Sind junge Fahrer im Rettungsdienst überfordert?

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Ein FSJler hat im November 2013 in Laiz einen schweren Unfall verursacht. Das Amtsgericht hat ihn wegen Körperverletzung und Str
(Foto: Archiv)
Michael Hescheler

Notarzt Peter Nemeth erhebt schwere Vorwürfe gegen die Rettungsorganisationen im Kreis. Um Geld zu sparen, würden DRK und Malteser verstärkt angelernte Helfer im Rettungsdienst, Kranken- und Schülertransport einsetzen. Einige FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) haben in jüngster Zeit Unfälle verursacht. Dabei sind Menschen verletzt worden. Trotz etlicher Warnschüsse seien die Verantwortlichen unbelehrbar, sagt Peter Nemeth. „Muss erst noch jemand sterben?“, fragt der Notarzt.

Ein 29-jähriger Mann aus dem Kreis Tuttlingen war fast ein Jahr lang krank. Komplizierter Bruch eines Fußes und schwerste innere Verletzungen setzten ihm zu. Seine Mitfahrerin ist mit der Rettungsschere aus dem Wagen befreit worden und musste mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden. Ein 19-jähriger Fahrer eines Schülertransporters des Roten Kreuzes hatte ihm die Vorfahrt genommen. „Der Mann kannte den Weg nicht, fuhr einem Kollegen hinterher und schaute deshalb an der Einmündung nicht richtig.“ Im Herbst 2013 ist der Unfall bei Laiz passiert. Ein Personentransporter des DRK war in die Bundesstraße 313 eingebogen und hatte das Auto übersehen.

Dieser Unfall ist kein Einzelfall. Unserer Zeitung sind vier Unfälle bekannt (siehe separater Artikel), bei denen in den vergangenen 18 Monaten FSJler am Steuer saßen. Muten die Rettungsorganisationen im Kreis den jungen Frauen und Männern zu viel zu? Dieser Meinung ist Peter Nemeth, der als Anästhesist im Sigmaringer Krankenhaus selbst Dienste als Notarzt übernimmt. Nemeth berichtet aus eigener Erfahrung und aus dem Berufsalltag seiner Frau, die als Rettungsassistentin für das Deutsche Rote Kreuz arbeitet.

Übermaß an Verantwortung für junge Fahrer

Ein bewusstloses Kind wurde mit dem Rettungswagen unter Blaulicht ins Krankenhaus gefahren werden. Es regnete und auf der als Unfallschwerpunkt bekannten Bundesstraße 32 schlängelte sich der Feierabendverkehr von Bad Saulgau in Richtung Ravensburg. „Nach zehn Minuten brüllte der Notarzt: anhalten“, schildert Nemeth. Der zu schnell und unsicher fahrende FSJler musste den Platz hinterm Lenkrad verlassen. Nemeths Frau, die eigentlich dem Notarzt helfen sollte, übernahm das Steuer. Nemeth will den FSJlern gar keinen Vorwurf machen. „Ein junger Mann, der seit vier Wochen den Führerschein hat, kann in so einer Stresssituation keine Verantwortung für fünf Menschen übernehmen.“

Nemeths Frau ist seit Monaten krank. Ein FSJler übersah sie im November beim Rangieren (siehe dazu separater Artikel). Dies war der Auslöser, warum er den Gang an die Öffentlichkeit wagt. Der Anästhesist kritisiert die laxen Vorgaben der Rettungsorganisationen. „Wenn einer eine halbe Stunde den Führerschein hat, dann reicht das dem DRK“, so der Notarzt. Die Verantwortlichen des DRK weisen diese Vorwürfe zurück. „Die Zahl unserer Unfälle ist im Vergleich zu anderen Kreisverbänden nicht eklatant hoch“, sagt Martin Rider, der in der Personalabteilung für die FSJler zuständig ist. Die überwiegende Mehrheit habe seit mindestens einem Jahr den Führerschein und damit einiges an Fahrpraxis vorzuweisen.

Die FSJler würden erst im Dienstplan eingesetzt, wenn ein zweiwöchiges Praktikum auf der Wache samt eintägigem Sicherheitstraining mit der Polizei hinter ihnen läge. Als dritte Kraft werden sie mit den Fahrzeugen und medizinischen Geräten vertraut gemacht. Die vierwöchige Ausbildung zum Rettungshelfer samt schriftlicher und mündlicher Prüfung müssen sie ebenso bestanden haben. „Ob und wann einer im Rettungsdienst fahren darf, diese Entscheidung überlassen wir dem Schichtführer“, sagt DRK-Geschäftsführer Gerd Will.

Das DRK bildet die FSJler nach Eignung aus

Andere Kreisverbände würden die FSJler generell zum Rettungssanitäter ausbilden. Diese Ausbildung dauert doppelt so lange, also acht Wochen. Doch Peter Nemeth kritisiert, dass sich das DRK Sigmaringen mit Rettungshelfern begnügt. „Der Geschäftsführer hält sich an die Minimalvorgaben.“ Will erwidert: „Unter unseren FSJlern gibt es auch Rettungssanitäter.“ Dies werde nach Eignung entschieden.

Das DRK räumt zwar ein, dass FSJler kostengünstiger sind im Vergleich zu Rettungssanitätern, doch die finanziellen Vorteile seien überschaubar. Wichtiger seien die positiven Impulse zur Nachwuchsgewinnung. Da immer wieder FSJler hängenblieben, habe das DRK praktisch keine Nachwuchssorgen. Personalreferent Rider nennt die „motivierten Abiturienten einen Zugewinn für unseren Betrieb“, da sich erfahrene Mitarbeiter immer wieder mit den Fragen der jungen Leute auseinandersetzen müssten.

Notarzt Nemeth verweist darauf, dass der junge Mann, der seine Frau angefahren hat, nach einigen Wochen wieder hinterm Steuer eines Rettungswagens saß, obwohl er den Führerschein auf Probe hatte. Er will nicht lockerlassen, eine umfassendere Ausbildung und strengere Vorgaben bei der Fahrpraxis zu fordern.

Der Verursacher des Laizer Unfalls ist wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung in zwei Fällen vom Sigmaringer Amtsgericht verurteilt worden: Er musste 600 Euro Geldstrafe bezahlen und ein halbes Jahr lang seinen Führerschein abgeben.

Nach Angaben des DRK-Kreisverbands werden zwischen 20 und 30 FSJler im Rettungsdienst und Krankentransport eingesetzt. Die Zahl unterliege starken Schwankungen, da sich Dienstbeginn und -ende von Jahrgängen überlappen könne, sagt Martin Rieder von der DRK-Personalabteilung. Dem gegenüber stehen 45 hauptamtliche Rettungsassistenten und zwischen 40 und 50 Ehrenamtliche, die das DRK im Krankentransport und im Rettungsdienst einsetzt. Ein Drittel der 17 Malteser-Mitarbeiter im Rettungsdienst und Krankentransport machen ein freiwilliges soziales Jahr.

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