Familiendrama: Verdächtiger war beliebt und integriert

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Am Ostersonntag ist in Winterlingen im Zollernalbkreis eine mehrfache Mutter erschossen worden. Ein dringend Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Zu den Einzelheiten schweigt die Staatsanwaltschaft Hechingen. Aus gutem Grund: Nach bisherigem Ermittlungsstand geht sie von einer Familientragödie aus.
Michael Würz
Schnell zur Stelle waren nur kurze Zeit nach der Tat am Sonntagabend Internet-Kommentatoren, die das Familiendrama als eine Tat unter jugendlichen Flüchtlingen ansahen. Dieses Gerücht, verbreitet von Nachbarn, hatte auch eine regionale Tageszeitung auf seiner Internetseite ungeprüft kolportiert. Tatsächlich ist in dem Wohn- und Geschäftsgebäude in Winterlingen eine Wohngruppe jugendlicher Flüchtlinge untergebracht. Sie allerdings haben mit der Tat nichts zu tun, wie das Polizeipräsidium Tuttlingen klarstellte. Das Tötungsdelikt trug sich in einer anderen Wohnung in dem Gebäude zu – nach derzeitigem Ermittlungsstand unter einem Ehepaar.
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Dienstagmorgen in der Winterlinger Ortsdurchfahrt: Beamte der Kriminalpolizei fahren vor, laden Equipment aus, mit dem sie das Familiendrama rekonstruieren wollen, das sich am Ostersonntag hier in einer Wohnung zugetragen hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft einem 48-jährigen Mann vor, dabei seine 41 Jahre alte Frau erschossen zu haben. „In erster Linie geht es nun darum, den Tathergang zu rekonstruieren, die Vorgeschichte zu beleuchten und die Motivlage zu ermitteln“, erklärte Jens Gruhl, Chef der Hechinger Staatsanwaltschaft, am Dienstag.

Die Ermittler sollen auch prüfen, ob es juristische Mordmerkmale gibt. Denn davon hängt ab, ob der Tatverdächtige, der in der JVA Hechingen in U-Haft sitzt, wegen Totschlags oder Mordes angeklagt wird. „Bereits in rund drei Monaten könnte eventuell Anklage erhoben werden“, wagt Gruhl eine erste vorsichtige Prognose.

Der Mann, der jetzt im Gefängnis sitzt, kommt bereits als kleiner Bub nach Deutschland, stammt entgegen ersten Angaben der Staatsanwaltschaft wohl aus dem Kosovo, nicht aus Serbien. Als Jugendlicher integriert er sich gut, lernt die – schwäbische – Sprache, spielt begeistert Fußball im örtlichen Verein. Sein Trainer damals: Roland Heck, heute stellvertretender Bürgermeister in Winterlingen. „Wenn einer im Ort integriert war, dann er“, sagt Heck, der jahrelang mit dem Tatverdächtigen Kontakt hatte. „Er war immer zuverlässig, höflich und zuvorkommend.“

Heck verfolgt im Laufe der Zeit, wie der Tatverdächtige einen verantwortungsvollen Job in einer Firma bekommt, aber auch wie ein Unfall ihn aus der Bahn wirft: Ein Auto erfasst den heute 48-Jährigen vor einigen Jahren bei Truchtelfingen. Nach der monatelangen Reha fasst er nicht mehr Fuß, auch seine erste Ehe geht zu Bruch. 2016, die LEA in Meßstetten ist gerade hoffnungslos überbelegt, fängt er bei der dortigen Sicherheitsfirma an. Den Job macht er nicht lange, der Belastung sieht der Tatverdächtige sich nicht gewachsen, schildert Roland Heck.

„Vor zwei Wochen habe ich ihn noch gesehen, er war mit zwei seiner Kinder spazieren“, erinnert sich Heck am Dienstag. „Er hat nett gegrüßt, er schien ein positiver Mensch zu sein, nicht verbittert.“ Kein Wunder, dass die Familie in Winterlingen etwas zurückgezogen, aber zu keinem Zeitpunkt unbeliebt gewesen sei, wie der stellvertretende Bürgermeister betont.

Dann passiert das Unfassbare: Am Sonntagabend, kurz nach 19 Uhr, die Familie ist beisammen, zieht der 48-Jährige den Ermittlungen zufolge eine Waffe, schießt auf seine Frau, für die die Rettungskräfte kurze Zeit später nichts mehr tun können.

Die Frau hinterlässt mehrere Kinder, wohl ein Mädchen und einen Jungen im jugendlichen Alter sowie ein Mädchen und einen Jungen im Grundschulalter. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) betreuten die Angehörigen nach der schrecklichen Tat in einem Großeinsatz.

„Aus Rücksicht auf die Betroffenen wollen wir zu dem Einsatz keine weiteren Auskünfte erteilen“, sagt DRK-Sprecher Dietmar Dieter. „Sie gilt es jetzt besonders zu schützen.“

Schnell zur Stelle waren nur kurze Zeit nach der Tat am Sonntagabend Internet-Kommentatoren, die das Familiendrama als eine Tat unter jugendlichen Flüchtlingen ansahen. Dieses Gerücht, verbreitet von Nachbarn, hatte auch eine regionale Tageszeitung auf seiner Internetseite ungeprüft kolportiert. Tatsächlich ist in dem Wohn- und Geschäftsgebäude in Winterlingen eine Wohngruppe jugendlicher Flüchtlinge untergebracht. Sie allerdings haben mit der Tat nichts zu tun, wie das Polizeipräsidium Tuttlingen klarstellte. Das Tötungsdelikt trug sich in einer anderen Wohnung in dem Gebäude zu – nach derzeitigem Ermittlungsstand unter einem Ehepaar.
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