„Totalitarismus“ ist das Thema des deutsch-französischen Konzepts zwischen Vichy und Sigmaringen

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Fabrice Dubuffet (rechts) zeigt Schülern im Hohenzollerngymnasium das Theaterspielen.
Fabrice Dubuffet (rechts) zeigt Schülern im Hohenzollerngymnasium das Theaterspielen. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Zwei Tage lang haben Schüler des Hohenzollern-Gymnasiums das europäische Projekt „Erasmus plus“ kennengelernt. Die Schule nimmt an einem länderübergreifenden Theaterprojekt zum Thema „Totalitarismus“ teil, das auf drei Jahre angelegt ist.

Drei Lehrerinnen der Fachschaft Französisch haben sich bereit erklärt, mit ihren Schülern der Klassen acht bis zehn mitzumachen. Das bedeutet, jeden zweiten Freitag Zusatzunterricht im Namen Europas. Konkretes Ziel sind ein selbst erarbeitetes Theaterstück mit zwei Aufführungen: 2020 fahren sie zum Festival „Water is memory“ nach Vichy und 2021 nach Lyon zum Theaterwerkstatt-Festival: „Dis-moi 10 mots“.

Ausgangspunkt ist das Thema „Totalitarismus“, dazu gehören die Bereiche „Gedächtnis und Erinnern“. Fachschaftsleiterin und Französischlehrerin Barbara Lechner-Gay ist überzeugt, dass dieses Thema gerade in heutiger Zeit wichtig ist. Sie konnte die Schulleitung sowie ihre Kolleginnen Annemarie Kastelsky und Kathrin Schmid dafür gewinnen.

Der französische Schauspieler und Leiter des Theaters, Fabrice Dubusset (er spielte übrigens im Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ mit und arbeitete auch schon in Tübingen als Schauspieler), und seine Assistentin Natasha Hopkins-Shaw kamen mit zwei Schülerinnen aus Frankreich, um mit einer Gruppe von derzeit 15 Schülern zu arbeiten.

Begriffe als Grundlage

Zuerst sammelten sie gemeinsam mit den Lehrerinnen Begriffe, die zum Thema passten: „(Un)menschlichkeit, Zwangsarbeit, Angst, Trauer, Verzweiflung, Widerstand …“ Danach spielten sie unter der französischen Anleitung von Dubusset Theater. Konzentrationsübungen standen an diesem ersten Tag im Vordergrund. Danach sollten sich kleine Gruppen eine Spielszene ausdenken und vorführen. Gemeinsam wurden danach die Intensität des Spiels und die jeweilige Umsetzung besprochen.

Bei diesem von der EU mitfinanzierten Projekt nehmen weitere Schulen in Italien, Rumänien und Österreich teil. Dubusset ist künstlerischer Leiter des Theaters „Procédé Zèbre“ in Vichy. Sigmaringen hat er sich ausgesucht, weil es zum einen für das Wasserthema an der Donau liegt, zum anderen aber auch, weil Vichy und Sigmaringen seit 1944/45 durch das Vichy-Regime „verbunden“ sind. Zudem arbeitet das Theater seit fünf Jahren gleichzeitig mit Schülern in Rumänien auf Schloss Bran, das familiäre Verbindungen zum Sigmaringer Fürstenhaus hat.

Für Dubusset und Hopkins-Shaw, die ihn in der Organisation und als Übersetzerin unterstützt, ist die Tatsache, dass sie in Sigmaringen spielen können, etwas Besonderes. „Vichy“ ist für Dubusset seit seiner Kindheit in mehrerer Hinsicht ein Ort der Erinnerung: In der Zeit, als das Vichy-Regime noch in Vichy residierte, wurde sein Vater als Fahrer von Lavals Tochter eingesetzt. Und er selbst hörte immer wieder das zweideutige „ach, du kommst aus Vichy“. Selbst wenn es witzig gemeint war, kränkte es ihn doch.

Lechner-Gay ist nach dem ersten Zusammentreffen, das aus der Theorie eine konkrete Vorstellung des „Ateliers“ brachte, zuversichtlich: „Es wird viel Arbeit, aber es lohnt sich sicherlich, auch wenn es in der Freizeit ist.“ Sie ist heute schon auf das selbst geschriebene und gespielte Theaterstück, das in Sigmaringen, Vichy und Lyon gespielt werden soll, gespannt. Reizvoll ist für die Teilnehmer zudem, dass ein Austausch und eine Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Blaise de Vigenère aus St-Pourçain-sur-Sioule bei Vichy stattfindet. Beim Miteinander können die Jugendlichen die Geschichte ganz anders erleben.

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