Als in Halle die Panzer rollen, ist Peter Bohley mittendrin

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Als 17-Jähriger hat Peter Bohley den DDR-Volksaufstand in Halle an der Saale erlebt. (Foto: pm)
Schwäbische Zeitung

Als am 17. Juni 1953 in der DDR die Panzer gerollt sind, war Peter Bohley 17 Jahre alt und lebte in Halle an der Saale. Am Mittwoch, 2. Oktober, berichtet der inzwischen 77-jährige Biochemiker im Rahmen der Ausstellung „Wir wollen alle freie Menschen sein“ ab 20 Uhr im Museum Aldingen von seinen Erlebnissen.

Zusammen mit seinem Freund und seinen Brüdern erlebte Bohley damals, wie Tausende von Arbeitern im Stadtzentrum von Halle für eine demokratische Gesellschaft und den Sturz des SED-Regimes demonstrierten. Um die Mittagszeit des 17.Juni 1953 besetzten die Demonstranten das Kreis- und Bezirksgericht in Halle und befreiten einen Angeklagten, der gerade wegen „imperialistischer Hetze“ vor Gericht stand. Etwa 800 Demonstranten stürmten das Gebäude für den Rat des Bezirks und warfen Akten aus den Fenstern.

Als die Demonstranten die politischen Häftlinge aus dem berüchtigten Zuchthaus „Roter Ochsen“, das zugleich die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit war, befreien wollten, schossen Polizisten gezielt auf die Menschen. Drei Personen starben sofort, andere erlitten Schussverletzungen.

Bei den nachfolgenden Versuchen, das Gefängnis zu stürmen, erschoss die Polizei zwei weitere Männer. Mitten im Demonstrationszug starb ein junger Mann durch Schüsse, die jemand aus der Stasi-Bezirksverwaltung abgefeuert hatte.

Gegen 18 Uhr hatten sich im Zentrum von Halle 60 000 Menschen versammelt, noch bevor sowjetische Panzer im Schritttempo anrückten.

Trotz massiven militärischen Aufgebots wurden in Halle sogar am 18. und 19. Juni 1953 die Streiks fortgesetzt. Auch eine Frau starb noch durch Schüsse. Erlebnisse niedergeschrieben

Peter Bohley hat über die Erlebnisse am 17. Juni 1953 und seine Erfahrungen in der DDR mehrfach geschrieben. Er ist Mitherausgeber des Buches über die ostdeutschen Bürgerbewegungen „Wir sind das Volk!“. Als Zeitzeuge hat er seine Erinnerungen in dem Buch „Sieben Brüder auf einer fliegenden Schildkröte – Sieben Wehrdienstverweigerer in der DDR“ veröffentlicht.

Der 1935 geborene Peter Bohley promovierte 1959 und habilitierte 1974 an der Martin-Luther-Universität Wittenberg. Seit 1960 bespitzelt, verhängte die DDR über Bohley 1983 ein politisch begründetes Lehrverbot. Danach siedelte der Naturwissenschaftler mit seiner Frau und drei Kindern in die Bundesrepublik über. 1986 erhielt Bohley die Professur für Biochemie an der Universität Tübingen.

Das Museum Aldingen hat am Sonntag, 29. September, von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Ab dem 6.Oktober geht das Museum wieder zum üblichen Turnus über und hat ab Oktober an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat geöffnet. Die beiden Sonderausstellungen „Wir wollen freie Menschen sein!“ und die Ausstellung „Die Tafelbilder der Aldinger Mauritiuskirche“ werden bis zum Sonntag, 3. November, verlängert.

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