Ilse Lippert wird 90 und sorgt auch heute noch für Wirbel

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 Ilse Lippert wird 90 Jahre alt. Sie erzählt von Erlebnissen während des Kriegs, schicksalhaften Begegnungen und dem, was sie an
Ilse Lippert wird 90 Jahre alt. Sie erzählt von Erlebnissen während des Kriegs, schicksalhaften Begegnungen und dem, was sie antreibt. (Foto: Peggy Meyer)

Die Dame auf dem Foto dürfte den meisten Lesern bekannt sein, sorgte sie doch erst in dieser Woche für Schlagzeilen und Aufregung beim Vetter Guser, mit ihrer Forderung, an Stelle ihres Mannes gebräutelt zu werden. Am morgigen Sonntag nun begeht Ilse Lippert ihren 90. Geburtstag und egal, ob sie nun auf die Stange „n’auf“ darf oder nicht, ihren Ehrentag wird sie gebührend feiern.

Geboren wurde Ilse Lippert am 3. Februar 1929 als zweites Kind einer Chemikerfamilie in Frankfurt-Höchst, „in der Dreckluft“, wie sie schmunzelnd anfügt. An die Zeit denkt sie gern zurück. „Ich hatte eine wunderschöne Kindheit und sehr strenge, aber liebevolle Eltern.“ Aufgewachsen in einem Wohnblock mit vielen Arbeiterfamilien, lernte die Jubilarin beizeiten Kameradschaft und Solidarität kennen. „Wir haben für kinderreiche Mütter gesammelt, damit sie auch mal Urlaub machen konnten.“ Ihre Kindheitserinnerungen an den Hinterhof mit Ballspielen oder Rollschuhlaufen beschließt sie mit der Feststellung: „Wir hatten doch viel, wir hatten uns Kinder.“

Mit dem Krieg endete die unbeschwerte Kindheit, ihr einziger Bruder, „ihr großer Beschützer“, fiel 17-jährig in Berlin. Den Namen des kleinen Mädchens, das beim Bombenangriff mit seiner Mutter starb, weiß Ilse Lippert noch heute.

Nach Kriegsende ging sie nach Königsstein im Taunus, um eine Lehre in einer Gärtnerei aufzunehmen. Dort lernte sie ihre Freundin kennen, die tiefe Freundschaft währte bis zum Tod der Freundin im vergangenen Jahr. Nach dem Studium zur Obst- und Gemüsebautechnikerin zog es Ilse Lippert zurück in die Heimat. Fast zehn Jahre arbeitete sie in den Farbwerken Höchst, unter anderem, um Alternativen für Pflanzengifte zu erforschen. „Das war eine schöne, wenn auch manchmal sehr mühevolle Arbeit“, so die Jubilarin. „Ich habe in meinem Leben Tausende von Blattläusen gezählt.“

Ihren zukünftigen Mann, den Architekten und Künstler Peter Lippert, lernte sie durch einen „Verkupplungsversuch“ einer Bekannten kennen. „Sie sagte zu mir, Peter hat doch keine Zeit, eine Frau kennenzulernen.“ Für ihn verlässt sie die Heimat, 1958 heiraten beide und über einen Kurzaufenthalt in Düsseldorf verschlägt es die mittlerweile dreiköpfige Familie für weitere fünf Jahre nach Basel. Dort kommt die zweite Tochter zur Welt. Im Mehrfamilienhaus lernt Ilse Lippert eine Frau, eine Jüdin, kennen. „Sie hat mir von ihrer Familie erzählt. Sie war die einzige, die überlebt hatte…“ Es war eine zutiefst berührende Begegnung, die bei Ilse Lippert auch heute noch Tränen aufsteigen lässt. Seitdem ist ihr Interesse an den Schicksalen der KZ-Häftlinge ungebrochen. „Ich habe so viele Bücher gelesen, die mich ergriffen, schockiert und zugleich sehr wütend gemacht haben.“

Seit 1965 leben die Lipperts in Sigmaringen. Ilse Lippert kümmerte sich um die Töchter, pflegte ihre Mutter, die stolze 106 Jahre alt wurde. Später nahm sie eine Halbtagsstelle bei einem erblindeten Anwalt auf. 1986 dann ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie, als die älteste Tochter 27-jährig eines gewaltsamen Todes starb.

„Du musst trotzdem nach vorn schauen, positiv denken“, das ist eine Lebensmaxime von Ilse Lippert, einer zierlichen Frau, die sich selbst als verbindlich, freundlich und unterhaltsam beschreibt. Sie liebt die Natur, das Wandern, die Blumen – jedes Jahr fährt sie mit ihrem Enkel auf die Mainau – und sie ist ein Mensch ohne Berührungsängste, der gern hilft, wo Hilfe benötigt wird. Mit 85 Jahren hat sie Deutschkurse für Flüchtlinge gegeben. „In der Stadt haben sie mir gewunken und mich Mama genannt.“ In Konzerten sitzt sie gern in der ersten Reihe. „Nicht, dass jemand vor mir ist und ich mich vielleicht mit Gedanken um seine Haare ablenken lasse.“

Ihr Mann liebt eher die Einsamkeit, dieser Gegensatz ist für Ilse Lippert kein Problem. „Er ist unwahrscheinlich produktiv und intelligent, ich bin doch reich“, so ihr Kommentar. Und die Sache mit dem Bräuteln hätte die Jubilarin schon gern gemacht, „schließlich bin ich doch auch eine Hälfte unseres Ehejubiläums“. Aber wenn sie auch sonst ein sehr optimistischer Mensch ist, an die Sache mit den Frauen und der Stange glaubt sie nicht wirklich. „Da sind die Paragrafenreiter wohl doch zu stark.“

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