Zahl der Kiffer hat sich verdoppelt - Suchtberater besorgt

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 Die Zahl der Kiffer ist in Sigmaringen enorm gestiegen. Darüber informiert der Jahresbericht der Suchtberatungsstelle.
Die Zahl der Kiffer ist in Sigmaringen enorm gestiegen. Darüber informiert der Jahresbericht der Suchtberatungsstelle. (Foto: Oliver Berg/dpa)
Mareike Keiper

Der Konsum von Marihuana und chemischen Drogen hat im Landkreis Sigmaringen enorm zugenommen. Darüber informiert der Jahresbericht der hiesigen Suchtberatungsstelle. Haben 2012 noch 23,1 Prozent ihrer Klienten Cannabis konsumiert, waren es 2018 schon 41,5 Prozent.

Der Anstieg bei Amphetaminen wie Ecstacy oder LSD ist noch massiver: Die Zahl der Süchtigen ist von 10,9 Prozent im Jahr 2012 auf 34,8 Prozent 2018 angestiegen. Gesamt gesehen hat sich die Zahl der Drogensüchtigen von 418 im Jahr 2017 auf 580 im vorigen Jahr erhöht. „Vor allem Ecstacy kommt im Alltag an“, sagt Sebastian Schneider, Leiter der Suchtberatungsstelle Sigmaringen, und klingt besorgt.

Den Grund dafür, dass gerade die chemischen Drogen scheinbar so viele Abnehmer finden, sieht Schneider in der veränderten Gesellschaft: „Früher gab es das nur in der Technoszene, heute wollen die Menschen fit sein und länger arbeiten.“ Der Umgang mit „Helfern“, wie er diese Drogen nennt, sei unreflektiert. Medikamente werden schneller verschrieben, ohne einen Blick auf das Suchtpotenzial zu haben.

„Gerade in den USA ist die Abhängigkeit von Opiaten sehr groß und Deutschland lernt davon“, ist sich Schneider sicher. Er beobachtet auch, dass die Hemmschwelle sinkt, weil der Effekt direkt spürbar ist: „Die Menschen merken, dass sich etwas verändert, wenn sie etwas schlucken.“

Cannabis ist leicht verfügbar

Die niedrige Hemmschwelle bemerkt Schneider auch beim Cannabis-Konsum, allerdings auf eine andere Art. Hier sei die Verfübarkeit ein wichtiger Faktor. Außerdem habe die Legalisierungsdebatte um Marihuana die Erwachsenen „weicher gemacht“, sagt der 41-Jährige: „Viele haben die Einstellung, dass es bei Jugendlichen dazu gehört, mal einen Joint zu rauchen.“ Die Folge sei, dass in nahezu jeder neunten Klasse, die er über den Drogenkonsum aufklärt, mindestens ein Schüler täglich kiffe.

Vor allem Ecstacy kommt im Alltag an. Sebastian Schneider, Leiter der Suchtberatungsstelle Sigmaringen

Wichtig sei deshalb die Prävention. „Die Bereitschaft der Schulen, über Cannabis zu informieren, ist größer geworden. Und die Lehrer wollen auch mehr auf das Verhalten der Schüler achten“, sagt Schneider. Das halte zwar die täglichen Kiffer nicht vom Konsum ab, wirke aber bei denjenigen, die mit dem Gedanken spielen, mal einen Joint zu testen. „Damit können wir den Probierkonsum um bis zu neun Monate nach hinten verschieben“, erläutert der Leiter der Suchtberatungsstelle.

Aber was bringt das? Schneider hat die Erklärung: „Je früher Menschen Drogen nehmen, desto gefährlicher wird es, denn die Substanzen verändern das Gehirn, es wird konsumlastiger.“ Dadurch bestünde die Gefahr, dass Jugendliche schneller auf härtere Drogen umsteigen.

Was in der Statistik aber auch auffällt ist, dass das Hauptklientel der Suchtberatungsstelle zwischen 31 und 60 Jahren liegt. „Die Sucht braucht sieben bis zehn Jahre, um sich auszuwirken“, sagt Schneider. Die Tendenz sei immer noch so, dass sich der Drogenkonsum in jüngeren Jahren nicht so stark manifestiert wie zu einem späteren Zeitpunkt.

Je älter die Suchterkrankten also sind, desto häufiger kommen sie zur Suchtberatung und fallen somit in die Statistik. Bei jüngeren Menschen sei außerdem die Toleranz für Drogenkonsum häufig größer, weshalb sie keine Hilfe in Anspruch nehmen. Die Dunkelziffer dürfte also höher sein.

Vielen Süchtigen fehlt die Kraft zur Behandlung

Hinzu kommt neben den gestiegenen Zahlen, dass die Verläufe komplizierter werden, berichtet der Leiter. Besonders die Eigendiagnosen erschweren offenbar die Arbeit der Suchtberatungsstelle: „Die Betroffenen verneinen die Sucht und schieben sie auf psychische Erkrankungen.“ Viele sähen auch andere Probleme als größer an, zum Beispiel Beziehungsprobleme, Schulden oder Wohnungsnot, sodass ihnen die Kraft für eine Behandlung fehle. Auf der anderen Seite fehlen laut Schneider auch die familiären Beziehungen und Freizeitaktivitäten, sodass der Einbruch heftiger ausfalle.

Je früher Menschen Drogen nehmen, desto gefährlicher wird es, denn die Substanzen verändern das Gehirn, es wird konsumlastiger.

Es gibt aber noch mehr Probleme: Bei der Suchtberatungsstelle fehlt es an Personal. „Das ist aber nicht nur bei uns so, sondern betrifft ganz Sigmaringen, hat mir der Sozialdezernent erklärt“, sagt Schneider. Es herrsche genereller Fachkräftemangel, die Attraktivität des Landkreises sei eher gering.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Die Erfolgsquote der ambulanten Reha, an der sozial eingebundene Süchtige teilnehmen, liegt bei 85 Prozent. 24 von 28 Klienten seien abstinent, lediglich vier konsumierten wieder Drogen, sagt Schneider. Stationäre Patienten haben wiederum einen schwereren Verlauf. Und darin liegt der Wermutstropfen, gibt er zu: „Über diese Erfolgsquote lässt sich nichts sagen.“

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