In existenzieller Not erfährt der Autor die Zeichen der Ewigkeit

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 Die Lesung gestalten der Pfarrer der Martinskirchengemeinde, Walter Schwaiger (rechts), sowie Thorsten Rach, Kirchengemeinderat
Die Lesung gestalten der Pfarrer der Martinskirchengemeinde, Walter Schwaiger (rechts), sowie Thorsten Rach, Kirchengemeinderat und Vorsitzender des Fördervereins Martinskirche. (Foto: Tobias Göttling)
Tobias Göttling

Albstadt - Im gut besuchten Literaturgottesdienst in der Martinskirche haben die etwa 150 Besucher am vergangenen Sonntag einer Lesung beigewohnt. Es wurden Textpassagen aus dem Werk „Nachtfeuer. Was ich in der Wüste erlebte“ vorgetragen. Das ist ein Buch des bekannten französisch-belgischen Romanciers, Dramatikers und Filmregisseurs Eric-Emmanuel Schmitt, der sich in seinem Leben vielfach religiös wandelte und schließlich vom Atheismus zum Christentum konvertierte.

In seinem ersten autobiographischen Roman erzählt Schmitt, von dem auch das weltbekannte Werk „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ stammt, wie er als junger Student eine Nacht in größter Gefahr in der Wüste Algeriens verbrachte und nicht wusste, ob er überleben wird.

Pfarrer Walter Schwaiger und Gemeinderat Thorsten Rach von der Martinskirchengemeinde nahmen ihre Zuhörer in einem besonderen, erst zum zweiten Mal durchgeführten Format, mit kurzen Passagen abwechselnd gelesen und sehr ansprechend vorgetragen, mit hinein in das Werk. Dazwischen sang die Gemeinde Lieder, die zu den jeweiligen Szenen aus dem Buch passten.

Die mystische Erfahrung in der Wüste legte den Grundstein für Schmitts Auseinandersetzung mit den Weltreligionen und beeinflusst seither sein Schreiben und Denken. In „Nachtfeuer“ gibt Schmitt Zugang zu seinen eigenen religiösen Erfahrungen. Als junger Philosophiestudent folgte er den Spuren eines französischen Mystikers Charles de Foucauld, der einst bei den Tuareg in der Sahara lebte. Nachdem er bei einer Bergbesteigung seine Gruppe verloren hatte, verbrachte er die Nacht alleine und schutzlos. Auf die gelesenen Szenen folgten die Kirchenlieder „Himmel, Erde, Luft und Meer“ und „Der Mond ist aufgegangen.“ Schmitt gräbt sich in den Sand, um nicht zu erfrieren, das Sternenzelt über ihm, er spürt den Tod, hat aber keine Angst. In dieser existenziellen Not erfährt er eine übersinnliche Kraft, die ihn überleben lässt und symbolisch wie auch ganz wörtlich „zum frischen Wasser“ führt. Passend dazu begann die Orgel mit dem Lied „Ins Wasser fällt ein Stein …“.

Zuhörer wollen mehr lesen

Das Werk weckte auch die Sehnsucht einiger Zuhörer nach „mehr“: Wie manche nach dem Gottesdienst bekundeten, würden sie gerne weitere Stellen lesen. Das freute Pfarrer Schwaiger, der darauf hofft, das Interesse für die Lektüre, auf die er im Sommer in einer Buchhandlung stieß, geweckt zu haben. Die Sehnsucht nach „mehr“ stecke aber viel tiefer im Menschsein. Schmitts Sehnsucht lasse sich im Naturerlebnis stillen, durch das er sich auf den Frieden Gottes und auf Zeichen der Ewigkeit hingewiesen sieht. Passend lautete die Passage der Lesung: „Eine Nacht auf Erden hat mir so viel Freude bereitet, dass es für ein ganzes Leben reicht. Eine Nacht auf Erden hat mich die Ewigkeit erahnen lassen.“

In seiner Kurzpredigt knüpfte der Pfarrer an die religiösen Erfahrungen des Autors an, die gemeinsam mit dem Thema „Wie erfahre ich Gott – was hilft dazu, was hindert uns daran?“ im Mittelpunkt standen. Schwaiger kritisierte Hemmungen in der modernen Gesellschaft gegenüber religiösem Staunen und Wundererleben. Der Pfarrer verglich Schmitts besondere Erlebnisse in der Wüste mit denen von Moses, als dieser im Dornbusch eine Gottesbegegnung gehabt habe.

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