nichts wie los auf das Gerstenfeld: Bald drischte der Mähdrescher das Getreide und auf dem Absackstand kontrollierte Ralf Edelmann das Befüllen der Säcke. Alle waren glücklich, weil die Technik funktionierte. Doch es dauerte nicht lange, bis die erste Strumpfhose ihren Geist aufgab. Aber mit dem zwischenzeitlich gewachsenen Knowhow ist der erneute Defekt bald wieder behoben, so dass die Ernte weitergehen kann.

Mit einer Strumpfhose konnten die Hobbylandwirte den Riemen am Mähdrescher ersetzen.
Mit einer Strumpfhose konnten die Hobbylandwirte den Riemen am Mähdrescher ersetzen. (Foto: Richard Mossbrucker)

Ganz nebenbei aber erwies sich das Sackmaterial als zusätzliche Schwachstelle, denn: Der prall gefüllte Sack war dem Innendruck nicht mehr gewachsen und riss. Dieser Umstand stellt aber kein Problem für die findigen Erntehelfer dar.

Eigentlich hätte man auch dazu eine Strumpfhose verwenden können, doch die Entscheider hielten es für besser, die Restlichen für den Hydraulikantrieb einzuhalten. So fraß sich die Maschine schließlich durch das Gerstenfeld und alle waren am Ende glücklich.

Doch wie kommen die Kuolts eigentlich zur Landwirtschaft? „Wir haben mit der Landwirtschaft eigentlich nichts mehr am Hut“, sagt Tobias Kuolt. Aber in Deilingen gibt es noch einige Hobbylandwirte, die mit großer Leidenschaft ihre Felder pflegen. Zu ihnen gehört Christoph Hermle, dessen Frau von einem großen Tuttlinger Bauernhof stammt. Mit modernstem Gerät bewirtschaftet er seine Felder und bedient manchmal auch andere mit seinem Maschinenpark.

Auch die Kuolts haben bei ihm angeklopft und ihn gefragt, ob er ihren eigenen Acker nicht einmal ansäen könnte. Wunschgetreide sei der Weizen gewesen, Hermle aber hatte noch Gerste im „Köcher“, sodass schließlich der Acker mit Gerste eingesät wurde.

Mit dem alten Mähdrescher hatten alle Spaß.
Mit dem alten Mähdrescher hatten alle Spaß. (Foto: Richard Mossbrucker)

Bei den Edelmanns in Dormettingen ist es ganz anders: Sie betreiben noch mit hohem persönlichen Einsatz rund 20 Hektar Ackerfläche. Hier sind Adalbert Edelmann und seine Frau Uschi, sowie die beiden Söhne, Ralf und Gerd, nebenberuflich noch voll dabei.

Ihre Äcker hätten mit dem kleinen, alten Mähdrescher nicht bewirtschaftet werden können. Aber aus Spaß an der Freude haben sie sich an Tobias Kuolt zurückerinnert und ihn im letzten Jahr um einen Freundschaftsdienst gebeten, den er gerne annahm, um seinen alten Mähdrescher noch einmal in den Einsatz zu bringen. Und bei Edelmanns mündet dann so eine Aktion immer in ein kleines Fest, wenn die Ernte erfolgreich war. So auch am Sonntag in Deilingen.

Direkt am Montag hat sich Paul Kuolt einen Ersatzriemen gekauft, den sein Sohn direkt in den Mähdrescher einbaute.

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