Marwa und Aziz haben sich in Syrien kennengelernt. Nach der Flucht heiraten sie jetzt.
Marwa und Aziz haben sich in Syrien kennengelernt. Nach der Flucht heiraten sie jetzt. (Foto: Tobias Göttling)
Tobias Göttling

Um 17.30 Uhr in Winterlingen geht es los: Das junge Brautpaar Marwa und Aziz ist vom gemeinsamen Fotoshooting zurück und wird mit lautem Applaus und Gesängen auf offener Straße vor dem Wohnhaus der Familie in Winterlingen empfangen. Neben syrischen, türkischen, osteuropäischen und afghanischen Freunden sowie einem Somalier warteten auch dutzende deutsche Freunde, Begleiter und Bekannte auf das aus Syrien geflüchtete Brautpaar.

Für viele Winterlinger Gäste ist es die erste syrische Hochzeit, die sie miterleben. Entsprechend groß ist die Neugierde. Auch Marwa und Aziz sind nervös. Lange mussten sie auf diesen Moment warten. Seit einiger Zeit arbeitet der Bräutigam in einer Pizzeria und hat eisern für die Feier und den künftigen gemeinsamen Lebensunterhalt gespart. Außerdem lernt er – wie die gesamte Familie – gründlich Deutsch. Das junge Hochzeitspaar ist bekannt im Ort. Von Nachbarn kommen spontane Glückwünsche. Auch der evangelische Pfarrer Ernst Nestele ist zur muslimischen Feier eingeladen worden und mit großer Familiendelegation und weiteren Freunden aus der Kirchengemeinde erschienen. „Für uns war es eine große Freude, dass wir eingeladen wurden”, sagt er. „Zu gelebter Integration gehört auch dazu, gemeinsam Feste zu feiern.”

Mit einem Autokorso und einem extra für alle Familienangehörigen gemieteten Fahrzeug geht es ins benachbarte Bitz, wo ein türkischer Bekannter der Familie das Fest für das Paar organisiert hat. Auf dem Weg wedeln viele Partygäste begeistert weiße Tücher zu den Autofenstern heraus.

An der gemieteten Festhalle in Bitz angekommen, geht es direkt los: mit lauter Musik, für die ein Sänger mit Begleitung am Piano den ganzen Abend über sorgt. Das Hochzeitspaar zieht mit Familie und Freunden schwungvoll tanzend in die Halle ein. Der 22-jährige Mohamad gehört als Bruder der Braut zum engsten Kreis. Er erzählt: In Syrien sei es vollkommen normal, dass eine Hochzeit 400 bis 600 Gäste zählt. Bräutigam Aziz spricht sogar von bis zu tausend Gästen – so sei es bei einem Verwandten von ihm gewesen.

Geheiratet wird nach syrischer Kultur nicht nur eine Person, sondern die ganze Familie. So entschied sich Aziz bereits im Jahr 2015 auf die Flucht mit der Familie seiner heutigen Frau nach Deutschland zu gehen und seine eigene zu verlassen. Eine schwere Entscheidung für den damaligen Teenager, der gleich vier Geschwister im Krieg verloren hat. An seinem großen Tag muss Aziz jetzt auf viele Gäste verzichten: Freunde, Verwandte und selbst engste Familienangehörige, darunter die gesamte, aufgrund des Kriegs nur noch teilweise lebende Großfamilie des Bräutigams, können die Feier nur dank Videos über das Smartphone und über die sozialen Medien verfolgen. Dafür hat die Familie praktisch all ihre neuen Bekannten und Freunde aus Deutschland eingeladen. Herkunft, Religion oder Hautfarbe spielten für die Einladung keine Rolle. Mohamad sagt: „Es gefällt mir, dass so viele Deutsche und Menschen aus anderen Nationen zusammen mit uns tanzen und Spaß haben.”

Getanzt, so erklärt er, werde auf dieser Hochzeit arabisch, kurdisch und türkisch mit ganz unterschiedlichen Takten. Vor allem die Braut hat an den Tänzen großen Spaß, wie sie erzählt. Neben ihrem glamourösen Brautkleid fallen die Henna-Muster an ihrer Hand auf. Am Henna-Abend, der am Vorabend der Hochzeit gemeinsam mit dem Bräutigam und der Familie stattfand, wurden ihre Hände und Füße mit filigranen Mustern verziert. Dieser Körperschmuck steht für Fruchtbarkeit und Glück und soll die Braut noch schöner machen.

Für Speisen sorgt der Organisator aus Winterlingen mit seiner helfenden Familie. Die Gäste werden direkt am Platz bedient. Für die Mahlzeit wird ausnahmsweise an dem ansonsten etwa sechs Stunden andauernden Tanzabend die Musik unterbrochen. Als Erholung zwischen den Tänzen darf das Brautpaar auf einem edlen weißen Hochzeitsthron Platz nehmen. Auch für die Gäste gilt: Je nachdem, wie aktiv man als Gast sein kann oder möchte, ist man mit auf der Tanzfläche dabei oder eher als Zuschauer. Das Brautpaar und die Familie der Braut laufen immer wieder umher und kommen, auch am Platz, mit den Gästen ins Gespräch.

Später folgt die Torte, die wie auch sonst fast alles auf der Feier geradezu weiß funkelt. Hierbei heißt es „die Dame zuerst“: Nach dem Anschneiden der Torte, was Braut Marwa übernimmt, bekommt sie das erste Stück von ihrem Bräutigam überreicht und elegant in den Mund geführt.

Gemeinsam zeigen darf sich das Paar erst seit der Verlobung. Allerdings nur in der Gruppe zusammen mit anderen Menschen. Küssen und Zusammenziehen sind sogar erst ab der Hochzeit erlaubt. Die Kussszene war für das Brautpaar dementsprechend von ganz besonderer Bedeutung.

Der 18-jährige Mohamed aus Somalia ist einer der Gäste der Feier. „Mir gefällt die Hochzeit sehr gut”, sagt er. In Winterlingen kenne man sich. So sei es für ihn selbstverständlich, gerne mitzufeiern. Auch der 25-jährige Afghane Mustafa ist dabei. Die Flüchtlinge kennen sich nicht nur untereinander, sondern sind auch mit vielen, schon lange im Ort lebenden Bewohnern gut vernetzt.

Solche Netzwerke und gemeinsame soziale Aktivitäten seien enorm wichtig, meint Katharina Schwalb. Sie ist als regionale Projektleiterin der Berufsvorbereitung und Ausbildung beim Beruflichen Bildungswerk tätig. Schwalb, die Flüchtlingen Praktika und Ausbildungsstellen vermittelt, kennt und betreut die Familie der Braut, die sie lobend als „sehr integrationswillig“ beschreibt. Mehrfach sei sie von der Familie schon eingeladen worden. Sie sagt: „Zur Integration gehören immer zwei Seiten. Wenn man Integration einfordert, muss man dann auch etwas zurückgeben und Gemeinschaft leben.”

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