„Stolperstein“-Verlegung erlaubte Lisa Heyman eine versöhnliche Heimkehr

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Mit Sigmaringen versöhnt: Lisa Heyman kehrt 2012 zur Verlegung der Stolpersteine in ihre Heimatstadt zurück.
Mit Sigmaringen versöhnt: Lisa Heyman kehrt 2012 zur Verlegung der Stolpersteine in ihre Heimatstadt zurück. (Foto: Reiner Loebe)
Edwin Ernst Weber

Sigmaringen - Zwei Monate vor ihrem 99. Geburtstag ist am 13. Dezember 2016 Lisa Heyman, geborene Frank, in Sarasota in Florida in den USA verstorben (die SZ berichtete). Körperlich geschwächt, aber bis zuletzt mit wachem Geist war sie in den letzten Monaten ihres langen, bewegten Lebens in Gedanken immer wieder in ihrer unvergessenen Heimatstadt Sigmaringen, die sie zuletzt im Mai 2012 auf Einladung der Stadtverwaltung besucht hatte, um an der Verlegung von sechs sogenannten „Stolpersteinen“ am Ort des früheren Wohn- und Geschäftshauses der Familie Frank an der Karlstraße teilzunehmen und sich im Rathaus in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. Diese öffentliche Geste des Erinnerns durch die Verantwortlichen und die Bürgerschaft von Sigmaringen an das den früheren jüdischen Mitbürgern unter der Naziherrschaft zugefügte bittere Unrecht bedeutete der alten Frau sehr viel und erlaubte ihr eine versöhnte Rückkehr in die frühere, geliebte Heimat, aus der sie mit ihrer Familie in finsterer Zeit des Rassenwahns und der Unmenschlichkeit vertrieben worden war.

Lisa Frank wurde am 24. Februar 1918 als zweites Kind des Unternehmers und Brauerei-Besitzers Siegfried Frank und seiner Ehefrau Emma, geborene Rieser, in Sigmaringen geboren. Zusammen mit seinem Bruder Karl als Mitinhaber betrieb Siegfried Frank in zweiter Generation die Löwenbrauerei in Laiz mit mehr als zwei Dutzend Mitarbeitern und rund 50 als Bierabnehmer angeschlossenen Gaststätten. Nach der Aufgabe der Brauerei im Gefolge von Krieg und Wirtschaftskrise betätigte sich Siegfried Frank unternehmerisch in der Möbelfertigung, dem Auto- und dem Immobilienhandel. Die wohlhabende Familie, die im sogenannten Saalbau am Standort des heutigen Finanzamts die Wohnung wie auch die Geschäftsräume hatte, war angesehen in ihrer Heimatstadt: Siegfried Frank war nach seiner Heirat an der Fasnet 1910 als erster Jude überhaupt gebräutelt worden. In den 1920er-Jahre gehörte es zur gesellschaftlichen Normalität, dass Lisa, ihr sieben Jahre älterer Bruder Kurt und auch ihr Vetter Werner als einzige jüdische Schüler zunächst die Volksschule und sodann das damalige Staatliche Gymnasium in der Hedinger Straße besuchten, wo Kurt Frank 1930 sein Abitur ablegte und Lisa Mitte der 1930er-Jahre gleichfalls der Reifeprüfung zustrebte. Die Kindheits- und Jugendjahre in Sigmaringen vor 1933 hatte Lisa Heyman als mit die glücklichste Zeit ihres Lebens in Erinnerung behalten.

