Die Schattenseiten des Baubooms: Weil die Auftragsbücher vieler Betriebe voll sind, steigen die Preise.
Die Schattenseiten des Baubooms: Weil die Auftragsbücher vieler Betriebe voll sind, steigen die Preise. (Foto: Sven Hoppe)
Corinna Wolber
Redakteurin

Welche Schattenseiten die anhaltend gute Konjunktur hat, spüren seit einiger Zeit auch die Kommunen. So gibt es derzeit kaum ein Bauvorhaben, dessen einmal kalkulierte Kosten sich nicht gegen Ende deutlich steigern – und dafür muss man nicht bis nach Stuttgart, Hamburg oder Berlin blicken.

Beispiel 1: der Neubau der Zeitblomstraße in Bingen. Die Gemeinde war von Kosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro ausgegangen, doch die erste Ausschreibung ergab eine Überschreitung dieses Plans um fast 50 Prozent. Bei einer erneuten Ausschreibung gab nur eine Firma ein Angebot ab. Erforderliche Nachfinanzierung: 580 000 Euro. Beispiel 2: der geplante Bauhof in Sigmaringendorf. Mit der detaillierter werdenden Planung lässt sich die grobe erste Kostenschätzung nicht mehr halten; schon jetzt ist klar, dass der Gemeinde ein Plus von mehreren Hunderttausend Euro ins Haus steht. Ob der Gemeinderat das mitträgt, ist noch offen. Bürgermeister Philip Schwaiger plädierte in der jüngsten Gemeinderatssitzung dafür, am Bauhofneubau festzuhalten. Er berichtete, „dass auch umliegende Bauvorhaben in die Höhe gehen“. Für andere Projekte habe die Gemeinde teils sieben Firmen angefragt und lediglich zwei Angebote bekommen. „Reihenweise Firmen geben gar nicht erst ab.“

Joachim Eisert, Hauptgeschäfsführer der Handwerkskammer Reutlingen, kennt den möglichen Grund. „Die Betriebe sind zum Teil bis an ihre Kapazitätsgrenzen ausgelastet“, sagt er. „Wenn man also nicht unbedingt einen öffentlichen Auftrag braucht, geht man vielleicht auch mal etwas höher rein.“ Das habe aber nichts mit einer unseriösen Kalkulation zu tun. „Die Angebote, die bei einer Kommune eingehen, werden ja auch geprüft.“ Allerdings seien etwa auch die Baustoffe erheblich teurer geworden. Hinzu komme, dass viele Handwerksbetriebe auch nicht gerade „Hier!“ schreien, wenn die öffentliche Hand ausschreibt. Gerade bei größeren Objekten gingen auch Großanbieter mit, „da ist es für einen Schreiner gar nicht möglich, mit den Preisen zu konkurrieren“. Wenn der nächtelang die dicken Leistungsverzeichnisse durchgearbeitet habe, sei es umso ärgerlicher, „den Auftrag am Ende wegen ein paar Euro nicht zu bekommen“. Die Kommunen vergeben aber in aller Regel an den wirtschaftlichsten Bieter, der preisliche Abstand zum Nächsten ist manchmal verschwindend gering.

Lidija Schwarz-Dalmatin ist skeptisch, ob die Kommunen überhaupt etwas tun können, um sich vor „Fässern ohne Boden“ zu schützen. „Wir haben eine sehr hochpreisige Lage, auf die wir schwerlich Einfluss nehmen können“, sagt die Referentin für Planen und Bauen beim Gemeindetag Baden-Württemberg. „Damit müssen derzeit einfach alle Kommunen leben. Die Auftragsbücher sind voll.“ Sie sei auch vorsichtig damit, Bauvorhaben zurückzustellen. „Das wäre sicherlich abträglich. Es weiß ja auch niemand, wie lange diese Phase noch anhält.“

Dr. Gordon von Miller ist Professor für Vergaberecht und Baurecht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Er berichtet, dass Handwerksbetriebe im Vergleich zum privaten Sektor viel mehr Regeln beachten müssten, wenn sie ein Angebot für die öffentliche Hand schreiben. „Viele Kommunen fordern auch viel zu viel an“, sagt er. „Das schreckt potenzielle Bieter aber durchaus ab – wenn sie sehen, was sie da alles unterschreiben sollen.“ Es sei sicherlich häufig möglich, die „Ausschreibungen zu verschlanken“ und auf diese Weise mehr Bieter anzuziehen.

Joachim Eisert plädiert dafür, die Wertgrenzen für beschränkte Ausschreibungen etwas anzuheben. Für Ausbaugewerke liegt die Grenze zum Beispiel bei 50 000 Euro. „Bis dahin kann eine Kommune einige Betriebe gezielt anschreiben“, sagt er. „Dann ist die Bereitschaft vielleicht auch eher da, mitzubieten.“ Auch an die Kommunen appelliert der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Reutlingen, mehr von der Möglichkeit der beschränkten Ausschreibung Gebrauch zu machen. Dass sich das ganze Problem, das obendrein noch mit dem Fachkräftemangel zu einer unguten Mischung wird, schnell lösen lässt, glaubt er nicht. „Zurzeit haben wir eine extreme Situation. Und eigentlich wollen wir die gute Konjunktur ja auch alle.“

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