Initiative gegen Pflegenotstand: So bewertet die Region den GroKo-Vorstoß

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Mehr Zeit für Pflegebedürftige: Mit 13 000 neuen Stellen will die Große Koalition dem Pflegenotstand entgegenwirken.
Mehr Zeit für Pflegebedürftige: Mit 13 000 neuen Stellen will die Große Koalition dem Pflegenotstand entgegenwirken. (Foto: dpa)
Crossmedia Volontärin

Gestresste Altenpfleger, alleingelassene Patienten. Die Große Koalition verspricht Besserung im sogenannten Pflegenotstand. Am Dienstag startete die „Konzertierte Aktion Pflege“, eine gemeinsame Initiative der Bundesministerien für Gesundheit, für Arbeit und für Familie. 13.000 neue Stellen sollen in der stationären Altenpflege geschaffen werden sowie bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Wie aber bewertet die Pflegebranche im Südwesten die geplanten Vorhaben?

Ostrach im Landkreis Sigmaringen: Das Altenheim Elisabethenhaus gleich neben der Dorfkirche ist geräumig und hell. Sechs Pflegekräfte stehen bei der Pause zusammen, während die Bewohner an einem großen Tisch beisammensitzen und Tee trinken. „Wir haben einen guten Pflegeschlüssel ausgehandelt“, sagt Annegret Jäger, Leiterin des Hauses. Auf die 34 stationären plus sechs Tagespflegeplätze kommen in dem Heim der Caritas insgesamt 15 Vollzeitpflegestellen sowie fünf Azubis.

Personal ungleich verteilt

„Bei der Personalausstattung sind Bayern und Baden-Württemberg Spitzenreiter“, sagt Herbert Mauel, Geschäftsführer des Bundesverbands für private Anbieter sozialer Dienste. Die beiden Länder hätten jeweils rund 20 Prozent mehr Personal in der Altenpflege als beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern. Doch auch im Süden seien Altenpfleger und Plätze ungleich verteilt. „Im ländlichen Raum ist die Situation noch relativ gut, in den Ballungsräumen hingegen ist es schon schwieriger, einen Platz im Heim oder einen ambulanten Pflegedienst zu bekommen“, sagt Mauel. Er findet: 13 000 neue Stellen bundesweit zu schaffen ist „genau am richtigen Punkt angesetzt“. Positiv sei vor allem, dass das Geld für die Arbeitsplätze aus der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kommen soll.

Denn derzeit verhält es sich mit der Finanzierung folgendermaßen: Angestellte Pflegekräfte werden ausschließlich aus der Pflegeversicherung und durch die Heimbewohner finanziert. Auch die medizinische Behandlungspflege, also die von einem Arzt angeordneten Leistungen wie die Medikamentengabe, zahlen die Bewohner aus der eigenen Tasche. Bei einer ambulanten Versorgung trägt das die Krankenversicherung. „Heimbewohner zahlen also den Krankenversicherungsbeitrag und zusätzlich für die Behandlungspflege“, erklärt Mauel. Bewohner eines Altenheims würden demnach doppelt zur Kasse gebeten.

Mehr Personal ist auch für Pflegehausleiterin Jäger ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig sieht sie das Vorhaben aber auch kritisch: „Wenn wir mehr Pflegekräfte einstellen, dann werden auch die Kosten für die Bewohner angehoben.“ Für das kommende Jahr hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits eine Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,3 Prozentpunkte angekündigt. Mit Blick auf die geplanten Vorhaben hält Mauel eine weitere Anhebung der Pflegebeiträge für unvermeidbar. Denn neben den neuen Stellen sollen gleichzeitig die Löhne der Pfleger steigen, um den Beruf an sich attraktiver zu machen.

Georg Nüßlein (CSU), aus dem Wahlkreis Neu-Ulm und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagt dazu: „Wenn man sich einig ist, dass man mehr Pflegekräfte und höhere Löhne braucht, wird es auf lange Sicht teurer.“ Die Kosten könnten dann aber nicht alleine auf die Pflegebedürftigen abgewälzt werden.“

Beruf attraktiver gestalten

Ein Stellenaufbau in der Pflege ist aber auch mit Blick in die Zukunft unabdingbar. „Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt rapide, die der Fachkräfte aber nicht automatisch“, sagt Verbandsgeschäftsführer Mauel. Bis 2030 soll die Zahl der Pflegebedürftigen um ein Drittel zunehmen, bis 2050 sogar um 93 Prozent, wie Hochrechnungen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg zeigen. Um den Beruf attraktiver zu gestalten, ist deshalb ein weiterer Punkt im Koalitionsvertrag verankert: bessere Vereinbarkeit mit der Familie. Denn Schichtarbeit und Kindererziehung sind kaum unter einen Hut zu bringen. „Die Öffnungszeiten einer Kita haben meist wenig mit der Lebensrealität und den Arbeitszeiten der Pflegekräfte zu tun“, sagt Nüßlein. Deshalb will die Große Koalition bessere Bedingungen schaffen, damit auch geringfügig Angestellte und Teilzeitkräfte wieder ihre Arbeitsstunden aufstocken können.

Für Annegret Jäger vom Elisabethenhaus wäre das eine erhebliche Erleichterung. Auch sie hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Pflegerinnen nach dem Mutterschutz nicht in ihren Job zurückkehren. Angesichts ihrer Arbeitszeiten sei es für viele Pflegerinnen schlichtweg einfacher, sich selbst zu Hause um ihr Kind zu kümmern.

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