Cluster-Initiative fährt deftiges Defizit ein

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 Sattes Loch in der Kasse, aber zuversichtlich, dass es aufwärts geht: (von links) Vorstandsmitglied Georg Knaier, der scheidend
Sattes Loch in der Kasse, aber zuversichtlich, dass es aufwärts geht: (von links) Vorstandsmitglied Georg Knaier, der scheidende Kassenprüfer Manfred Brugger, sein Nachfolger Peter Hauser, Vorstandsmitglied Reinhold Fischer, der gastgebende Bürgermeister Bernd Haller und die beiden Vorsitzenden der Cluster-Initiative Zerspanungstechnik, Stefan Schuhmacher (Stellvertreter) und Ingo Hell. (Foto: Michael Hochheuser)

In den 44 Jahren ihres Bestehens hat die Gemeinnützige Vereinigung der Drehteilehersteller (GVD) stets ein Plus in der Kasse gehabt, sagt deren langjähriger Vorsitzender Ingo Hell. Nach der Umfirmierung als „GVD e.V./Cluster-Initiative Zerspanungstechnik“ ist aus dem Plus nun erstmals ein Loch in der Kasse geworden – und gleich ein großes: Ein Minus von 192 000 Euro hätten die Bilanzen Ende vergangenen Jahres ausgewiesen, verkündete Hell bei der Hauptversammlung am Donnerstagabend im Gosheimer Rathaus. Seine 50 Zuhörer waren erst mal baff.

Hell schien die Abwärtsentwicklung sichtlich unangenehm zu sein. Er führte eine ganze Reihe an Erklärungen an, „wo das Geld hingegangen ist“: Die GVD müsse in einen „modernen Wirtschaftsverband umgewandelt“ werden. Dafür habe man „in den vergangenen zwei Jahren viel investieren müssen, ohne Einnahmen zu haben“. Verhandlungen mit Kooperationspartnern seien teuer gewesen, auch die Teilnahme an regionalen und überregionalen Veranstaltungen „kostet nicht nur Zeit, sondern auch viel Geld“. Zudem stünden 28 000 Euro an offenen Forderungen aus. Und um an 170 000 Euro Fördermittel zu gelangen, müssten auch 170 000 Euro an Eigenmitteln aufgebracht werden. Die Cluster-Initiative habe nicht so schnell vorangetrieben werden können wie geplant, räumte Hell ein; das Projekt sei bis 30. Juni 2019 verlängert worden.

Um finanziell gegenzusteuern und „Kosten zu sparen, wo es möglich ist“, soll es laut Hell fortan unter anderem ein Kosten-Controlling geben. Man werde sich um weitere Zuschüsse und zusätzliche Sponsoren bemühen. Ein Unternehmen habe bereits eine Unterstützung in Höhe von 15 000 Euro zugesagt. Die Initiative werde verstärkt neue Mitglieder werben – „wir haben fünf mündliche Zusagen“. Eine „Professionalisierung im Finanzwesen“ sei eingeleitet, Konzepte stünden bis 2020. Ziel sei, „dass wir das Defizit in drei bis vier Jahren wieder reinwirtschaften“. Stand 30. Oktober sei das „Minus bei der Bank“ bereits auf 88 000 Euro gesunken, Ende 2020 wolle man bei einem Minus von 60 000 Euro stehen.

Kassenprüfer Rolf Gutmann von der Volksbank Schwarzwald-Donau-Neckar stellte nach der Bescheinigung einer „ordnungsgemäßen Kassenführung“ die Frage, ob ein Verein noch die richtige Form sei bei der Überführung der GVD in die Cluster-Initiative. Er riet dazu, zu einer anderen Unternehmensform zu finden, „in Richtung einer GmbH mit einem Geschäftsführer“ – weil mit einem Minus in einem Verein „schwierig zu arbeiten“ sei. Gutmann verwies darauf, dass Ingo Hell ehrenamtlich als Vorsitzender arbeite. „Es gehört ein Vorstand her, der die Geschäfte hauptamtlich voranbringt.“ Hell betonte, dass man vor drei Jahren beraten worden sei, für die Cluster-Initiative die Vereinsform zu wählen. Ob dies so bleibe, werde man sehen. „Es muss und wird anders weitergehen“, versprach er.

Mit den Ergebnissen in diesem Jahr dürfe die Branche zufrieden sein, bilanzierte Hell – auch wenn der Zenith der Auftragseingänge aus seiner Sicht überschritten sei. Er blickte auf die „dramatische Situation“ bei Ausbildungsstellen und Fachkräften im Land. Eine ganze Reihe der hiesigen Zerspanungsbetriebe hätten nicht eine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz bekommen. Dabei sei die Quote der Ausbildungsabbrecher in der Zerspanungsbranche mit drei Prozent gering. Als Hauptintentionen des Clusters nannte Hell es, „geeignete Ausbildungswillige zu gewinnen und zu halten und Quereinsteiger zu gewinnen und zu qualifizieren.“

„Uns geht es gut, weil es ihnen gut geht“, meinte Walter Blaudischek, stellvertretender Leiter der Erwin-Teufel-Schule in Spaichingen. Die besuchen derzeit 1448 Berufsschüler, die Zahlen seien „gegen den Trend“ stabil. Rund 540 von ihnen kommen laut Blaudischek aus der Zerspanungsbranche: 420 Zerspanungsmechaniker, 44 Fachkräfte Zerspanungstechnik und 74 junge Leute, die an der einjährigen Berufsfachschule Metall lernen.

Die Entlastung des Vorstands fiel einstimmig aus. Nach 23 Jahren als Kassenprüfer wurde Manfred Brugger von der Kreissparkasse Rottweil verabschiedet; ihn ersetzt Peter Hauser von der Kreissparkasse Gosheim. Für weitere zwei Jahre zum stellvertretenden Vorsitzenden der Initiative wurde Stefan Schuhmacher gewählt, bestätigt wurden ebenso die Vorstandsmitglieder Reinhold Fischer und Georg Knaier.

Aktuelle Projekte

Hans-Martin Schurer, Geschäftsführer der Denkinger Agentur KMS, stellte Projekte der Cluster-Initiative wie „Ausbildungsoffensive“ und „Ausgezeichnete Ausbildung“ vor. Bei Angeboten wie dem „Open House“, bei dem Schüler Firmen besuchen, „bleiben immer ein paar Auszubildende hängen“, sagte er. Die „Ausgezeichnete Ausbildung“ habe derzeit 17 Projektpartner, Tendenz steigend. Unter anderem seien sieben Infofahrten für Auszubildende unternommen worden, zu Themen wie „Sensibilisierung für Kundenanforderungen“ und „Maschinentechnik bei Unternehmen“. Um die „Zukunftsfähigkeit der Zerspanungsbranche zu gestalten“, müsse man bei jungen Menschen Technik-Begeisterung schaffen, um Nachwuchskräfte zu gewinnen. Ausbildungswege müssten aufgewertet werden, sagte Schurer: So startet die Cluster-Initiative im Juni 2019 das Projekt „Zerspanungstechniker Plus“. Interessierte können in zwei bis drei Jahren einen in der Branche anerkannten Abschluss machen mitsamt Zertifikat, berufsbegleitendem Weiterbildungskonzept und dem Ziel „sich für besondere Positionen in der Fertigung zu entwickeln“.

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