Als mit dem Machtantritt der Nazis 1933 ein hasserfüllter Antisemitismus, der die Juden für alle Übel der Welt verantwortlich machte, zur Staatsdoktrin und zur allenthalben verkündeten öffentlichen Wahrheit wurde, verlor auch die Familie Frank mit erschreckender Schnelligkeit ihr soziales Netz, wurde in der Stadtgesellschaft isoliert und ihrer ökonomischen Grundlagen beraubt. Vom erzwungenen sukzessiven Verkauf des beträchtlichen Immobilien- und Grundbesitzes profitierten viele, auch die Stadt Sigmaringen. Aus dem angesehenen „Herr Frank“ wurde der missachtete „Jud Frank“. Der Jura-Student Kurt Frank wurde bereits 1933 an der Universität Würzburg zum Opfer antisemitischer Ausschreitungen und emigrierte 1936 in die USA. Lisa Frank wurde am Sigmaringer Gymnasium als einzige jüdische Schülerin von Lehrern und Mitschülern derart gemobbt, dass sie im Oktober 1935 schließlich die Schule ein Jahr vor dem Abitur ohne Abschluss verließ. Nachdem sie sich vergeblich um ein Visum für die Schweiz bemüht und zwischenzeitlich am jüdischen Bloch-Institut in Stuttgart eine Ausbildung als Physiotherapeutin absolviert hatte, gelang auch ihr 1937 die Auswanderung nach Amerika. Die Eltern Siegfried und Emma Frank konnten sich erst zur Emigration entschließen, nachdem Siegfried Frank nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 drei Tage im Sigmaringer Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert und nur gegen die Zusage, Deutschland unverzüglich zu verlassen, wieder freigelassen worden war.

Narrenzunft jubiliert: Sigmaringen ist frei von Juden

Es war der Sigmaringer Narrenzunft vorbehalten, in ihrer Narrenzeitung 1939 zu jubilieren, dass Sigmaringen „nun wieder ganz frei von Juden“ sei. Die Eltern von Lisas späterem Ehemann Julius Heyman, denen die rechtzeitige Flucht aus Deutschland nicht mehr gelang, wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Weitgehend mittellos und anfänglich ohne englische Sprachkenntnisse war der Neuanfang für die Emigranten aus Nazi-Deutschland nicht leicht. Lisa Frank und ihr Bruder Kurt verdienten sich ihren Lebensunterhalt anfänglich als Haushaltshilfe, Kindermädchen und Masseurin sowie als Geschirrspüler, Fabrikarbeiter und Hausierer, ehe sie schließlich mit einem Textilgeschäft und einem Möbel- und Textilvertrieb in Louisville in Kentucky durch harte Arbeit einen bescheidenen Wohlstand aufbauen konnten. Lisa heiratete 1940 den aus Augsburg stammenden Juden Julius Heyman, den sie bereits in den 1930er-Jahren kennengelernt hatte, als dieser auf seinen Reisen als Vertreter von Schneiderwaren aufgrund der nationalsozialistischen Rassegesetze nicht mehr in Hotels logieren konnte und in Sigmaringen bei der einzigen jüdischen Familie Unterkunft fand. Dem Ehepaar wurden die drei Kinder Bonnie (*1946), Patricia (*1950) und Robert (*1951) geschenkt. Ein schwerer Verlust war für Lisa und ihre Familie der Tod ihres Vaters Siegfried Frank, der kaum vier Jahre nach seiner Ankunft in den USA im März 1943 mit 63 Jahren an den Folgen einer Kropfoperation starb.

Heyman besucht die alte Heimat dreimal

Trotz der erlittenen Demütigungen und Verfolgungen nahm die Familie Frank schon bald nach Kriegsende wieder Kontakt in die alte Heimat zu den wenigen ihnen treu gebliebenen Freunden auf. Auch zur Betreibung des Wiedergutmachungsverfahrens waren Emma Frank und auch Kurt Frank 1954 zu Besuch in Sigmaringen, und im selben Jahr war die Sigmaringer Junglehrerin Hannelore Schlöder während eines Lehreraustauschs in den USA einige Tage zu Gast bei Lisa und Julius Heyman wie auch von Kurt Frank und seiner Familie in Louisville.

Nach der Ermordung seiner Eltern in Auschwitz tat sich Julius Heyman schwer mit einer Rückkehr nach Deutschland, die erst 35 Jahre nach der Emigration zu Beginn der 1970er-Jahre gemeinsam mit Lisa mit Besuchen in den Heimatstädten Augsburg und Sigmaringen zustande kam. Ein zweites Mal war Lisa nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrer Tochter Patsy 1995 zu Besuch in Sigmaringen, wo es zu ihren Ehren sogar ein improvisiertes Klassentreffen ihres ehemaligen Grundschuljahrgangs mit Erinnerungsfoto auf dem Marktplatz gab.

