Kretschmann und sein „Binnenmigrantenorchester“

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Kretschmann und sein „Binnenmigrantenorchester“
Kretschmann und sein „Binnenmigrantenorchester“ (Foto: Gerold Rebsch)

Mit Blasmusik mehr als 1000 Zuhörer gewinnen – das hat die Zentralkapelle Berlin jüngst bei ihrem Sommerkonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie in der Bundeshauptstadt geschafft. Johannes Kretschmann, Sohn des Ministerpräsidenten, war eines der Gründungsmitglieder des Orchesters, bestehend aus Hobbymusikern, und ist heute noch aktives Mitglied, obwohl seine Berliner Studienzeit schon viele Jahre zurückliegt. Diesen Sommer kommt das Ensemble, das sich fast jedes Jahr auf Konzertreise begibt, nach Sigmaringen. Einen Auftritt gibt es zwar nur in privatem Rahmen, aber: „Wir werden auf dem Sigmaringer Weinfest zugegen sein“, sagt Kretschmann, „und da werden wir sicher in irgendeiner Weise auffallen.“

Der Laizer spielt Waldhorn und kam 1998 nach Berlin. Zunächst spielte er im Jungen Orchester der Freien Universität Berlin (FU), an welcher er Religionswissenschaft, Rumänisch und Linguistik studierte. Im Jahr 2000 etablierte seine Musikerclique, allesamt „wilde Vögel“, wie Johannes Kretschmann sagt, die Reihe der Berliner Kammermusikabende, eine Art Kleinkunstbühne im privaten Rahmen, die Raum für „Brüllpoesie“ und ausgedachte „Kurzgeschichten“ bot. „Man kennt sich in der Szene, und viele davon sprechen schwäbisch“, sagt der 39-Jährige freiberufliche Onlinejournalist.

Die kreativen Köpfe, deren Kultur-Events häufig in feuchtfröhliche Partys ausarteten, hegten den Wunsch, ein eigenes Blasmusikensemble zu gründen. Im Jahr 2002 entstand so die Zentralkapelle Berlin, die bis heute recht aktiv ist. Kretschmann ist Gründungsmitglied Nummer vier. Am Anfang wurde im Wohnzimmer des Dirigenten geprobt – „bis die Nachbarn klingelten“. Mit rund einem Dutzend Musikern gestartet, ist die Formation auf 80 Mitglieder angewachsen. Auch die Qualität des Spiels und der Anspruch seien „enorm gestiegen“. Auf der Bühne stehen meist zwischen 30 bis 50 Musiker. Sie spielen sowohl Märsche und zünftige Stücke, wagen sich aber auch an konzertante Kompositionen und Neue Musik, etwa von John Cage, heran.

Zu dieser „anders gedachten und ausgeführten Blasmusik“ zählt Johannes Kretschmann auch Improvisationen oder in Auftrag gegebene Kompositionen. Die Konzerte sind ein Erlebnis: Die Musiker laufen quer durch den Konzertsaal, denken sich Choreografien aus. Auch die Ansagen sind in unkonventionelle Impulsvorträge eingebettet. Heuer hatte die Zentralkapelle erstmalig einen Walzerkompositionswettbewerb ausgeschrieben – die beiden Gewinnerstücke wurden beim Sommerkonzert am 27. April in Berlin uraufgeführt.

Von ihrer Gage leistet sich das Orchester professionell geleitete Registerproben bei Musikdozenten. Etwa zwölf Konzerte gibt die Zentralkapelle pro Jahr, Highlight ist das jährliche Sommerkonzert in Berlin mit vorgelagertem Probenwochenende, von dem Kretschmann erst vor wenigen Tagen zurückgekommen ist. Im Publikum saß auch die Musikkapelle Laiz, die sich auf politische Bildungsfahrt nach Berlin begeben hatte. In jener Musikkapelle hatte Kretschmann mit 14 Jahren die Ausbildung am Instrument begonnen.

Eigentlich hätte er lieber Trompete gespielt, aber wegen Überbelegung bekam er ein Flügelhorn in die Hand gedrückt. Obwohl er einst in einem Poesiealbum eines Freundes „Musik“ als meistgehasstes Fach angegeben hatte – eigenen Angaben zufolge dürfte ein Blockflötentrauma ursächlich dafür sein – , belegte er in Klasse 6 den Musikzug des Hohenzollern Gymnasiums. „Ich war mit meinem Vater viel in der Oper, im Freischütz beispielsweise, und daran hat mich das Waldhorn begeistert“, sagt Kretschmann.

Sein Interesse an dem Instrument, das in der Musikkapelle Laiz zunächst ein Schattendasein fristete, blieb dem damaligen Laizer Dirigenten nicht verborgen. So bot dieser an: „Wenn du aufs Waldhorn umsteigst, schaffen wir drei neue B-Hörner an.“ Da war Kretschmann 17. Den ersten Auftritt mit der Kapelle als erster Hornist bei den Sigmaringer Heimattagen hat er noch genau in Erinnerung. Er spielte den Bozner Bergsteigermarsch. „Eine Wespe hat mich ins Nasenloch gestochen, da hab ich schier das Instrument weggeschleudert“, sagt er lachend. Mit tränenden Augen habe er bis zum Ende weitergespielt. Zum Abitur gab es von Vater Winfried Kretschmann ein Doppelhorn.

2007 hatte Johannes Kretschmann die Zentralkapelle zum ersten Mal in sein Heimatdorf geführt. Da traten die Musiker auf dem Laizer Gartenfest auf, gefolgt von einem Platzkonzert vor dem Schloss. Auch Reisen nach Zypern, Schweden, Chemnitz, an den Bodensee gab es schon – meistens Orte, die einen persönlichen Bezug zu einem Ensemblemitglied herstellen. Aus Berlin kämen schließlich die wenigsten. „Ich sage immer: Wir sind ein Binnenmigrantenorchester“, fasst Kretschmann zusammen.

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