Jugendliche halten die Augen offen

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 Schüler gestalten die Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Marktplatz.
Schüler gestalten die Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Marktplatz. (Foto: Elisabeth Weiger)
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Trotz des Nieselregens und fröstelnden Temperaturen ist es am Volkstrauertag für viele Bürger der Stadt ein Bedürfnis gewesen, gemeinsam den Opfern von Krieg und Gewalt zu gedenken. Unter den schützenden Arkaden des Rathauses erlebten sie eine eindrucksvolle Gedenkfeier, in der junge Menschen mittels Zeitzeugenberichten, Gedichten und selbstverfassten Texten an die leidvolle deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts erinnerten.

Schüler des Hohenzollerngymnasiums ließen mit Wolfgang Widmaier, Jahrgang 1926 und ehemals Schüler der „Staatlichen Oberschule für Jungen“ in Sigmaringen, einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten zu Wort kommen. Anfang 1944, kurz nach seinem 17. Geburtstag, wurde er eingezogen, in Italien schwer verwundet und litt ein Leben lang an den Spätfolgen. Während seiner Grundausbildung in Stuttgart erlebten er und seine Mitschüler einen Bombenangriff, ein ohrenbetäubendes, apokalyptisches Inferno, in dem es nur noch „krachte, brodelte, explodierte, sprühte, glühte und zischte“. Dass auch die Psyche eines jungen Menschen davon Schäden abbekommen konnte, ja musste, liegt auf der Hand. Widmaier überlebte den Krieg.

Nach einem Gedicht Peter Härtlings „Wenn jeder eine Blume pflanzte“ übergaben die Schüler das Mikrofon an Christopher Szesny vom Jugendforum Sigmaringen. Er besuchte den nahe der Partnerstadt Boxmeer gelegenen Soldatenfriedhof in Ysselstein, Gräberfeld von 32 000 Menschen, alle Opfer eines einzigen Kriegstages. „Wäre ich früher geboren, dann läge ich vielleicht auch unter einer der endlos langen Reihen gleichförmiger Grabstellen.“

Die Klasse 11 der Liebfrauenschule versuchte in ihrem Beitrag Antworten auf die Frage zu finden: Warum und über wen sollen wir heute noch trauern? Es ist doch kein Krieg! Dass „weit weg“ eben nicht weit weg ist, in Syrien, Mali, in Afghanistan auch deutsche Soldaten im Einsatz sind, mit deutschen Waffen geschossen und getötet wird, das betrifft uns auch, stellten die Schüler fest.

Neben den Kriegstoten, den Opfern von Gewaltbereitschaft und -herrschaft wird am Volkstrauertag auch an die Opfer von Rassismus gedacht. Bürgermeister Marcus Ehm sieht angesichts des Attentats in Halle und der „Rede vom Fliegenschiss“ eines deutschen Politikers, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit „mit voller Wucht zurückkommen“.

Mit einem Text von Bertolt Brecht thematisierten die Schüler der zehnten Klasse der Bilharzschule das Gedächtnis der Menschheit. „Heute sind alle Menschen und vor allem wir – die junge Generation – das Gedächtnis der Menschheit. Wir wollen Geschehenes nicht vergessen, die Augen offenhalten und an die grausamen Geschehnisse der Kriege und ihre Opfer erinnern. Deshalb sind wir heute hier.“

Nach dem Totengedenken und der Kranzniederlegung intonierte die Stadtkapelle „Ich hatt’ einen Kameraden“ und beendete mit diesem zu Herzen gehenden Lied eine würdige Veranstaltung.

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