Das letzte Familienfoto am Strand des Lake Michigan: Michael Schlaack mit seinem Sohn William, seiner Tochter Emma und seiner Eh
Das letzte Familienfoto am Strand des Lake Michigan: Michael Schlaack mit seinem Sohn William, seiner Tochter Emma und seiner Ehefrau Angela. Im September 2014 ist Michael Schlaack trotz Stammzellenspende von Andreas Bregenzer an Leukämie gestorben. (Foto: Privat)
Schwäbische Zeitung

Es ist eine Geschichte wie aus einem Hollywood-Film. Ein Happy End hat sie leider nicht. Sie spielt zu einem Teil in Sigmaringendorf und ist aus dem Leben gegriffen. Im Februar 2014 veröffentlichte die Schwäbische Zeitung einen Artikel über Andreas Bregenzer aus Sigmaringendorf, der einem anonymen Leukämiepatienten in den USA Stammzellen spendete. Damals schilderte die SZ die Sicht des Spenders, der nach Frankfurt reiste, um sich in einer fünfstündigen Prozedur Stammzellen entnehmen zu lassen und nicht wusste, wem er damit womöglich ein verlängertes Leben schenken würde.

Sohn des Empfängers meldet sich nach SZ-Bericht

Jetzt kann die Geschichte zu Ende erzählt werden, denn zwei Jahre nach Veröffentlichung des Artikels meldete sich der Sohn des Empfängers bei der Schwäbischen Zeitung. Der 26-Jährige William Schlaack aus Michigan spricht sogar deutsch, weil er ein Jahr lang in Erlangen studiert hat. Per Videotelefonie erzählte er, wie es seinem Vater ergangen ist.

Spende verlängert Leben seines Vaters

„Mein Vater, Michael Schlaack, ist am 29. September 2014 verstorben – schicksalshafterweise am Michaelstag“, sagt William Schlaack. „Doch die Spende hat ihm neue Energie gegeben. Ohne sie hätte er nicht so lange gelebt“, sagt der 26-Jährige. „Meine Mutter Angela und ich sind Andreas Bregenzer unglaublich dankbar. Für uns ist er ein Held. Er hat meinem Vater zusätzliche Lebenszeit geschenkt. Es ging ihm nach der Spende deutlich besser“ , so Schlaack, der derzeit in der Mongolei lebt, wo er 27 Monate Freiwilligendienst im Friedenscorps absolviert. „Er konnte sich Zeit nehmen, sich zu verabschieden und den Rest seines Lebens in Würde verbringen.“

Die Krebsdiagnose des Vaters und William Schlaacks Bewerbung für den Freiwilligendienst fielen auf den gleichen Monat. „Mein Vater bestand darauf, dass ich trotzdem in die Mongolei gehe und dort Erfahrungen sammle“, sagt der studierte Bibliothekar. Er arbeitet derzeit dort als Englischlehrer.

Letztes Baseball-Spiel vor Mongolei-Einsatz

Diese Zeit, in der die Familie noch einen gemeinsamen Urlaub unternehmen konnte, bezeichnet Schlaack als bittersüß. Im Mai 2014 hat er seinen Vater zum letzten Mal gesehen. „Wir haben uns bewusst Zeit füreinander genommen, waren noch gemeinsam bei einem Baseballspiel und hatten eine besondere Vater-Sohn-Zeit.“ Michael Schlaack konnte noch die Tanzaufführung seiner heute zwölfjährigen Tochter Emma besuchen und hat Williams 25. Geburtstags erlebt. Im Spätsommer 2014 stand fest, dass Michael Schlaack den Kampf gegen die Leukämie verlieren würde. Er starb im Alter von 45 Jahren.

Die Leiche von Michael Schlaack wurde verbrannt. Schlaack trug dabei einen Brief seines Sohnes bei sich, den dieser vor seiner Abreise verfasst hatte. William Schlaack kehrte für das Begräbnis in die Vereinigten Staaten zurück, er verstreute die Asche seines Vaters auf dem Lake Michigan.

Nach Ende der Kontaktsperre googelt er den Spender

Erst jetzt, nach zwei Jahren, wurde die obligatorische Kontaktsperre aufgehoben und in gegenseitigem Einverständnis wurden die Identitäten ausgetauscht, seitdem stehen die Familien in Kontakt. „Ich habe Andreas Bregenzer gegoogelt und bin auf den Artikel gestoßen“, sagt Schlaack. „Es war eine große Überraschung für uns, dass die Schwäbische Zeitung über die Spende berichtet hat.“ Sein Vater und Andreas Bregenzer seien nicht nur genetische Zwillinge: „Meine Mutter und ich finden, sie sehen sich auch ähnlich“, sagt Schlaack.

Amerikaner will Sigmaringen besuchen - auch wegen Heidegger

„In Amerika gibt es keine Stammzellenspendekultur wie in Deutschland“, sagt Schlaack, der sich nach seinem Aufenthalt in der Mongolei auch als Spender registrieren lassen möchte. Bislang besitze er nur einen Organspendeausweis. Bei seinem nächsten Aufenthalt in Deutschland will er Andreas Bregenzer unbedingt besuchen. „Ich war noch nie im Schwabenland. Dabei kommt mein Lieblingsphilosoph Martin Heidegger ja aus dem Kreis Sigmaringen.“

Andreas Bregenzer hätte zweimal gespendet

Im Spätsommer 2014 war bereits der Termin für eine zweiten Stammzellenspende für Michael Schlaack angesetzt, die Andreas Bregenzer auch gern auf sich genommen hätte, doch soweit kam es nicht mehr. Michael Schlaack ist zuvor verstorben. Andreas Bregenzer hat direkt von der DKMS erfahren, dass es sein Stammzellenempfänger nicht geschafft hat. „Das hat mich traurig gemacht“, so Bregenzer, der die Spende keinesfalls bereut – im Gegenteil. Im Februar stimmte Bregenzer der Aufhebung der Kontaktsperre zu. Angela Schlaack, die Ehefrau Michael Schlaacks, schrieb Andreas Bregenzer anschließend einen langen Dankesbrief. Seither stehen beide in Kontakt. Der 28-Jährige Sigmaringendorfer würde gern die Familie des Verstorbenen kennenlernen. (abu)

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