Künstler „repariert“ mit Bildern Maschinen

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Künstler Maximilian Weiger und Silke Leopold bei der Vernissage.
Künstler Maximilian Weiger und Silke Leopold bei der Vernissage. (Foto: Vera Romeu)
Schwäbische Zeitung
Vera Romeu

Der junge Künstler Maximilian Weiger, Preisträger des Bundeskunstpreises für Menschen mit Behinderung, hat seine Bilder in den Räumen des „Mittendrin“ in der Kirchstraße gezeigt. Zur Vernissage der Ausstellung „Kunstmaschinen“ nach dem Gottesdienst kamen sehr viele Gäste. Die Künstlerin und Kunsttherapeutin Silke Leopold sprach die Laudatio, der französische Musiker Joel Moineuse spielte auf dem Akkordeon. Pfarrer Ekkehard Baumgartner begrüßte die Gäste mit den Worten: „Diese Bilder mit ihren lebensfrohen Farben sind einzigartig.“

Es sind vor allem Maschinen, die den jungen Künstler interessieren. Er baue sie auseinander, zeichne die Stücke und male daraus eine neue Maschine. Er nenne diesen Vorgang „reparieren“. Natürlich bohre die auseinandergenommene Bohrmaschine kein Loch mehr und der zerlegte Wecker klingle nicht mehr, aber es entstehe aus dem Material eine neue Interpretation, eben ein Kunstwerk, erklärte Kunsttherapeutin Leopold. Aber aus den vielen Teilen ergebe sich durch die künstlerische Reduktion ein neues Ganzes. Für diese Art Kunst wählte sie den Fachbegriff Art Brut oder Outsider Art. Doch könne man die Kunst auch als eine große Landschaft sehen, in welcher sich Künstler und Betrachter befinden. Im öffentlichen Raum komme es zur Begegnung mit den Werken, das Zwiegespräch entstehe.

An den Wänden hängen leuchtende Bilder, die eine Welt darstellen, deren inneren Reichtum man beim Betrachten ahnt. Die „Schreibmaschine“ schaut mit ihren Tastenreihen herunter, der „Radiowecker“ ist voller Bestandteile der Komplexität, die „Lampe“, die „Kunst Maschine“ – alles Maschinen der Alltags oder der Erfindung. Während einer Italienreise hat Maximilian Weiger vier Tage lang einen Traktor betrachtet und gemalt. Strukturen, Linien und Flächen sind konsequent gestaltet. In manche Bildern streut der Künstler Worte ein und gibt den Farben und Formen dadurch eine weitere Dimension. Intensiv und konzentriert arbeitet der junge Künstler seit 2007 im Atelier 33 in Wilhelmsdorf oder unterwegs mit der Künstlerin Silke Leopold. Sie ist ihm eine Art Kunstbegleiterin geworden.

Großes Bedürfnis nach Farbe

Das große Bedürfnis nach Farbe treibe den jungen Künstler an, sich konsequent mit den Maschinen und ihrer künstlerischen Interpretation zu beschäftigen. Auch sei es das Atelier, die Eisdiele nebenan, die Kirche oder Bezugspersonen, die ihn inspirierten. „Im Ringen mit dem alltäglichen Material ereignet sich etwas Unberechenbares, ein Gefühl, das zu Farbe und Form wird“, erklärte die Kunsttherapeutin. Maximilian Weiger durchbricht die Materialgrenze und schafft sich eine persönliche Wirklichkeit. Es ereignet sich eine Art Metamorphose, die Materie wird Kunst.

Maximilian Weiger baut auch Plastiken. Kunstbegleiterin Leopold berichtete von einem Festival, an dem die Wilhelmdorfer Künstlergruppe teilnahm. Es entstand die Idee, aus alten Dingen Neues zu schaffen. So sammelte sie alte, gebrauchte Hilfsmittel wie Rollatoren, Wäschewagen und bot sie ihrer Künstlergruppe an. Maximilian Weiger wählte einen Toilettenstuhl. Er baute einen Baldachin darüber, eine Innen- und Außenwand aus Pappmaschee und bemalte das Objekt in kräftigem Rot und leuchtendem Gelb. Als er fertig war, ging er um das Objekt herum und nannte es „Beichtstuhl“. Wenn man sich in diesen Stuhl setze und spreche, dann wirke der rundum geschlossene Baldachin wie ein Resonanzkörper. „Das fällt das gesprochene Wort buchstäblich auf einen zurück, das ist ja eigentlich das Wesen der Beichte“, stellt Leopold fest. Maximilian Weiger habe sie beauftragt zu sagen, dass er sehr gerne male und dass er sich freue, wenn ihm Leute alte Maschinen, die sie nicht mehr brauchen, schenken.

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