Schlachthof bietet Kunst für die Ohren

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Spielt sogar mit gebrochenem Arm: der Saxofonist der Schweizer Band „Weird Beard“.
Spielt sogar mit gebrochenem Arm: der Saxofonist der Schweizer Band „Weird Beard“. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Zum sechsten Mal hat das Atelier im alten Schlachthof zu einem Sommerfest mit erlesener Musik eingeladen. Dort, wo sonst Kunst für das Auge entsteht, wird alle zwei Jahre Kunstgenuss für die Ohren geboten. Erneut konnten die Veranstalter mit einem außergewöhnlichen Programm Besucher von nah und fern anziehen.

Traditionellerweise setzt das „Schlachtfest“, wie das Schlachhoffestival genannt wird, auf den akustischen Genuss. Das Hören dient dem sonst eher dem Sehen verpflichteten Ort als Kontrast und reizvolle Ergänzung. Der Musikjournalist Christoph Wagner, über seine Schwester Ulrike Tyrs mit Sigmaringen verbunden, hat auch in diesem Jahr die Musiker eingeladen. Er ist ein hervorragender Kenner der Musikszene und holte ungewöhnliche Klangbilder nach Sigmaringen.

Am Nachmittag gab es in den Atelierräumen drei feine kleine Konzerte mit abseits der Musikszene zu findenden Instrumenten. In einem der beiden Atelierräume bezauberte Bruno Kliegl mit seiner Glasharmonika die Zuhörer. Er strich zuerst mit Wasser über die ineinandersteckenden Glasschalen oder -glocken und erzählte Spannendes zu seinem Instrument, das um 1762 von dem Amerikaner Benjamin Franklin erfunden wurde. „Dieser Klang, den man sonst so gut wie nirgendwo hört“, so Kliegl, verführte viele Komponisten und führte auch in seinem kleinen Konzert direkt zu Mozart, dem „König aller Glasharmonika-Komponisten“. Er spielte ebenso gefühlvoll Christoph Willibald Gluck oder den Zeitgenossen Goethes, Johann Schulz, bei dem Kliegl zu bedenken gab: „Zu seinem Largo in g-moll hätte Werther sich ohne weiteres auch erschießen können.“ Die Zuhörer im heutigen Sigmaringen waren eher entzückt, dass Traurigkeit so schön klingen kann.

Auch die international bekannte Toy-Piano-Virtuosin Isabel Ettenauer konnte im Nachbaratelier betören. Zunächst spielte sie auf einem Spielzeugklavier die 1948 von John Cage komponierte „Suite Toypiano“. Auf dem Toyflügel gab sie danach ein Stück von Karl-Heinz Essler zum Besten. Neugierig suchten die Zuhörer die Mitkonzertanten. Im Anschluss lüftete Ettenauer das Geheimnis: Die Interaktion kam über eine Zuspielung zustande, die zuvor am Toypiano eingespielt und elektronisch ausgeweitet wurde. In der Werkstatt und zwischen schweren Eisenwerkzeugen spielte die Gruppe „Lefta“ stilecht auf: Auf Tsouras und Baglamas sowie Fußschelle interpretieren sie mitreißende Lieder, die vom Leben der „kleinen Leute“ aus den 1930er Jahren zwischen der Türkei und Griechenland erzählen.

Zwischen Jazz und Rock gibt es noch vieles auszuloten

Zwischendurch konnten sich die Zuhörer mit Flammkuchen, Suppen und Getränken stärken. Maren Gebhardt und Andreas Musen vom Vorstandteam des Ateliers im Alten Schlachthof dankten allen Helfern, insbesondere Christoph Wagner und dem Graphiker Ralph Musen, der das neue Signet und die Werbung übernommen hatte. Wagner stellte danach die junge Schweizer Gruppe „Weird Beard“ vor: „Der Saxophonist Florian Egli spielt sogar mit gebrochenem Arm für uns.“ Zusammen mit Dave Gisler an der Gitarre, Martina Berther am Bass und Rico Baumann am Schlagzeug öffneten sie im ehemaligen Schlachtraum unbekannte und doch willkommene Klangräume: Dass es zwischen Jazz und Rock noch vieles auszuloten gibt, bewiesen sie mit eigenen Kompositionen.

Neben anderen gefiel dem junggebliebenem Künstler Ernst Lorch dies außerordentlich gut: „Das war wie ein Erfrischungsbad, für mich ist das pralle Lebensfreude.“ Mit dem bei weitem nicht nur in der Region bekannten Organisten Hans Joachim Irmler am Synthesizer und dem Drummer Jaki Liebezeit fühlten sich einige Zuhörer in vergangene Jugendzeiten versetzt. Beide gehören mit ihren Bands „Faust“ und „Can“ zur Rockgeschichte. „Irmler und Liebezeit“ haben zur sichtbaren Freude des Publikums nichts von ihrer Vitalität und Improvisationsfreude verloren.

Am Ende des Abends sammelte das Atelier Stimmen auf Papier: „Ein geiiiles Festival, sehr schöne Atmosphäre.“ Ein paar Besucher mehr hätte das Schlachthoffest noch gut vertragen können. Vielleicht kommen sie dann in zwei Jahren, zum nächsten Klangerlebnis.

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