Schüler aus Frankreich und Deutschland inszenieren Erinnerung

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 Der Alte Schlachthof ist die Bühne für das Schülerstück.
Der Alte Schlachthof ist die Bühne für das Schülerstück. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Schüler des Hohenzollern-Gymnasiums und des französischen Gymnasiums Blaise de Vigenère von Saint-Pourçain-sur-Sioule, 25 Kilometer nördlich von Vichy, haben im Alten Schlachthof Sigmaringen ihr selbst entwickeltes Stück „Erinnern statt Vergessen“ aufgeführt. Das von der Europäischen Union geförderte „Erasmus Plus Projekt“ beschäftigt sich grenzübergreifend mit dem Thema Totalitarismus.

Der Leiter der „Compagnie Procédé Zèbre“, Fabrice Dubusset, hatte sich beim Hohenzollern Gymnasium (HZG) gemeldet, ob man sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne. Das HZG entschloss sich mit den drei Französisch-Lehrerinnen, Barbara Lechner-Gay, Annemarie Kastelsky und Kathrin Schmid, das Projekt zu realisieren. Ein Großteil der Vorarbeit lag zunächst beim HZG. Probephasen auch unter Eigenregie sowie eine erste Vorstellung konnte bei einer Schulaufführung bereits gegeben werden. Nun aber waren Schüler aus Frankreich dazugekommen.

Der Schauspieler und künstlerische Direktor Dubusset nahm die selbst geschriebenen und gespielten Szenen der hiesigen Gymnasiasten und variierte das bereits Erarbeitete. In Zusammenarbeit mit den Französisch-Lehrerinnen und Dubussets Assistentin Nathasha Hopkins-Shaw sowie Tontechnikerin Raphaëlle Vassent entstand ein Stück mit einzelnen Szenen, die sich collageartig aneinanderreihten. Der Alte Schlachthof diente dabei nicht nur als Spielbühne, sondern war gleichzeitig eine ideale Kulisse.

Bereits beim Betreten des Raums fühlen sich die Besucher in eine andere Zeit und Welt versetzt. Die Akteure sitzen oder liegen wie im Fotoalbum im Raum. Musik und „Radio Paris et allemand“ verkünden auf Französisch Unheilvolles, der Raum ist in Lila getaucht, Theaternebel und Fliegergeräusche verstärken das Unbehagen. Die Schüler strecken sich auf der Schulbank und spielen sich in einer Szene vor mehr als 80 Jahren selbst. Die Lehrerin ruft Lisa auf, die an die jüdische Schülerin Lisa Frank, die das Gymnasium in Sigmaringen wegen extremer Diskriminierung verlassen musste, und gibt sie als „Jüdin mit langer Nase“ der Lächerlichkeit preis.

In einer nächsten Szene hat eine junge Deutsche Sorge, ihr Freund würde sie verstoßen, weil sie Jüdin ist. Dies bewahrheitet sich zum Glück nicht, die Liebe siegt in diesem Fall. In der nächsten Szene packen jüdische Kinder ihren letzten Koffer, der blaue Teddybär passt nicht rein, auch die glücklich verheiratete Frau kann ihr Hochzeitskleid nicht mitnehmen. Das Wissen um das Niemalswiederkehren wirkt, wie gewünscht, mit dem Wunsch „bonne chance“ beklemmend.

Faschismus ist nicht nur gestern

Eine der Szenen ist schwierig zu interpretieren. Die „deutsche Gruppe“ freut sich: „Die Franzosen kommen“. Mit Koffern und Küsschen werden sie freudig begrüßt. Die Besucher fragen sich, welche Zeit gemeint sein könnte. Die Vichy-Zeit nicht und auch nicht die Besatzungszeit, denn damals nahm man den „Einzug der Franzosen“ nach Sigmaringen zwar „als gegeben“ hin, aber Freude war sicher nicht aufgekommen. Gut inszeniert, aber doch etwas einseitig, schließt sich an: „Niemand darf gefoltert werden, jeder hat das Recht auf Asyl.“ Mit „Ausländer raus“ und das aktuelle „Lügenpresse“ fangen einzelne an, sich stampfend im Kreis zu bewegen. Immer mehr schließen sich an. Bald sind es alle – bis auf eine französische und eine deutsche Schülerin, die „nicht arisch“ aussehen. Mit „Deutschland den Deutschen“ werden sie in eine Ecke gedrängt, kriechen hervor und lesen einen bewegenden Abschiedsbrief an die Eltern. Schade ist, dass das Problem Totalitarismus hiermit in die Vergangenheit und als deutsche Angelegenheit „abgetan“ wird. Hier wäre die Chance gewesen, weitere europäische „Problemfelder“ zu benennen. Zudem funktioniert Faschismus auch, wenn nicht alle mitmachen. Ein Mitschleifen einzelner oder ein Ausscheren anderer hätte der Szene Glaubwürdigkeit und politische Brisanz verliehen.

Abgerundet wird das Stück durch ein Bild, das „Die schmutzigen Hände“ von Sartre zitiert: Während „die Opfer“ unbeweglich bleiben, greifen „die Täter“ in eine Grube und machen ihre Hände mit Ton schmutzig, halten diese dann hoch und verteilen die Erde in ihren Gesichtern. Denn die Schande wird bleiben.

Das überwiegend auf Französisch gespielte Stück wird sich bis zur nächsten Inszenierung weiter entwickeln. Weitere Schüler aus Rumänien, Italien, Österreich und Bosnien werden im Mai 2020 in Vichy ihre Blickwinkel zusammensetzen und dem Publikum präsentieren. Das Großartige an dieser kreativen Kooperation ist, dass sich Jugendliche verschiedener europäischer Länder mit der Vergangenheit und somit der Zukunft aktiv auseinandersetzen.

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