Rainer Maria Schießler fordert: „Auftreten statt austreten“

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 Pfarrer Rainer Maria Schießler (rechts) signiert nach der Lesung in Gorheim seine Bestseller.
Pfarrer Rainer Maria Schießler (rechts) signiert nach der Lesung in Gorheim seine Bestseller. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Pfarrer Rainer Maria Schießler hat im Rahmen von „Sigmaringen liest“ sein neues Buch „Jessas, Maria und Josef: Gott zwingt nicht, er begeistert“ in der Herz-Jesu-Kirche Gorheim vorgestellt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Besucher hörten dem zweistündigen Monolog hoch konzentriert zu und fühlten sich offensichtlich bei aktuellen Fragen in der Katholischen Kirche verstanden.

Die Buchhandlung Rabe hatte den bekannten Pfarrer Schießler eingeladen. „Alle 300 Karten waren nach kurzer Zeit ausverkauft“, so Joachim Greisle von der Buchhandlung. Dekanatsreferent Frank Schiefers stellte mit wenigen Worten Schießler, der seit 1993 Pfarrer in Sankt Maximilian, seiner „Hometown“ München, ist und auch als Wiesn-Pfarrer bekannt wurde, vor: „Er stellt existenzielle Fragen, die uns allen immer wieder begegnen, sehr persönlich dar und solche, die die Kirche derzeit umtreiben.“

Schießler überwindet eine mögliche Barriere zwischen Kirchenbesucher und Altar mit einem „Ich grüße euch ganz herzlich“ auf Bayerisch und erklärt erst einmal, was es mit „Hometown“ auf sich habe: „Ich wollte nie dort hin, aber der Mensch denkt und Gott lacht.“ St. Maximilian sei die Pfarrei, die er nie wollte: „Das ist so, als hätten Sie jemanden geheiratet, den Sie nie angeschaut haben.“ Über Bruce Springsteens Lied „My Hometown“ kam er dann zu der Erkenntnis, dass gerade Orte, die nicht gewünscht oder perfekt sind, der Lebensrealität entsprächen.

Schießler verwies auf die sakralen Gemälde in der Kirche und sagte, er sei ein großer Lukas-Fan. Dieser „unglaubliche Schriftsteller“ schreibe für eine aufgeklärte Gesellschaft, wenn er die Begegnung von Christus und Zachäus beschreibt. Das sei immer noch aktuell. Es gehe heute nicht darum, den Glauben neu zu definieren, sondern dass die Gläubigen die Kirche neu aufstellen: „Wir sind heute ganz andere Menschen.“ Schießler brachte Beispiele aus dem Alltag: „Die kleine Carlotta fällt und der Vater sagt, alles ist gut, obwohl nichts gut ist. Das ist die Welt des Lukas.“ Nähe, Beziehung, Geborgenheit heile. Anders ausgedrückt: „In dieser Welt ist Christus mittendrin, ganz an meiner Seite.“

Kirchen, so Schießler, seien dann voll, wenn der Priester mit offenen Armen dastehe, aber wesentlich seien die Kirchgänger für die Gemeinde. Zwischen Amtskirche und Gläubigen gebe es jedoch offensichtlich Gesprächsbedarf, sagte er und fügte hinzu: „Ich bin die Abteilung Attacke in der Kirche. Ich muss immer reden.“ Er nimmt Stellung zu den Flüchtlingen: „Die Rettung der Flüchtlinge ist eine Selbstverständlichkeit, denn jeder, der ertrinkt, muss gerettet werden.“ Er sprach sich gegen das Pflichtzölibat aus, sagte, jeder Mensch habe das Recht auf eine Taufe, auch wenn die Eltern nicht getauft seien. „Maria 2.0“ fand er „top“, die gelebte Ökumene wichtig: „Was trennt uns eigentlich und warum soll der evangelische Kollege nicht an diesem Altar stehen?“

Zwischenmenschliches statt Ängste zeigen

Er forderte die Besucher auf, das Zwischenmenschliche zu zeigen: „An euch kann man es ablesen, ihr entscheidet.“ Die Angst der Amtskirche könne er nicht verstehen. Die Kritik müsse innerhalb der Kirche stattfinden. Jeder mit einem positiven Gottesbild habe hier einen Auftrag und Schießler verkürzte auf die Formel: „Auftreten statt austreten.“ Auch wenn die Amtskirche sage, sie sei noch nicht so weit, so wisse er: „Ich bin soweit.“

Im Anschluss signierte er routiniert seine beiden Bestseller und gab dabei Antworten auf Fragen seiner Fans. Ein Katholik meinte im Hinausgehen: „Nachahmen kann man ihn nicht, aber vielleicht seine Begeisterung für den Glauben weitergeben.“

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