Zu einem dritten Besuch kam Lisa Heyman im Mai 2012 auf Einladung ihrer Heimatstadt nach Sigmaringen. Nachdem der Verfasser dieser Zeilen seine Forschungen zum Schicksal der Sigmaringer Familie Frank in einem Vortrag und einer anschließenden Publikation öffentlich gemacht hatte, beschloss auf Antrag der SPD-Fraktion der Kulturausschuss des Gemeinderats einstimmig, als Erinnerung an die sechs Mitglieder der Familien Frank und das ihnen zugefügte Unrecht sogenannte Stolpersteine durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegen zu lassen. Die Teilnahme an der Stolperstein-Verlegung war Lisa so wichtig, dass sie sich mit ihren damals 94 Jahren über die Warnungen ihres Arztes vor der anstrengenden Reise hinwegsetzte. Sie wohnte im Josefinenstift, wo sie nach einem von der betreuenden Schwester geführten Kalender den Besuch zahlreicher Freunde und Bekannter aus Jugendtagen erhielt. Neben der Stolperstein-Verlegung und dem Besuch im Sigmaringer Rathaus standen auf dem offiziellen Programm auch die Einladung in das Hohenzollern-Gymnasium, deren Vorgängeranstalt Lisa Frank bis zu ihrer Vertreibung 1935 besucht hatte. In einem spannenden Zeitzeugengespräch mit den Abiturienten des HZG berichtete sie von ihren bitteren Erfahrungen, von den Lehrern und Mitschülern geschnitten und ausgegrenzt zu werden, und ihrem von einem enormen psychischen Druck erzwungenen Abgang von der Schule. Ihr Traum, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden, sei damit geplatzt gewesen. Eindrücklich schilderte sie den Schülern, wie ihre Eltern sich lange Zeit geweigert hätten, Hitler und die Nazis als Bedrohung für ihr Leben zu sehen, und von der für ihre Familie traumatischen Ermordung des Onkels in Dachau und der Schwiegereltern in Auschwitz.

Fähigkeit zur Begegnung ohne Groll und Bitterkeit

Für den Autor dieses Beitrags war es eine der bewegendsten und unvergesslichsten Erfahrungen in seinem Berufsleben als Historiker und Archivar, erleben zu dürfen, wie Lisa Heyman den Freunden und Bekannten aus Kinder- und Jugendtagen ebenso wie der jungen Generation ohne Groll und Bitterkeit begegnete und in einer unnachahmlichen Mischung aus Englisch, Deutsch und Schwäbisch neugierig und interessiert das Gespräch und den Kontakt suchte. Es war für die alte Frau ein Stück weit eine Heimkehr und das Heilwerden einer schmerzhaften Verwundung. Die Einladung ihrer Heimatstadt und das von Bürgermeister Thomas Schärer mit der Stolperstein-Verlegung verbundene „Zeichen gegen das Vergessen“ bedeuteten ihr viel.

Ihre letzten Jahre verbrachte Lisa Heyman in Florida bei ihrer Tochter Patsy, die sie zusammen mit ihrem Mann Alan Roer liebevoll betreute und umsorgte. Obgleich sie 79 Jahre in den USA lebte und nur 19 in Deutschland, sei Sigmaringen stets ihre Heimat geblieben, in die sie in den letzten Monaten vor ihrem Tod zurückkehren wollte, wie ihre Tochter berichtet. Dass die Tochter der jüdischen Familie Frank aus Sigmaringen aber zugleich auch die Überlebende eines Menschheitsverbrechens ist, wird daran erkennbar, dass auf ihren ausdrücklichen Wunsch in ihrer in Florida veröffentlichten Todesanzeige um Spenden für das United States Holocaust Memorial Museum in Washington gebeten wird.

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