Wie sich Sigmaringen neu erfinden will

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Im Jahr 2009 feiert die Bundeswehr in Sigmaringen noch die Gründung der 10. Panzerdivision 50 Jahre zuvor. Zwei Jahre später ste
Im Jahr 2009 feiert die Bundeswehr in Sigmaringen noch die Gründung der 10. Panzerdivision 50 Jahre zuvor. Zwei Jahre später steht der Standort vor dem Aus. (Foto: Patrick Seeger/dpa)
Redaktionsleitung

Was tun, wenn der Bundesverteidigungsminister eine Kaserne nicht mehr benötigt? Absperren und das Gelände verwildern lassen? Die Kreisstadt Sigmaringen, die vor dieser Frage stand, hat sich nach dem ersten Schock für das Gegenteil entschieden und versucht sich seither an einer Herkulesaufgabe, die ihre Möglichkeiten eigentlich übersteigt.

Wir gehen einen großen Schritt von der Kleinstadt hin zu einer Technologie- und Innovationsstadt. Ingeborg Mühldorfer, Hochschulrektorin

Als im Gebäude 201 der früheren Graf-Stauffenberg-Kaserne das Innovations- und Technologiezentrum (ITZ) eröffnet wird, stimmen die politisch Verantwortlichen Jubelarien an. Hochschulrektorin Ingeborg Mühldorfer gibt die Richtung vor, in die Sigmaringen gehen wird: „Wir gehen einen großen Schritt von der Kleinstadt hin zu einer Technologie- und Innovationsstadt.“ Bürgermeister Marcus Ehm spricht vom oft beschworenen Meilenstein.

Stadt will mit Innovationscampus wirtschaftlich durchstarten

Gründer sollen hier ihre Geschäftsideen voranbringen und sich später auf dem nebenan entstehenden interkommunalen Gewerbegebiet ausbreiten. Das ITZ ist Teil des Innovationscampus, kurz Innocamp, mit dem die Stadt Sigmaringen wirtschaftlich durchstarten möchte. Seine beiden weiteren Standbeine sind die Modellfabrik und eine Akademie, die voraussichtlich Anfang kommenden Jahres 2021 im nebenan liegenden Gebäude eröffnet werden.

Die Modellfabrik gilt als der Herzmuskel der wirtschaftlichen Entwicklung Sigmaringens, die auf drei Ebenen ablaufen soll. Die Gebäudemanager beschäftigen sich in ihr mit dem nachhaltigen Energiemanagement von Gebäuden. Zweiter Forschungsbereich ist die Lebensmittelentwicklung: In einer Versuchsküche sollen Untersuchungen und Vorführungen zu energie- und ressourceneffizienten Geräten und Prozessen erfolgen.

Ziel: 1500 Arbeitsplätze auf dem Kasernenareal schaffen

In einem weiteren Projekt werden außerdem nachhaltige Lebensmittel entwickelt. Dritter Forschungsbereich sind die Themen Gesundheit, Ernährung und Altern. Hierzu steht unter anderem ein stammzellenbasiertes Testsystem zur Verfügung.

Das ehrgeizige Ziel der Stadt: 1500 qualifizierte Arbeitsplätze will sie auf dem Kasernenareal schaffen. Dazu muss man wissen: In den vergangenen Jahrzehnten definierte sich Sigmaringen vorwiegend als Schul- und Beamtenstadt.

Obwohl die Stadt bislang noch auf die großen Erfolge wartet – in der Nachbarschaft des Innocamps sieht man bereits, wohin die Reise gehen soll.

Eine IT-Firma hat von der Stadt ein Gebäude gemietet und rund 100 Arbeitsplätze nach Sigmaringen verlagert. Die Weichen für die wirtschaftliche Entwicklung der 17.000-Einwohner-Stadt an der oberen Donau sind gestellt: Vor zwei Jahren hatte die Stadt und ein Zusammenschluss von Umlandgemeinden 43 Hektar Land auf dem Kasernenareal gekauft.

Verantwortliche wollen Hallen und Gebäude vermieten

Die Kommunen sind gerade dabei, dieses Gebiet zu einem interkommunalen Gewerbegebiet zu entwickeln. Bis die ersten Baugenehmigungen erteilt werden können, versuchen die Verantwortlichen, die Hallen und Gebäude zu vermieten, weshalb aktuell rund 70 Mietverträge abgeschlossen sind. Dass der im Vergleich zu Nachbarkreisen wirtschaftlich schwächer aufgestellte Kreis Sigmaringen Potenzial hat, zeigt die Ansiedlung des Handelsriesen Amazon, der in diesem Jahr in Meßkirch ein Logistikzentrum eröffnete.

Die Stadt Sigmaringen investiert einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die ehemalige Graf-Stauffenberg-Kaserne. Um nur die teuersten Projekte zu nennen: Mit 17,1 Millionen Euro kostet der Innovationscampus das größte Sümmchen, Land und EU steuern hierzu zwölf Millionen Euro bei. Für den Kauf der 43 Hektar vom Bund mussten 5,5 Millionen Euro überwiesen werden. Den Umbau zu einem weitgehend energieautarken Quartier lassen sich die Stadtwerke rund elf Millionen Euro kosten.

Bürger müssen andere Projekte aufgeben

Die Folge: Bürger müssten sich von Projekten wie dem Hallenbad, wovon sie seit Jahrzehnten träumen, verabschieden, weil das Geld vornehmlich ins Kasernenareal fließen wird. Weil die Bürger davon aus heutiger Sicht wenig Vorteile haben und die Erfolgsaussichten unklar sind, fiel im Gemeinderat schon das Schlagwort „Millionengrab“.

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Die Sigmaringer wollten die Schließung der Graf-Stauffenberg-Kaserne nicht akzeptieren und gingen deshalb auf die Straße. (Foto: Thomas Warnack)

Die Dimensionen vor den Toren der Kleinstadt sind beinahe unvorstellbar riesig: Etwa 215 Hektar Land und 159 Gebäude müssen einer neuen Nutzung zugeführt werden. Aus einem Dreiklang von Wirtschaft, Bildung und Wohnen könnte, wenn die Überlegungen der Stadt aufgehen, ein klangvolles Meisterwerk werden. Zurückgestellt ist das Thema Wohnen, da das Land aktuell in ehemaligen Unterkunftsgebäuden die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge betreibt. Wie lange noch, ist aus heutiger Sicht offen.

250 Millionen Euro für Bildungszentrum

Neben dem Engagement der örtlichen Hochschule ist bereits entschieden, dass der Bund auf dem Areal ein Bildungszentrum für die Zollverwaltung errichtet. Kostenpunkt: geschätzte 250 Millionen Euro. Aktuell laufen die Vorplanungen. Auch wenn Sigmaringens Bürgermeister Marcus Ehm immer noch hofft. Eine teilweise Rückkehr der Bundeswehr an die Donau, wie immer wieder diskutiert wird, ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

Ende 2015 hatten sich die letzten Soldaten aus Sigmaringen verabschiedet, nachdem der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière im Jahr 2011 das Aus für das einstige Kommando der 10. Panzerdivision besiegelt hatte. Wo während des Kalten Krieges Soldaten die Landesverteidigung übten, erfindet sich Sigmaringen gerade neu.

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