Nachruf auf Kardinal Lehmann: Ein Mann des Dialogs, der Theologie und der Kirche

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Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann ist tot: Der 81-Jährige starb am Sonntagmorgen in Mainz.
Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann ist tot: Der 81-Jährige starb am Sonntagmorgen in Mainz. (Foto: dpa)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Kardinal Karl Lehmann ist tot. Der langjährige Bischof von Mainz und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz starb am frühen Sonntagmorgen gegen 4.45 Uhr im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Mainz.

Lehmann galt als Brückenbauer und Mann des Dialogs mit der Moderne. Er stand für eine weltoffene Kirche und war aktiv beteiligt an der Wahl von Papst Franziskus im Jahr 2013.

Fast 33 Jahre lang, von Anfang Oktober 1983 bis zum Rücktritt an seinem 80. Geburtstag am 16. Mai 2016, war Lehmann Bischof von Mainz. Von 1987 bis 2008 leitete er die Deutsche Bischofskonferenz. Anfang 2001 erhob ihn der damalige Papst Johannes Paul II. zum Kardinal. Lehmann genoss auch als Theologe und Buchautor weltweites Ansehen.

Geboren wurde „unser Karl“, wie ihn Mainzer und hessische Katholiken gern nannten, am 16. Mai 1936 als Sohn eines Dorfschullehrers im hohenzollerischen Sigmaringen. Er entschied sich ein halbes Jahr vor dem Abitur für den Priesterberuf. Als er 1983 vom Mainzer Domkapitel zum Oberhirten gewählt wurde, war er Theologieprofessor in Freiburg. Als er 2016 als Bischof von Mainz verabschiedet wurde, lag die drittlängste Amtszeit eines Bischofs in der über tausendjährigen Geschichte des Bistums hinter ihm.

Lehmann bezog deutlich Position

Beim Blick ins Archiv der Deutschen Presse-Agentur mit seinen fast 5000 Einträgen unter dem Stichwort „Kardinal Lehmann“ fallen einige Überschriften besonders auf: „Kardinal Lehmann wünscht sich Frauen als Diakone“. „Kardinal Lehmann warnt vor AfD“. „Mainzer Bischof widerspricht dem Präfekten der Glaubenskongregation.“ „Kardinal Lehmann plädiert für Einführung von Mindestlöhnen“. „Kardinal Lehmann warnt vor Stillstand bei der Ökumene“. Überschriften, die deutlich zeigen: Lehmann mischte sich ein, bezog Position, wollte seine Kirche entwickeln. Und legte sich auch mit den Mächtigen an.

Die Überschriften zeigen deutlich: Die katholische Kirche verliert mit Lehmann, dem „Oberhirten mit dem dröhnenden Lachen“, einen reformfreundlichen Geistlichen, der stets versucht hat, christliche Überzeugung mit den Bedingungen der gesellschaftlichen Realität in Einklang zu bringen. In 54 Jahren Priesterschaft, 34 Jahren als Bischof und 21 als Vorsitzender der deutschen Bischöfe gab Lehmann den einfachen Gläubigen wie der mitunter wankenden Kirche Halt und Orientierung. In der katholischen Welt warb er für Offenheit statt dogmatischer Verkrustungen, in der Politik wandte er sich zuletzt gegen die rechtspopulistische AfD.

Misstrauen im Vatikan

Mit seiner Bereitschaft zum Dialog stieß Lehmann im Vatikan lange auf Misstrauen. Mit der späten Ernennung zum Kardinal zeigte Papst Johannes Paul II., dass reformfreudige Deutsche nicht gerade zu seinen Lieblingsbischöfen zählte. Und Lehmann fühlte sich auch bei konservativen Amtsbrüdern immer wieder missverstanden und abgelehnt – etwa, wenn er über verheiratete Priester sinnierte. Lange versuchte er auch, die katholischen Beratungsstellen im staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung zu halten, um mehr in Not geratene Frauen erreichen zu können und die Zahl der Abtreibungen zu verringern. Auch gründete er 2001 die Initiative „Netzwerk Leben“ im Bistum Mainz. In den Beratungsstellen erhalten Frauen etwa Hilfe bei gewalttätigen Partnern. Er setzte sich auch dafür ein, dass wiederverheiratete geschiedene Katholiken aus seelsorgerischen Gründen zur Kommunion gehen dürfen – auch diesen Vorstoß lehnte der Vatikan lange Zeit kategorisch ab. Erst in jüngster Zeit setzte Papst Franziskus Zeichen für eine Annäherung der Positionen.

Als Vertreter eines reformfreundlichen Kurses trieb Karl Lehmann zudem die Ökumene stets voran. Als erster Katholik wurde er mit der Luther-Medaille der Evangelischen Kirche in Deutschland geehrt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lobte den Fan des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 einmal als Mittler zwischen den Welten.

Würdigung am 80. Geburtstag

Am 80. Geburtstag Lehmann, am 16. Mai 2016, würdigten Politiker Bund und Land den Jubilar. Er gebe Orientierung in Zeiten großer Orientierungslosigkeit, sagt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD). Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sah Lehmann ein bejahendes Christentum verkörpert, das Menschen das Gefühl gebe: „Es macht ja Freude, Christ zu sein.“ Ihr hessischer Kollege Volker Bouffier (CDU) sagte, dass Lehmann bischöfliche und intellektuelle Autorität mit gelebter Bodenständigkeit verbinde.

Er sei froh, sagte Lehmann bei der Feier, dass er nun „von den allermeisten Zwängen frei werde“. Er wolle weiter in Theologie, Philosophie und Ökumene tätig sein und vielleicht auch Bücher schreiben – „im Wissen darum, dass der Lebensbogen zu Ende geht“, werde das Leben dichter und ernster, kostbarer und wertvoller.

Lehmanns letzter großer öffentlicher Auftritt war am 27. August 2017, als er Peter Kohlgraf im Dom zum neuen Mainzer Bischof weihte. Ein Termin, bei dem der Kardinal bereits gesundheitlich angeschlagen war und phasenweise gestützt werden musste – den er aber dennoch mit eiserner Disziplin und mitunter strahlender Miene absolvierte.

Seit September 2017 kämpfte Lehmann dann mit den Folgen eines Schlaganfalls und einer Hirnblutung, zunächst im Krankenhaus und seit Mitte Dezember 2017 zuhause. Am letzten Montag war sein Gesundheitszustand so „kritisch“, dass Bischof Kohlgraf zum Gebet für Lehmann aufrief - für „das letzte Stück seiner irdischen Pilgerreise“.

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