Aus „Rostbollen“ werden Schmuckstücke

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Der älteste Traktor der Ausstellung: ein Schwungrad Kramer aus dem Jahre 1940
Der älteste Traktor der Ausstellung: ein Schwungrad Kramer aus dem Jahre 1940 (Foto: Alois Groß)
Herlinde Groß

Rund um die Hütte der Wehinger Ortsgruppe im Schwäbischen Albverein hat am Sonntag das erste Traktorentreffen der Traktorenfreunde Wehingen stattgefunden. Trotz des regnerischen Wetters stellten viele Traktorenfreunde ihre Oldtimer auf die Wiesen, die von den Fans und Fachleuten bewundert wurden.

Noch anfangs des Jahres waren die Wehinger Traktorenfreunde etwa zehn Personen, die mit ihren Fahrzeugen bei verschiedenen Treffen in der Umgebung ausstellten, mit „Spaß an der Freud“. Im Laufe der Zeit kamen einige Neulinge dazu und auf einmal hat es „gefunkt“: Im Juni 2018 kam man zu ersten Besprechungen über die weitere Zukunft zusammen. „Rucki-zucki stieg unsere Mitgliederzahl auf 50 an“, berichtet der 25-jährige Marco Schulz, der sich als „Präses“ der neugegründeten Traktorenfreunde Wehingen zur Verfügung stellte. Spontan wurde das erste Traktorentreffen mit Fest geplant. „Wir sind ganz baff über die sehr gute Resonanz, die alle unsere Erwartungen haushoch übertraf“, freut sich Marco Schulz. Er selber stellte einen Kramer mit Baujahr 1956 aus. „Der Traktor gehört Opa Willi.“

Bei der Bewirtung in den beiden vollen Festzelten halfen Mitglieder des Schwäbischen Albvereins mit. Zum Frühschoppen und während des Mittagessens spielte die Senioren-Musikkappelle. Obwohl die Zelte beheizt waren, wurde bei dem kalten Wetter das Kaffee- und Kuchengeschäft zum Renner.

Den vielen echten Traktorenfans konnte das Wetter nichts anhaben. Der erfahrene Traktorenspezialist Manfred Rödrich aus Wehingen konnte zu vielen Fahrzeugen ganze Geschichten erzählen.

Von Dresden nach Egesheim

Da gab es zum Beispiel einen roten Feuerwehr Robur LO 2002 A mit 80 PS aus dem Jahr 1976, der bis 2015 im Dienste der Feuerwehr in Dresden stand und jetzt eine Heimat in Egesheim gefunden hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählten vor allem die „Kramer Traktoren“ zu den ersten, die von den Nebenerwerbslandwirten angeschafft wurden. Der älteste Kramer K 18 stammt aus dem Jahr 1940 und hatte eine Seilwinde. Mit diesem Oldtimer wurde einst Langholz gefahren. Damit der Besitzer schneller wieder zu Hause ist, ließ er einen fünften Gang einbauen.

Manfred Rödrich selbst stellte seinen Hanomag R 28, Baujahr 1952 aus. „Diese Schlepper wurden vorwiegend von den damaligen Schaustellern gekauft, da sie weniger Geld hatten“, wusste Rödrich. Doch sein Fahrzeug war im Güternahverkehr eingesetzt. Verrostet, platt gefahren und scheibenlos, also ein Wrack, so habe er das Fahrzeug erworben. Bereits vor Jahren habe er die „Schrottkiste“ in Einzelstücke zerlegt. Irgendwann dann wieder grob zusammengebaut. Die Feinheiten und das Lackieren wurden dann vom „Traktorendoktor“ und Freund Stefan Schätzle, Deilingen, übernommen.

Lautes Motorengebrumm zeigte das Ankommen von einigen Deilinger Fahrzeugen an. Zum ersten Mal wurde Hubert Schätzle, der Besitzer des Diesel „Hela“ Lanz, 12 PS und Baujahr 1957, bei einer Ausfahrt nass. Er fährt sonst nur bei trockenem Wetter. So verwundert es nicht, dass sein Hela Traktor aussieht wie aus einem Ei gepellt, schöner als ein Fahrzeug, das neu aus dem Werk geliefert wird, stellte Rödrich fest.

Nicht das kleinste Detail wurde bei der Restaurierung vergessen. Sogar die Schmiernippel wurden rot bemalt. Da früher die Besitzer sparsam waren, wurden die Schmiernippel rot gekennzeichnet, damit sie nicht vergessen wurden. Zum Restaurieren benötigte Hubert Schätzle rund neun Monate. Obwohl der „Rostbollen“ einst tief im Unrat und Brennnesseln stand, ist der Hela Traktor heute ein richtiges Schmuckstück geworden, das von den Besuchern durchweg bewundert und gelobt wurde.

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