Freiwillige reist zu Hilfsprojekt nach Afrika und stellt fest, dass es kein Projekt gibt

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Carina Diener aus Emmingen-Liptingen mit den beiden Tansaniern, Lengai und Mama Lukumay, die sie aufgenommen haben.
Carina Diener aus Emmingen-Liptingen mit den beiden Tansaniern, Lengai und Mama Lukumay, die sie aufgenommen haben. (Foto: privat)

Carina Diener aus Emmingen-Liptingen hat nach ihrem Abitur bei einem Hilfsprojekt in Afrika mitarbeiten wollen. Über eine Agentur ließ sie sich vermitteln. Vor Ort stellte die 19-Jährige dann aber fest: Es gibt gar kein Projekt. Doch anstatt einfach wieder nach Hause zu fliegen, suchte sie sich kurzerhand ihr eigenes und macht eine der für sie vielleicht wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens.

Drei Monate lang für den Umweltschutz einsetzen, Müll sammeln, Aufklärungsarbeit leisten und mit Umweltaktivisten unterwegs sein. So hatte sich Diener ihre Reise nach Monduli in Tansania eigentlich vorgestellt. Zwischen Abitur und Studienbeginn etwas von der Welt sehen und dabei noch etwas Sinnvolles tun. Über eine der zahlreichen Agenturen, die Freiwillige gegen eine Gebühr an soziale Projekte auf der ganzen Welt vermitteln, hatte sich die 19-Jährige ein Projekt in Afrika ausgesucht.

Doch als sie nach einem stundenlangen Flug und einer vierstündigen Fahrt mit einem Kleinbus in dem Ort ankommt, ist alles anders. „Die waren überhaupt nicht auf mich vorbereitet“, sagt Diener heute. Im Volontärshaus ist sie fast ganz allein, ein Naturschutzprojekt gibt es nicht. Hin und wieder wird sie zum Blumengießen auf ein Feld geschickt. Den Rest der Zeit gibt es nichts zu tun. Nichts ist so, wie es sich die Freiwillige vorgestellt hat. „Am Anfang war ich total fertig, und meine Eltern wollten, dass ich nach Hause komme.“ Für Diener keine Option.

Die Agentur bietet ihr ein Alternativprojekt in einer anderen Region an, doch ihr Vertrauen in den Anbieter ist zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört. Drei Tage lang grübelt die junge Frau darüber nach, was sie nun tun soll. Dann lernt sie eine einheimische Familie kennen – der Wendepunkt ihrer Reise.

Eine neue Familie

Die Frau und ihr erwachsener Sohn betreiben ein Schulprojekt in Monduli und fragen Diener, ob sie nicht mal vorbeikommen möchte. Außerdem bieten sie an, dass sie für ihre Zeit in Afrika bei der Familie wohnen kann – umsonst. Carina Diener nimmt an und zieht bei den beiden ein. „Sie haben sich wie eine Familie um mich gekümmert“, sagt die junge Frau.

Sie kochen gemeinsam, sitzen abends zusammen und reden und arbeiten gemeinsam in der Grundschule. Ein einfacher Betonbau, fünf Klassenzimmer, rund 160 Schüler. Diener betreut Kinder, hilft beim Unterrichten und beim Zubereiten des Schulessens. Im Unterricht schreibt der Lehrer Buchtaben in die Hefte der Schüler, die diese dann nachschreiben und sagen im Chor das Alphabet auf. „Zum Teil hat man die Schüler noch eine Straße weiter gehört, wenn sie das Alphabet geübt haben“, erinnert sich Diener.

In der Schule fällt sie durch ihre blonden Haare und ihr europäisches Aussehen auf und ist beliebt bei den Kindern. „Wenn man auf den Schulhof läuft, kann es schon passieren, dass 20 Kinder angerannt kommen und einen erst mal umarmen wollen“, sagt die 19-Jährige.

Das Leben in Monduli ist einfach. Es gibt keine geteerten Straßen. In dem einen Geschäft im Dorf gibt es von jedem Produkt nur eine Marke und keine riesigen Supermarktregale. Die meisten Menschen sind Bauern, und die Kinder hüten nach der Schule Vieh. „Ich fand es so schön, wie naturnah die Menschen dort leben“, erklärt Diener. Auch die Mentalität der Tansanier habe Diener beeindruckt. „Die Menschen leben mehr in den Tag und freuen sich über das Leben“. Und das auch, wenn Armut und Hunger dort keine Fremdworte sind.

Auch der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft sei groß gewesen. „Dort gibt es keine Gartenmauern. Die Menschen leben einfach zusammen“, erzählt Diener. „Ich habe gemerkt was die Menschen dort haben, was wir weitgehend schon verloren haben.“

Der Abschied fällt schwer

Nach drei Monaten fällt Diener der Abschied schwer. „Ich hatte richtig Angst zurückzukommen, weil ich dachte, ich komme nicht mehr klar“, erzählt Diener. „Die ersten Wochen habe ich mich auch gar nicht wohl gefühlt.“ Den Kulturschock habe Diener in Deutschland erlebt und nicht in Afrika: Mit großen Autos fahren und überfüllte Regale im Supermarkt. „Es war eine Erfahrung, die komplett meine Sicht aufs Leben verändert hat“, sagt Diener. „Ich habe gelernt, dass das Leben nicht aus individuellen Besitztümern und materiellen Dingen besteht. Das Wichtigste ist Menschlichkeit.“

Eins steht für Diener fest: Sie will wieder zurück nach Monduli. Ihre nächste Reise plant sie bereits. Und: Sie möchte den Menschen vor Ort helfen, die sie so herzlich aufgenommen haben, ohne jegliche Gegenleistung zu erwarten. Zu ihrem Abschied organisierte sie vor Ort Handwerker und baute mit ihnen einen Spielplatz für die Schule. In Deutschland würde Diener gerne aus Tansania importierten Massai-Schmuck verkaufen. Das Geld soll dann den Menschen vor Ort zugute kommen.

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