Mallaun entlockt der Zither erstaunliche Töne

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 Martin Mallaun haucht der Zither im Schlachthof neues Lebnen ein.
Martin Mallaun haucht der Zither im Schlachthof neues Lebnen ein. (Foto: Christoph Wagner)
Christoph Wagner

Wer weiß heute noch, was eine Zither ist? Das einst so populäre Musikinstrument sieht sich in einer Gegenwart, in der Keyboards, E-Gitarren und Laptops den Sound der Zeit bestimmen, längst an den Rand gedrängt. Martin Mallaun will diesen Trend umkehren. Der Zithervirtuose aus St. Johann in Tirol bringt das Saiteninstrument ins Rampenlicht zurück mit einem Programm, das sich über mehr als 400 Jahre Musikgeschichte spannt und die vielfältigen Möglichkeiten des Zupfinstrument eindrucksvoll demonstriert. Der Auftritt von Mallaun im Alten Schlachthof in Sigmaringen entpuppte sich am Donnerstag als eindrucksvoller Beleg für die Behauptung, dass die Zeit der Zither noch längst nicht abgelaufen ist.

Das Konzert zog seinen Reiz aus einer Gegenüberstellung: Auf der einen Seite präsentierte Mallaun Musik aus Renaissance und Barock, die er mit ultramodernen Kompositionen kontrastierte, die oft ins Atonale ausgriffen. Mit unglaublicher Fingerfertigkeit schaffte es der Österreicher die verschlungenen kontrapunktischen Melodien in den Stücken von John Dowland, Jan Pieterszoon Sweelinck und Sylvius Leopold Weiss aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zu neuem Leben zu erwecken. Ursprünglich waren diese Tänze, Fantasien und Psalme für Laute geschrieben worden, doch schaffte es Mallaun, sie so überzeugend in Szene zu setzen, dass man hätte schwören können, authentischer Zithermusik zu lauschen.

Der ebenmäßige Fluß der melodischen Linien dieser frühen Musik kontrastierte Martin Mallaun mit avantgardistischen Werken, die junge Komponisten für ihn geschrieben haben und die einen ganz anderen Ton anschlagen. Hier geht es darum, das Klangspektrum der Zither zu erweitern, unkonventionelle Saitenstimmungen und Spieltechniken zu erkunden, die bis ins Geräuschhafte gehen können. Kurz: Die Absicht ist, dem Zupfinstrument neue musikalische Sphären zu eröffnen.

Der Komponist Leopold Hurt hat mit „Logbuch“ ein Werk in vierteltöniger Mikrotonalität geschaffen, das mit Flageoletts sowie Clustern arbeitet, die entstehen, wenn man mit der flachen Hand auf die Saiten der Zither schlägt, eine Technik, die klassischen Zitherspielern die Haare zu Berge stehen lassen.

In der Komposition „Traum im Traum“ des Amerikaners William Dougherty kommen dagegen alle möglichen Hilfsmittel zum Einsatz – ob Gitarren-Bottleneck oder Geigenbogen –, mit denen der Zither bislang unbekannte Klänge entlockt werden, die sich dann zusammen mit den Zuspieltönen vom Laptop zu einem komplexen Klanggeschehen verbinden. Martin Mallaun spielte diese zeitgenössischen Kompositionen auf zwei Spezialinstrumenten, die er sich nach seinen eigenen Vorgaben bauen ließ und die jeweils eine besondere Klangqualität besitzen.

Zum Abschluß kam in einer Komposition von Marco Döttlinger noch die E-Zither zum Einsatz, die wie die E-Gitarre auf elektrische Verstärkung angewiesen ist, weil sie sonst nahezu stumm bleibt. Anfangs bestimmen in diesem Stück einzelne Dissonanzen mit langen Pausen dazwischen das Geschehen, die sich mit der Zeit rhythmisch ordnen und immer mehr verdichten, bis Mallaun zu einem Metallstück greift und heulende Sounds über das pulsierende Fundament legt, welche die Gleittöne der Hawaiigitarre oder der Pedal-Steel-Guitar der Countrymusik in Erinnerung rufen. Das Publikum wurde von dieser Klangwelt derart in den Bann gezogen, dass Mallaun erst nach einer Zugabe seinen Heimweg nach Tirol antreten durfte.

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