„Auch Orte können richtige Kraftorte sein“

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Schwäbische Zeitung

Johannes Amann ist Pfarrer der Seelsorgeeinheit „Oberer Heuberg“ mit den Kirchengemeinden Böttingen, Mahlstetten, Königsheim, Bubsheim, Egesheim und Reichenbach. Redaktionsmitglied Frank Czilwa hat mit ihm über die spirituelle und kirchliche Bedeutung des Alten Bergs gesprochen.

Können Sie aus christlicher Sicht etwas mit dem Begriff „Kraftort“ anfangen, der ja eher aus dem neuheidnisch-esoterischen Bereich kommt?

Ich selbst habe da keine Berührungsängste. Es gibt ja vieles, was den Menschen für ihr Leben Kraft geben kann: Menschen können Kraft geben. Worte können Kraft geben, Lieder, Feiern, Gottesdienste. Und es gibt natürlich auch Orte – oftmals sakrale Gebäude, aber auch in der Natur –, die so richtige Kraftorte sein können. Ich selber erlebe das so. Und wenn ich daran denke, wie oft das Wort „Kraft“ in der Bibel vorkommt beziehungsweise wie oft in der Bibel besondere Orte eine Rolle spielen und gerade auch Berge Orte der Gotteserfahrung, der Erfahrung von Kraft sind, da gibt es für mich keinen Grund, mit dem Begriff „Kraftort“ Probleme zu haben. Kraft verbinde ich sehr stark mit dem Bibelwort aus 1 Sam 2,1: „Mein Herz ist voll Freude über den Herrn. Große Kraft gibt mir der Herr“. Dies ist eine Erfahrung, die mir ein Gottesdienstraum ebenso schenkt wie die Natur unter freiem Himmel.

Wie wird die Kapelle auf dem Alten Berg das Jahr über liturgisch genutzt?

Viele kommen am Jahreswechsel, in der Neujahrsnacht, auf dem Alten Berg zusammen, um draußen das neue Jahr zu begehen. Und oftmals gibt es danach noch ein Singen in der Kapelle. Im März feiern wir das „Lebensfestival Funkenflug“, der ab und zu mit einen Fackelzug auf den Alten Berg zur Kapelle verbunden ist. Was Regelmäßiges und überaus geschätzt ist der Kreuzweg an Karfreitag, abends um 18 Uhr, wo der Auferstandene in der Kapelle die sogenannte 15. Station ist: der Blick über den Tod hinaus auf das nahende Osterfest. Ab und zu hat an Ostern auch schon ein Emmausgang in die Kapelle auf dem Alten Berg geführt. Seit einigen Jahren feiern wir Christi Himmelfahrt auf dem Alten Berg um die Kapelle, musikalisch von Gitarristen mitgestaltet, darunter unser Bürgermeister. Die traditionelle Himmelfahrtsprozession entfällt dafür. Es gibt auch vereinzelte Anlässe, wenn wir etwa mit Firmlingen zum Sonnenaufgang hoch gehen, oder wie letztes Jahr zu Beginn der Pastoralvisitation zum Morgenlob auf dem Alten Berg eingeladen haben. Auch das Rosenkranzfest im Oktober gibt immer mal wieder Anlass, mit einer Lichterprozession den Weg auf den Alten Berg und die Kapelle hoch zu gehen.

Gibt es kirchenrechtlich gesehen einen Unterschied zwischen einer Kirche und einer Kapelle?

Eine Kirche muss vom Bischof geweiht werden, eine Kapelle sollte geweiht werden oder wenigstens gesegnet. Vor allem aber: Die Kirche ist der zentrale öffentliche Versammlungsort einer christlichen Gemeinde und dort werden auch die Taufe und die anderen Sakramente gefeiert. Sie ist die sichtbare Mitte einer Gemeinde. Kapellen stehen oft an einem Weg außerhalb der Ortschaft in der Flur. Oftmals sind sie auch privater Natur oder stehen einer bestimmten internen Gemeinschaft zur Verfügung wie etwa die Hauskapelle der Claretiner auf dem Dreifaltigkeitsberg. Kapellen sind auch häufig auf einen bestimmten Patron ausgerichtet. Ausgangspunkt einer Kapelle ist oft ein Gelübde und ein Zeichen des Dankes an Gott.

Gibt es gelegentlich Probleme mit Vandalismus an der Kapelle?

In den letzten Jahren wurde leider zwei Mal die Spendenkasse aufgebrochen – das war Gott sei Dank bisher das einzige Problem. Seitdem lassen wir die Kasse offen; geleert wird sie ohnehin regelmäßig. Die Kapelle ist Tag und Nacht geöffnet – das bedeutet ein großes Vertrauen, und es darf ein Wanderer oder Pilger, wenn er vom Wetter überrascht wird und keine Herberge findet, dort auch mal Schutz suchen bzw. übernachten. Überaus erfreulich ist, dass sich immer wieder Leute aus der Gemeinde finden, die oftmals über einen langen Zeitraum die Kapelle wunderbar betreuen.

Was geschieht eigentlich mit den ausgefüllten „Gästebüchern“, die in der Kapelle ausliegen: Werden diese in irgend einer Weise „ausgewertet“; werden sie archiviert?

Die werden im Pfarrarchiv gesammelt, etwa seit den 70er-Jahren. Erforscht sind sie bis jetzt noch nicht. Aber es würde sich sicher lohnen, darüber mal eine Arbeit zu schreiben. Ich schaue immer wieder mal rein, wenn wieder ein vollgeschriebenes Buch ins Pfarramt kommt, oder wenn ich oben bin, und bin beeindruckt, was da eingetragen wird. Manche Texte lasse ich schon mal in einen Gottesdienst einfließen. Ein Eintrag lautete einmal in der Kapelle mit dem Auferstandenen: „Wir wissen nicht, was uns im Tod erwartet; wir wissen aber, wer uns erwartet.“

Wer schreibt in diese Gästebücher?

Leute aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Einmal hat sich jemand aus China eingetragen, der vier Jahre in Bubsheim gearbeitet hat und der vor seiner Rückkehr nach China in das Buch auf dem Alten Berg schrieb: „I love Bubsheim.“ Manchmal sind es Kinder, aber auch viele Erwachsene, die Texte eintragen, manchmal Gedichte. Ganz oft wird die wunderbare Stille gepriesen, die herrliche Natur. Viele persönliche Anliegen von Menschen, was sie gerade erleben oder was sie bewegt. Das reicht von ganz banalen Dingen bis hin zu tiefem Leid.

Was bedeutet der Alte Berg für Sie persönlich?

Als allererstes denke ich an den 28. August 2004. An jenem Tag habe ich, drei Monate vor meiner Investitur auf dem Heuberg, den Jakobusweg angetreten. Nach dem Pilgersegen in der Jakobuskirche in Bubsheim führte mich mein Weg durch Böttingen über den Alten Berg, wo ich erste Bekanntschaften mit künftigen Gemeindemitgliedern machte und mich natürlich auch ins Buch eingetragen habe. Auch sonst halte ich schon mal mit dem Auto, um einen Sonnenuntergang zu bewundern. Oder am Geburtstag die Kapelle aufzusuchen. Ich genieße es, die Natur dort zu erleben, die Weite und zugleich die Erdung durch den Auferstandenen und zuvor die Kreuzwegstationen, die auf den Alten Berg führen.

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