Sigmaringer Pfarrer: Ungarn wird zu Unrecht in nationalistische Ecke gestellt

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 Kein Vorbild in Sachen Nächstenliebe: der ungarische Premierminister Viktor Orbán.
Kein Vorbild in Sachen Nächstenliebe: der ungarische Premierminister Viktor Orbán. (Foto: Attila Kisbenedek/afp)
Redaktionsleitung

Pfarrer Liviu Jitianu hat am Sonntagabend in Gorheim entgegen sonstiger Gepflogenheiten politisch gepredigt. Europa würde zu wenig aus der Geschichte lernen, lautete seine Botschaft. Als positives Beispiel nannte er Ungarn. Im Vergleich zu vielen westeuropäischen Staaten bekenne sich das Land zu seinen christlichen Wurzeln. Ungarn würde häufig zu Unrecht in die nationalistische Ecke gestellt, sagte der Ungar mit rumänischem Pass. Darf ein Pfarrer eine politische Predigt halten? Der Kooperator der katholischen Seelsorgeeinheit sagt dazu im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“: „Unsere Kirchen in Osteuropa sind sehr politisch angehaucht. Das hat mich geprägt.“

Liviu Jitianu. (Foto: thg)

Viermal im Jahr feiert die katholische Kirche in Gorheim einen internationalen Gottesdienst. Ursprünglich gestalteten Flüchtlinge mit christlichem Hintergrund diese Gottesdienste mit. „Doch da diese Zielgruppe kaum noch anwesend ist“, wie es Pfarrer Liviu formuliert, wählt die Seelsorgeeinheit nun einen neuen Ansatz. Ein fremdes Land oder eine andere Kultur wird zum Thema gemacht.

Unsere Kirchen in Osteuropa sind sehr politisch angehaucht. Das hat mich geprägt.“

Pfarrer Liviu Jitianu

An diesem Sonntag singt der Kirchenchor aus Bingen ungarische Kirchenlieder und im Raum Sigmaringen lebende Ungarn gestalten den Gottesdienst mit.

Der Gottesdienst gipfelt in Livius Predigt: Er stellt sie unter die Überschrift, die kulturelle Anamnese Europas. Der Geistliche ist der Meinung, dass Europa mehr zu seinen Werten stehen muss. Dass Europa aus seiner Geschichte lernen muss, statt sie mehr und mehr zu vergessen. Soweit folgen ihm viele Gläubigen noch, doch als er Ungarn im Sonnenlicht darstellt und den vom Nationalisten Viktor Orbán geführten Staat als Musterknaben darstellt, kommen so manchem Zuhörer Zweifel. Ungarn halte die Werte aus der Vergangenheit hoch und bekenne sich zum Christentum, sagt Liviu.

Über 50 Prozent der Medienberichterstattung in Bezug auf Ungarn seien falsch, so der Kooperator weiter, ohne diese These zu untermauern, geschweige denn zu begründen. Das Hauptthema, warum viele Menschen hierzulande Ungarn kritisch sehen, verschweigt Pfarrer Liviu ganz: die rigide Flüchtlingspolitik der Regierung Orban, die 2015 am Bahnhof in Budapest gestrandete Flüchtlinge ignorierte.

Warum er dieses Thema ausklammerte? Auf diese Frage antwortet Pfarrer Liviu so: „Weil das Thema sehr heikel ist, habe ich es ganz bewusst so gemacht. Ich halte eine Predigt und keine politische Rede.“ Doch der Pfarrer leugnet nicht, dass seine Predigt durchaus politisch war.

Ich halte eine Predigt und keine politische Rede.“

Pfarrer Liviu Jitianu

„Die Kirche darf nicht apolitisch sein“, antwortet er auf die Frage, wie politisch eine Predigt sein dürfe. Im Gespräch über seine Predigt vermittelt Liviu einen reflektierten Eindruck. Dass Ungarn das Christentum in der Verfassung verankert habe, sieht er ein Stück weit als Überlebensmechanismus. „Das ist kein gelobtes Land“, sagt er am Tag danach.

Das Thema beschäftigte ihn auch als Wissenschaftler: Der promovierte Theologe lehrte an der Universität in Klausenburg und hielt über die Verankerung des Christentums in Europa Vorlesungen. Liviu selbst stammt aus Siebenbürgen, hat also einen rumänischen Pass, er gehört aber wie 1,2 Millionen Landsleute der ungarischen Minderheit an. Siebenbürgen wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs endgültig Teil Rumäniens.

Der Gottesdienst wird mit der ungarischen Nationalhymne beschlossen. Von der Gitarre begleitet singt eine Frau die von Franz Erkel komponierte Hymne, die in den Gesangbüchern des Landes abgedruckt ist.

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